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Die Afar sind ein Nomadenvolk im Nordosten von Äthiopien. Etwa 95 Prozent ihrer Frauen sind beschnitten. Die, die es nicht sind, haben ein schweres Leben, denn sie gelten als unrein. Doch vor kurzem haben sich 76 Clan- und religiöse Führer öffentlich gegen die Beschneidung der Frauen ausgesprochen.
Die Afar sind Moslems, und oft wird FGC (Female Genital Cutting = weibliche Genitalbeschneidung) mit dem Glauben gerechtfertigt. Ohne Grundlage, denn der Koran sagt nichts zu diesem Thema. Seit Generationen erklären die dörflichen Glaubenslehrer „Selot“, die Beschneidung, zu Gottes Willen. Das heftige Bluten oder gar Sterben der Mädchen sei Allahs Strafe dafür, dass ihre Vorfahren sich versündigt hätten. Doch gegen dieses Dogma regt sich Widerstand.
Fatuma sitzt in ihrer Hütte. Die 18-Jährige ist seit einem Jahr mit Abdo verheiratet, am Boden spielt ihre kleine Tochter. Wie werden sie es mit ihr halten? Fatuma blickt unsicher zu ihrem Mann. "Wir sind dagegen", sagt der. Seit das Projekt von CARE läuft, sind viele in ihrem Dorf nachdenklich geworden – und mutiger. Abdo will mit gutem Beispiel voran gehen. Er weiß um die Folgen von Selot: Entzündungen, Schmerzen beim Urinieren, Unfruchtbarkeit, HIV/AIDS durch unsterilisierte Messer, oft sogar der Tod. Und er kennt auch die Auswirkungen auf das Sexualleben. Weiß, dass das Eindringen schwierig ist und ohne vorheriges Einschneiden der Vagina durch die Hebamme oder sogar den eigenen Mann oft gar nicht möglich.
Dass Abdo und Fatuma überhaupt darüber reden, wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Denn CARE brach ein Tabu, als Helfer 1999 begannen, über die Beschneidung zu sprechen. Wenig später ein weiterer Tabubruch: Eine Beschneidungszeremonie wurde mitgefilmt. Und bei der Versammlung der religiösen Führer übertrat CARE schließlich ein drittes Verbot. Man zeigte das Video den Männern. Zum ersten Mal konnten sie, die zu den Zeremonien keinen Zutritt haben, sehen, wie den Mädchen ohne Betäubung Klitoris, innere Schamlippen und schließlich die inneren Schichten der äußeren Schamlippen entfernt wurden. Konnten sehen, wie die klaffende Wunde mit Dornen vernäht und wie ein kleines Holzstückchen in die Vagina eingeführt wurde, damit eine winzige Öffnung für Menstruationsblut und Urin bleibt.
"Genug!", rief ein entsetzter Mann noch vor Filmende. "Sie waren sichtlich schockiert", erinnert sich Projektleiter Mariam. "Über Generationen hinweg hatten die Afar gedacht, dass Selot eine heilige Handlung sei. Jetzt erst begriffen sie, welch dramatische Folgen FGC für ihre Frauen hat.“ Einige standen auf und erzählten Geschichten eigener Töchter, die beim Ritual gestorben waren. Andere konnten es nicht fassen: "Was tun wir unseren Frauen an?"
Nur wenig später hatten Afar, die sich zufällig am Weg begegneten, eine Sensation zu berichten: "Die Dorfältesten, Clanführer und Mullahs haben öffentlich deklariert, dass nie wieder Selot praktiziert werden soll."
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