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Vom Leben ausrangiert

Fadil Husejinovic (Foto: CARE/Bulling)
Fadil Husejinovic aus Bosnien

 

CARE unterstützt Roma auf dem Balkan und ebnet ihnen einen Weg in die Gesellschaft

Graue Wolken ziehen über graue Baracken hinweg. Abgesplitterte Farbe an den Hauswänden, zerbrochene Fensterscheiben, daneben ein riesiger Müllberg, in dem ein struppiger Hund nach Essensresten schnüffelt. Einzig die bunten Bettlaken, die an der Wäscheleine flattern, sind ein Zeichen dafür, dass hier jemand wohnt. Fadil Husejinovic tritt aus einem der heruntergekommenen Häuser. Die Baracken am Stadtrand von Kakanj im nördlichen Bosnien sind seit zwei Jahren sein Zuhause.

Hier lebt er mit seiner Familie – isoliert, verschmäht, verachtet. Denn Fadil ist Roma. Damit gehört er zu einer Volksgruppe in Europa, die meist als Zigeunervolk beschimpft wird und der man gemeinhin nur Talent zum Diebstahl, Betteln und Drogenhandel zutraut. Ob in Deutschland oder Serbien, Bosnien oder Belgien, die Roma leben am Rande der Gesellschaft. Ein Viertel aller Europäer will keinen Roma zum Nachbarn haben, wie eine Studie der Europäischen Kommission herausfand.

Dabei glaubte Fadil einst, dass sein Leben nur besser werden könne. Er floh 1997 mit seiner Familie vor dem Krieg im auseinanderbrechenden Jugoslawien nach Hamburg. Dort war er zwar nicht unbedingt willkommen, aber man ließ ihn in Ruhe. „Die Deutschen haben uns zumindest nicht offen angefeindet. Er war denen egal, wer wir sind und wo wir herkamen“, sagt der junge Mann, der seinen Bart in kleine Querstreifen rasiert hat. In gutem Deutsch erzählt er von seiner Zeit in Hamburg. Dann war der Krieg vorbei, und Fadil hoffte auf einen Neubeginn in seiner Heimat Bosnien. „Uns wurde bei der Rückkehr ein Job, ein Haus und eine Schulbildung versprochen“, sagt er. Doch die Wirklichkeit betrog Fadil: Daheim wartete nichts auf ihn. Außer dieser grauen Baracke. „Meine Mutter geht betteln. Ich sammele Metallteile und verkaufe sie“, erzählt er bitter. „Wir Roma sind hier einfach nichts wert.“

Ajefi Demilse (Foto: CARE/Bulling)
Ajefi Demilse aus Serbien.

Salvatore ist keine Rettung

Knapp 800 Kilometer südöstlich von Kakanj lebt Ajefi Demilse. Hierhin, nach Bujanovac im südlichen Serbien, floh sie vor elf Jahren aus dem Kosovo. Auch Ajefi ist Roma, auch sie lebt im Rinnstein der Welt. Auch sie musste fliehen vor einem Krieg um eine neue politische Ordnung, in der sie heute keinen Platz mehr findet. Gemeinsam mit 55 anderen Roma-Familien wohnt sie im Auffanglager „Salvatore“ – einem Ort ohne fließendes Wasser, grau und trist mit schlammigen Wegen und Bretterverschlägen, die als Behausung herhalten. Mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt Ajefi in einem Zimmer. Dort biegt sich die verschimmelte Decke durch, unter der Matratze hausen Käfer und Kakerlaken. „Es ist schrecklich hier“, klagt die 49jährige. „Meine Kinder bekommen abends oft nur Brot und Tee.“ Sie würde gerne wegziehen. „Doch wohin?“, fragt sie. „Niemand will uns haben.“

Snezana Miskovic hat zwar ein festes Dach über dem Kopf. Doch dort nistet Ungeziefer. Unzählige tote schwarze Fliegen kleben an den zwei Plastikflaschen, die Snezana zu Fliegenfallen umgebaut hat. Sie hängen an der Decke wie Bienenkörbe. Bei Unwetter regnet es in einen der zwei Räume, in denen sie mit ihrem Mann und ihren vier Kindern wohnt. Snezanas Heimat im nördlichen Serbien ist die Siedlung Gorni Rit.

15 Häuser gibt es hier, alle bewohnt von Roma. Gorni Rit liegt nur wenige hundert Meter von dem Dorf Adorjan entfernt – und wirkt doch wie Ort aus einer anderen Zeit. Während in Adorjan gepflegte Vorgärten und sanierte Häuser die asphaltierten Straßen säumen, so klaffen große Löcher in den Häuserwänden in Snezanas Siedlung, Müll- und Schrottberge türmen sich in den Hinterhöfen auf.

Snezana Miskovic aus Serbien (Foto: CARE/Bulling)
Snezana Miskovic aus Serbien

Nach Gorni Rit führt keine Straße, nur ein staubiger Weg gespickt mit tiefen Löchern. Als hätte das moderne Adorjan die Roma ausrangiert und auf dem Abstellgleis vergessen. „Wenn es regnet, können unsere Kinder nicht zur Schule laufen. Dann ist die Straße voller Schlamm und nicht passierbar“, erzählt Snezana.

„Ein bisschen Anerkennung“

Snezana, Ajefi, Fadil – dies sind die Schicksale dreier Roma auf dem Balkan. Damit sie den Weg vom Rande zum Zentrum der Gesellschaft finden, unterstützt CARE Roma-Gemeinden in Serbien, Bosnien und Kosovo. „Die Roma haben so wie jeder andere Einwohner auch ein Recht auf ein würdiges Leben mit Arbeit, Schulbildung und medizinischer Versorgung“, sagt Dr. Anton Markmiller, Hauptgeschäftsführer von CARE Deutschland-Luxemburg. Markmiller, der vor kurzem den Balkan bereiste und mehrere Roma-Siedlungen besuchte, ist bestürzt über die Ignoranz, die Menschen wie Ajefi, Snezana und Fadil entgegenschlägt. „Es ist eine Aufgabe von CARE, den Roma einen Weg in ein soziales Leben zu ebnen.“

CARE-Geschäftsführer Anton Markmiller im Lager Salvatore (Fotos: CARE/Bulling)
CARE-Geschäftsführer Anton Markmiller im Lager Salvatore (Fotos: CARE/Bulling)

So unterstützt CARE beispielsweise Roma-Mädchen beim Schulbesuch, organisiert Theateraufführungen und Jugendlager, die Vorurteile ab- und neue Freundschaften aufbauen oder stärkt die Rechte von Roma-Frauen in politischen Foren.  

Snezana aus Nordserbien lacht, wenn sie auf den kleinen silbernen Wasserhahn zeigt, der in ihrem Zimmer glänzt. „Jetzt haben wir endlich fließendes Wasser und müssen nicht mehr zum Brunnen laufen“, sagt sie. Die Leitungen haben die Dörfler in Koordination mit CARE selbst gelegt, bezahlt wurden sie von der Europäischen Kommission. Snezanas Kinder bekommen jetzt keinen Durchfall mehr vom schlechten Wasser und verpassen deswegen auch keinen Unterricht.

„Wir brauchen keine teuren Geschenke. Wir brauchen Werkzeug, eine Straße und ein bisschen Anerkennung, dann können wir unser Leben selbst in die Hand nehmen“, sagt die 23jährige und schaut ihren zwei Monate alten Sohn Wladimir an. „Ihm soll es einmal besser gehen“, hofft sie.  

Ajefi, ihre Landsmännin aus dem Süden, war dank CARE bei einer ärztlichen Vorsorgeuntersuchung. Obwohl sie fünf Kinder geboren hat, war sie noch nie bei einem Arzt. „Ich bin gesund“, freut sie sich. Doch Ajefi hat nicht nur einen Arztbesuch absolviert, sie hat auch in regelmäßigen Diskussionsrunden Informationen über weibliche Gesundheit erhalten. Die Seminare werden allesamt von ehrenamtlichen Gesundheitstrainern durchgeführt, organisiert von CARE und der lokalen Partnerorganisation Nexus.

Für junge Roma-Frauen gibt es das Programm etwas bunter, mit Theateraufführungen und Filmbeiträgen. Dabei wird nicht nur über AIDS, Verhütung, Schwangerschaft und Sex vor der Ehe gesprochen, die Teilnehmerinnen diskutieren auch über klassische Rollenbilder von Mann und Frau. „Für Roma-Mädchen, die meist sehr traditionell aufwachsen, sind diese Themen oft tabu“, sagt CARE-Teamleiter Felix Wolff, der die Projekte auf dem Balkan betreut. „Doch nehmen sie erst einmal an den Theaterstücken teil, tauen die Mädchen schnell auf. Dann gibt es einen großen Redebedarf über solch wichtige Punkte wie Gesundheit, Frauenrollen und Diskriminierung als Roma.“ So bekommen die Mädchen mehr Selbstbewusstsein und Eigeninitiative. Und können sich damit selber einen Platz in der Gesellschaft erkämpfen.

 
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