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Ein Fluss, ein Wald, eine Idee

von Sandra Bulling

Firmen bezahlen Bauern in Tansania, damit sie die Flussquelle sauber halten

Wenn Simon Damian ein Bauer in Deutschland wäre, dann würde er mit einem großen Traktor über seine grünen Felder fahren und mit dem Einsatz modernster Technik seine Ernte einbringen. Seine Kühe würden von Melkmaschinen bearbeitet, ihre Milch automatisch in Flaschen abgefüllt und sofort auf den Markt transportiert werden. Er würde vom deutschen Staat und der Europäischen Union Geld bekommen, damit er weiterhin anbaut, oftmals viel mehr, als die Deutschen essen oder trinken könnten. Doch Simon Damian lebt nicht in Deutschland. Er bekommt weder Geld von seiner Regierung noch besitzt er einen Traktor. Seine Gerätschaft besteht aus einer alten Spitzhacke. Doch obwohl Simon Damian aus Tansania von einem Bauerleben in Deutschland nur träumen kann, so gilt er in seinem Dorf als Vorreiter einer nachhaltigen Landwirtschaft. Der Ruvu-Fluss, CARE und eine neue Geschäftsidee waren dafür verantwortlich.

Die grüne Idylle täuscht: Die Wälder der Uluguru-Berge sind stark gerodet (Foto: CARE/Bulling)
Die grüne Idylle täuscht: Die Wälder der Uluguru-Berge sind stark gerodet (Foto: CARE/Bulling)

Um zu verstehen, wie diese drei Dinge miteinander verwoben sind, muss man Simon Damian im Osten Afrikas, in den Uluguru-Bergen Tansanias besuchen. Die Uluguru-Berge waren einst bedeckt von dichten, grünen Wäldern. Dicke Wolken türmten sich an den höchsten Bergspitzen über 2500 Meter auf und brachten frischen Regen. Bis immer mehr Menschen sich im Gebirge niederließen. Heute ist der Wald nur noch ein Schatten seiner selbst – die Hälfte seines Baumbestandes wurde gerodet. Er musste Platz machen für Ackerland, die Einwohner benötigten Holz zum Bauen. In den Tiefen des Gebirges entspringt der Ruvu-Fluss. Er ist die Schlagader der Wasserversorgung für die vier Millionen Einwohner der Hauptstadt Tansanias, Daressalam.

Der Bauer Simon Damian (Foto: CARE/Bulling)
Der Bauer Simon Damian (Foto: CARE/Bulling)

Strapazierter Boden
 
Bohnen, Bananen, Maniok und Erdnüsse wachsen auf Simon Damians Feldern im Dorf Kibungo. Auch er musste Bäume fällen, um seinen Acker anzulegen. Seine Felder schmiegen sich auf Terrassen an den Berghang, und lässt man den Blick von Damians Feldern schweifen, dann schaut man über gerodete Landstriche, auf denen kaum noch Bäume stehen. Der Ruvu fließt sprudelnd in der Ferne und bahnt sich seinen Weg ins Tal. „Der Boden ist mittlerweile ausgelaugt“, sagt Simon Damian. „Früher hatten wir genug zu essen. Heute wird das Gemüse knapp, weil nicht mehr so viel abfällt. “ Der Grund dafür? „In dieser Gegend ist der Boden sowieso nicht so fruchtbar, es gibt nur eine dünne Schicht mit Mineralien. Und immer mehr Bauern geben ihm keine Chance, sich zu regenerieren. Sie bauen ohne Unterbrechung an, beispielsweise Reis, der die Erde strapaziert und viel Wasser braucht“, erklärt der agile 78-Jährige. Immer öfter verlassen die Bauern ihre unfruchtbaren Felder und roden neue Waldstücke, um es dort erneut mit dem Anbau zu versuchen. Ein Anbau, der auf Kosten des Waldes geschieht. Die Bewohner sehen keine andere Möglichkeit, ohne ihre Felder könnten sie sich nicht ernähren. Kibungo ist nur über eine staubige, löchrige Serpentinenpiste zu erreichen. Zum nächsten Markt kommen die Einwohner meist nur zu Fuß, mehrere Stunden dauert es, hinab ins Tal zu laufen und wieder hinauf in die Berge, auf 900 Meter.

Knapp 250 Kilometer weiter östlich sind die Folgen der Abholzung zu sehen. Hier in Daressalam fließt der Ruvu in den Indischen Ozean. Durch die intensive Rodung des Waldes gibt es immer weniger Wurzeln, die das Erdreich zusammenhalten – der Boden rutscht stetig in den Fluss. Das Wasser, das in Daressalam ankommt, ist trübe und verdreckt, zum Trinken und für die Industrie nicht mehr zu gebrauchen. Die Firmen müssen viel Geld in Filtersysteme stecken, um das Flusswasser zu reinigen.

Diese Abhängigkeit von Rodung und Wasserverschmutzung brachte CARE und den World Wide Fund for Nature (WWF) auf eine Idee: Anstatt teure Filtersysteme zu finanzieren, sollten die Unternehmen die Bauern in den Uluguru-Bergen dafür bezahlen, die Bodenerosion zu vermeiden und den Ruvu sauber zu halten. Dafür haben CARE-Mitarbeiter einen Businessplan entwickelt, um Firmen für die Investition zu begeistern. Coca Cola und die tansanische Firma Dawasco sind sofort ins Boot gesprungen. CAREs Aufgabe ist es nun, Bauern in den Uluguru-Bergen.Umwelt schonende Anbaumethoden zu erklären und ihnen zu zeigen, wie sie Bodenerosion vermeiden.

Terrassen für den Ruvu


Simon Damian spielt eine große Rolle in diesem Pilotprojekt. Er nutzt erfolgreich Boden schützende Anbautechniken, wie beispielsweise Terrassenfeldbau. „Beim Terrassenfeldbau kann der Boden nicht so schnell abrutschen und in den Fluss stürzen“, sagt Damian. Auch stellt er natürlichen Dünger her, auf traditionelle Art. Dafür vergräbt er Gräser im Boden, wartet bis sie kompostieren und verteilt diese Masse auf den Feldern. „Das dauert sehr lange, deshalb nutzt kaum jemand diesen Dünger“, stellt er fest. „Doch damit kann man die Produktivität erhöhen, die Ernte wird besser.“ Und der Boden bleibt länger nutzbar.

Marktszene bei Morogoro (Foto: CARE/Bulling)
Marktszene bei Morogoro (Foto: CARE/Bulling)

CARE-Mitarbeiter kommen regelmäßig nach Kibungo und in die Nachbardörfer. Sie zeigen den Bewohnern auch Alternativen zur Landwirtschaft, erklären wir man Bienen züchten oder Kleintiere halten kann. Auch Hilfe bei der Gründung von Spargruppen gibt es von CARE. So werden mit diesem Projekt drei Lösungen geschaffen: die Bauern erhalten ein Einkommen, der zerstörte Wald kann sich regenerieren und der Ruvu wird nicht mehr verschmutzt. Für die Firmen ist auf lange Sicht die Investition in sauberes Wasser profitabler als die regelmäßige Finanzierung der Kläranlagen. Ein Projekt, das in dieser Form einzigartig ist und einen neuen Ansatz für den Naturschutz bietet. Um es mit den Worten Simon Damians auszudrücken: „Unser Wald ist zerstört, unsere Flüsse verdreckt. Wir brauchen Ideen, wie wir weiter mit der Natur überleben können. Doch dafür brauchen wir Hilfe.“

 
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