Der Morgen meines letzten Tages in Khulna begann mit einer sehr ermutigenden Geschichte. Stav, die stellvertretende Länderdirektorin von CARE Bangladesch erzählte mir, dass in der Gegend um Gaibhanda, im Norden Bangladeschs, bis zu 40 Gemeinden einen Teil ihrer Lebensmittellieferungen, die sie von CARE regelmäßig erhalten, an die betroffenen Menschen in Khulna abgeben wollen.
Diese Gemeinden sind bereits die Ärmsten der Armen, sie leben von weniger als einem Dollar pro Tag – und wollen dennoch das Wenige, was sie haben, teilen und ihren Landsfrauen und Landsmännern zu helfen. Es berührt mich, und ich bewundere ihr Mitgefühl. In meinen Augen sind sie nicht arm, denn sie besitzen etwas, was ihnen keiner wegnehmen kann: Mitgefühl und ein soziales Netzwerk.
Ich begegnete in den letzten Tagen oft Menschen, die CARE und unserer Arbeit sehr dankbar sind. Einige wirkten erstaunt über die Tatsache, dass ich den ganzen Weg aus Deutschland gekommen bin, um ihre Geschichten einzufangen. "Bitte, tragt unsere Erlebnisse in die Welt und erzählt den Menschen, was passiert ist" sagte eine Frau. Zwei andere Männer waren ebenfalls begeistert: "Ihr arbeitet den ganzen Tag für uns und habt noch nicht mal was zu essen", sagte er, als unser Fahrer ihm erzählte, wie hungrig er sei.
Es ist hart Mittag zu essen, wenn die Menschen, die man trifft, hungrig auf Lebensmittellieferungen warten. Sogar das kleine Sandwich, dass mich durch den Tag bringt, schmeckt nicht, wenn ich mich in das Auto hinein schleiche und verstohlen einen Bissen davon nehme. Hunger ist das letzte, was ich derzeit habe. Wenn ich mit Familien spreche, die jede Möglichkeit verloren haben, Nahrung anzubauen oder zu kaufen, kommt kein Appetit bei mir auf.
"Der Meeresspiegel steigt", berichtet mir meine Kollegin Shawkat, die Klimawandel studiert. Sie prognostiziert: "Dann werden Überflutungen immer häufiger kommen, und die Menschen werden ihre Einnahmequellen öfter verlieren." Ihre Meinung nach ist alles mit dem Klimawandel verbunden. Und Bangladesch ist ein eindrucksvoller Beweis dafür.
Da die Gletscher des Himalayas durch die Erderwärmung langsam schmelzen, hängen weitere heftige Überflutungen wie ein Damoklesschwert über Bangladesch. Außerdem litten im Juli zehn Millionen Menschen im Norden unter den schlimmsten Überflutungen seit Jahrzehnten. "Ein Großteil der Landmasse Bangladeschs liegt ungefähr einen Meter über dem Meeresspiegel, 30 Prozent liegen sogar auf gleicher Höhe", informiert mich Shawkat. Was passiert, wenn der Meeresspiegel steigt, kann ich mir nur allzu gut vorstellen. Bangladesch erinnert mich an die Niederlande - nur dass es zu arm ist, um, wie der europäische Bruder gewaltige Schutzmaßnahmen durchzuführen.
Am Abend im Hotel denke ich wieder an die Menschen im Norden Bangladeschs und ihre Lebensmittelspende. Ich kann ich nur hoffen, dass wenn die Auswirkungen des Klimawandels Bangladesch wirklich so hart treffen sollten, es genug Menschen auf dieser Welt gibt, die ebenso mitfühlend sind und die Bangladeschis unterstützen.
Ein weiterer Tag der langen Autofahrten. Wir fuhren heute viele Stunden, um eines der fünf mobilen Medizinteams zu finden, die CARE zusammen mit dem Dhaka Hospital in betroffene Region um Khulna und Bargerhat gesendet hat. Das Team fährt von Dorf zu Dorf und behandelt täglich Hunderte von Patienten. Schließlich haben wir das Team in der Nähe der Sunderban-Magrovenwälder gefunden.
Ein Arzt im weißen Kittel sitzt zusammen mit fünf Schwestern an einem Holztisch in der prallen Sonne, geschützt nur durch eine rote Plastikplane. Viele Menschen stehen in der Schlange, um Medikamente zu bekommen und ihre Wunden behandeln zu lassen. Verletzungen, Erkältungen und Durchfall sind die größten Probleme, die dem Team begegnen. "Die Anzahl der durch verschmutztes Wasser hervorgerufenen Krankheiten steigen an", sagt Dr. Abul Boker.
"Den Menschen bleibt nichts anderes übrig, als verdrecktes Wasser zu trinken, denn die Sturmwelle hat die Wasserteiche versalzen." Es gibt hier kein Leitungswasser, keine Waschbecken, geschweige denn Badezimmer. Auch sehe ich nur selten Latrinen. "Viele Menschen müssen außerdem im Freien übernachten und erkälten sich". Das ist vor allem für kleine Kinder fatal, denn eine Lungenentzündung kann schnell tödlich enden.
"Wir sind durstig", sagt mir ein Mann, der in der Schlange ansteht. "Wir wissen, dass es nicht gesund ist, das schmutzige Wasser zu trinken. Aber was sollen wir machen?" Darauf habe ich auch keine Antwort parat. Auch wenn eine der Wasseraufbereitungsanlagen von CARE bis zu 10.000 Liter täglich filtern kann, so reicht das doch nicht aus, um alle Menschen zu erreichen. 6,9 Millionen Menschen sind von den Auswirkungen des Wirbelsturms betroffen, schreibt eine der lokalen Zeitungen heute.
Während ich die Leute beobachte, sehe ich im Augenwinkel eine kleine Hütte. Sie ist winzig, kein Mensch kann aufrecht darin stehen. Die Wände bestehen nur aus Decken und Plastikplanen – ein Patchworkhaus. Vor der Hütte steht eine Frau und hält ein kleines Baby im Arm. Sie winkt mir zu und will mir ihr Haus zeigen. "Nach dem Wirbelsturm habe ich drei Tage lang geglaubt, mein Mann sei tot", sagt mir Morsheda. Ihr Mann Kailsen war an der Küste um Fisch zu trocknen und damit ein wenig Geld zu verdienen. Als der Sturm kam hat er sich an einen Baum geklammert.
Doch die Welle wurde immer höher und Kailsen musste immer höher klettern – bis er schließlich die Spitze der Kokospalme erreichte. Am nächsten Tag konnte er nicht in sein Dorf zurück, denn alle Straßen waren durch umgestürzte Bäume blockiert. In der Zwischenzeit trauerte Morsheda um ihren verloren geglaubten Mann. Drei Tage lang lief die junge Frau durch das Dorf auf der Suche nach der Leiche Kailsen – bis sie ihn schließlich auf ihr Haus zukommen sah. "Ich war schockiert und erleichtert, ich kann es nicht beschreiben", sagt sie aufgeregt. "Auch wenn wir alles verloren haben, unser Haus, unsere Hühner und unser Enten so bin ich froh. Denn meine Familie ist mir geblieben."
Auf dem langen Weg zurück nach Khulna-Stadt muss ich immer wieder an das junge Paar denken. Während ich den wundervollen Sonnenuntergang betrachte frage ich mich, ob noch mehr Menschen so viel Glück im Unglück hatten. Und dass all die Betroffenen ebenso die Kraft und den Willen schöpfen können, sich ihre Zukunft neu aufzubauen. So wie Morsheda und Kailsen.
Heute waren wir mehrere Stunden unterwegs zu zwei Schulen, in denen CARE Lebensmittel verteilt. Während der Fahrt konnte ich die bezaubernde Landschaft Bangladeschs bewundern: Seen, mit grünen Wasserpflanzen bedeckt, gelb leuchtende reife Reisfelder, lange und elegante Kokosnuss-Palmen. Doch dieser idyllische Eindruck wird alle paar Minuten jäh unterbrochen. Immer wieder sieht man Zeichen der Verwüstung, die der Zyklon Sidr hinterlassen hat, während er über die Küstenregion hinweg fegte. Als wäre ein Riese durch Khulna spaziert und habe seinen Fußabdruck hinterlassen - mit zerstörten Häusern, zertrümmerten Schulen und entwurzelten Bäumen.
Endlich erreichen wir die erste Schule. Hunderte von Menschen warten geduldig in einer langen Schlange auf die Verteilung der Hilfsgüter und Nahrungsmittel. Frauen und Männer warten getrennt, beide Gruppen stehen geduldig nebeneinander. Bevor jeder ein Paket mit Hilfsgütern entgegen nehmen kann, müssen sie einen Fingerabdruck in einem Register hinterlassen. So stellt CARE sicher, dass jede Familie auch nur ein Hilfspaket erhält. Die Hilfspakete enthalten einen Wasserkanister, eine Plastikplane, ein Seil, einige Schachteln Streichhölzer und Kerzen sowie Reis, Kartoffeln, Zwiebeln, Erbsen, Salz und Öl. CARE führt die Verteilung der Hilfsgüter mit der Unterstützung von „Ressource Integration Center“, einem lokalen Partner, durch.
Schaut man in die Gesichter der Menschen, die dort geduldig warten, kann man nur blanke Verzweiflung sehen. Firoza ist 70 Jahre alt und erzählt mir, dass ihr Haus vollkommen von dem Wirbelsturm zerstört wurde. Ihr Sohn ist bei dem Unwetter ums Leben gekommen. Er war ihr einziger Versorger, denn ihr Ehemann ist schon vor vielen Jahren gestorben. „Was soll ich jetzt bloß machen?“, seufzt Firoza. „Ich habe kein Haus mehr, ich schlafe unter freiem Himmel. Ich habe nichts zu essen und niemanden, der mir helfen könnte. Mir bleibt nur noch zu beten um zu überleben.“
Eine andere Frau namens Kajal erzählt mir, dass sie zwar die Warnungen vor dem Wirbelsturm gehörte habe, aber nicht fliehen konnte. Denn sie hatte keine Hilfe, um sich, ihre Kinder und ihre kranke Schwiegermutter in Sicherheit zu bringen. „Als unser Haus durch den Sturm zerstört war, legten meine Nachbarn und ich meine Schwiegermutter in ein Fischernetz und zogen sie zu der nächsten Notunterkunft“, schildert Kajal ihre furchtbaren Erlebnisse. Ihr Ehemann ist seitdem psychisch krank und nicht mehr in der Lage zu arbeiten. „Deshalb stehe ich alleine hier in der Schlange und muss die Sachen alleine in mein Dorf schleppen. Ich werde dafür mindestens eine Stunde brauchen“, so Kajal weiter.
Die 60-jährige Ahurjo Ban wartet ebenfalls in der Schlange. Sie erzählt, dass sie ihren Mann bereits vor Jahren bei einer der schlimmen Überflutungen verloren hat. „Seitdem muss ich auf der Straße betteln, um den Lebensunterhalt für meinen Sohn und mich zu sichern. Doch seit dem Wirbelsturm haben die Menschen zu viel verloren und können mir keine Almosen mehr geben.“ Jede Nacht kriecht sie ind die Trümmer ihres Hauses. Sie hat keinen anderen Platz zum Schlafen.
Die Geschichten der Frauen in Khulna ähneln sich. Sie alle kämpfen um zu überleben – ohne eine sichere Unterkunft für ihre Familien und nicht mehr zu essen als einer bis zwei Schüsseln Reis am Tag.
Heute habe ich viele dabei beobachtet, wie sie die schweren Pakete mit Hilfsgütern in ihre Dörfer trugen. Mit dieser Ration werden sie den nächsten Monat überstehen. Doch was kommt danach? Wie werden Sie überleben?
CARE wird morgen Planungen für die Hilfsaktivitäten der nächsten Wochen durchführen. Ich werde sicher noch mehr Frauen treffen, die das Schicksal von Firoza, Kajal und Ahurjo Ban teilen. Und ich kann nur hoffen, dass sie rechtzeitig Hilfe erhalten werden.
Mehr als eine Woche nachdem der Wirbelsturm „Sidr“ auf die Küste Bangladeschs traf, haben die Hilfslieferungen immer noch nicht alle Menschen in den betroffenen Regionen erreicht. Doch jetzt wo ich hier bin, und mir ein Bild von der Verwüstung machen kann, kann ich verstehen, warum es so lange dauert. Entlang der schmalen Straßen liegen entwurzelte und zerbrochene Bäume. Mein Fahrer erklärt mir, dass es allein zwei Tage gedauert hat, um diese eine Straße von Schutt und Geröll zu befreien. Auch die Fähre mit der man in die südlichen Regionen kommt, ist erst seit ein paar Tagen wieder in Betrieb. Zuvor konnte man den Fluß nur mit kleinen Holzbooten überqueren.
Der Verkehr auf diesen engen Straßen ist beängstigend: Rikschas, Motorräder und Busse schlängeln um ein Straßenloch nach dem nächsten. Ihr Hupen dröhnt durch die Landschaft. Wie man unter diesen Umständen Hilfsgüter transportieren soll, ist für mich ein logistisches Rätsel. Und ich bewundere meine Kollegen hier vor Ort, die keine Mühen scheuen und unermüdlich Wasser, Nahrungsmittel und Baumaterial für Notunterkünfte zu den Hilfebedürftigen bringen.
Wasser, Nahrungsmittel und Notunterkünfte – das sind die Dinge, die jetzt am dringendsten gebraucht werden. Auf dem Weg nach khulna frage ich mich, wie die vielen Menschen in den nächsten Tagen überleben sollen, ohne ihr tägliches Einkommen. Sidr, hat circa 80 Prozent der Reisfelder zerstört, kurz zuvor geerntet werden sollten. Die Ernte eines gesamten Jahres – zerstört. Für viele Menschen war diese Ernte die einzige Einkommensquelle. Ein Kollege erklärte mir, dass es fünf bis zehn Jahre dauern kann, bis der Boden wieder fruchtbar ist. Denn auf den Feldern, die das Meerwasser versalzt hat, kann man nichts mehr anbauen. Wie sollen die Ärmsten der Armen, die häufig von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, die Auswirkungen des Wirbelsturms „Sidr“ überstehen?
Bis heute hat CARE 8.000 Familien mit Nahrung und Hilfsgütern, wie Plastikplanen, Seilen und Streichhölzern versorgt. Damit können sie sich eine provisorische Unterkunft zu errichten. Denn viele schlafen unter freiem Himmel. Ich habe mir eine der vier Wasseraufbereitungsanlagen angeschaut, die CARE nutzt. Jede Anlage produziert bis zu 10.000 Liter sauberes Trinkwasser am Tag. Ich sah zu, wie ein Mann seine kleinen Eimer mit diesem Trinkwasser füllte. Er ist dafür mehr als vier Kilometer gelaufen. „Wir haben kein frisches Wasser in unserem Dorf. Die Seen sind alle verschmutzt“, sagt er. Tierkadaver, Gestrüpp und Morast haben die einzige Wasserquelle seines Dorfs verschmutzt.
Heute Morgen habe ich in der Zeitung gelesen, dass einige der seltenen westbengalischen Tiger ihre natürlichen Rückzugsorte verlassen haben. Der Sundarban-Mangrovenwald ist einer der größten Mangrovenwälder der Welt. Doch der Sturm hat die Tiger aus dem Sundarbans vertrieben und nun streunen sie durch die umliegenden Dörfer auf der Suche nach Nahrung. Sie sind verloren – wie es auch bald die vier Millionen Menschen in Süd-Bangladesch sein werden, wenn sie nicht bald ausreichend Hilfe bekommen.
Bildergalerie Verteilung von Hilfsgütern
Video: Verteilung von Hilfsgütern in Barakhali, Bangladesch
Mumtaz steht vor den Trümmern ihrer Hütte
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