Sokunthy Heng aus Kambodscha arbeitete für zweieinhalb Monate in der Pressestelle von CARE Deutschland-Luxemburg. Die 23-Jährige Journalismusstudentin hat jeden Freitag in ihrem kambodschanischen Tagebuch über ihr Land geschrieben- über die Probleme mit denen das asiatische Königreich täglich zu kämpfen hat und die Herausforderungen, denen sich die Bewohner stellen müssen.
Ich heiße Sokunthy Heng, bin 23 Jahre alt und komme aus Kambodscha. In der Hauptstadt Phnom Penh studiere ich im dritten Jahr Journalismus an der Royal University. Zur Zeit mache ich ein Praktikum bei CARE Deutschland-Luxemburg in der Pressestelle. Ich sammele die neuesten Informationen über arme Länder und Katastrophen, für die CARE Hilfe organisiert. Dazu schreibe ich diesen wöchentlichen Blog über Kambodscha und seine Menschen. Ihr werdet also hoffentlich eine Menge über mein Land erfahren.
Ich arbeite seit inzwischen zwei Wochen bei CARE in Bonn. Mich haben zuerst die vielen Fotographien von afrikanischen Frauen beeindruckt, die hier gerahmt an den Wänden hängen. Einige dieser Frauen sehen so verzweifelt aus, andere strahlen starke Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus. CARE glaubt daran, dass Frauen der Schlüssel im Kampf gegen Armut und Unterentwicklung sind. „Ich bin stark“, ist CAREs Leitsatz für diese Frauen.
Was oder wer trägt zur Entwicklung bei? Entwicklung ist von Menschen gemacht. Aber von welchen Menschen? Frauen und Männer sollten beide daran teilhaben. Warum betont CARE also die Bedeutung von Frauen besonders und bemüht sich, ihnen mehr Mut und Einfluss zu geben? Aus dem einfachen Grund, dass Frauen sich in vielen Ländern der Welt bis heute den Männern unterordnen müssen, in der Familie und in der Gesellschaft als Ganzes. In Kambodscha sieht das nicht anders aus. Die kambodschanische Gesellschaft ist stark hierarchisch aufgebaut und eng vernetzt mit Tradition und Kultur. Frauen und Mädchen werden häufig in ein Korsett gezwängt, das ihre Möglichkeiten und Entscheidungen eingrenzt. Sie haben meist keinen Zugang zu Bildung, obwohl gerade die Schule der Schlüssel zu Entwicklung und Selbstständigkeit ist.
Von den 14 Millionen Menschen, die in Kambodscha leben, sind etwa 53 Prozent Frauen. Trotzdem ist ihr Status immer noch niedriger als der von Männern. Die Gründe hierfür liegen in der Geschichte und Kultur meines Landes. Ich werde Euch jetzt davon erzählen:
Wann immer eine Familie die Wahl hat, ihren Sohn oder ihre Tochter zur Schule zu schicken, entscheiden die Eltern sich für den Sohn. Es gibt ein kambodschanisches Sprichwort, das sagt: „Frauen kommen nie von der Küche weg.“ Das heißt, für Frauen bleibt der Haushalt die größte Pflicht. Selbst wenn eine Frau zur Schule gegangen ist, erwartet man von ihr – sobald sie verheiratet ist – dass sie Hausfrau wird. Männer seien nach besser dazu geeignet, das Einkommen der Familie zu verdienen. Frauen dagegen zu „schwach“, könnten sich aber gut um die Kinder und den Haushalt kümmern.
Ein weiteres Hindernis für Frauen ist die Tatsache, dass sie nicht alleine weit weg von ihrer Familie reisen dürfen. In der kambodschanischen Gesellschaft hat die Jungfräulichkeit eines Mädchens einen großen Stellenwert. Traditionelle Stimmen beteuern immer wieder, dass eine Frau keinen Mann mehr findet und von der Gesellschaft verachtet wird, wenn sie bei der Hochzeit keine Jungfrau mehr ist.
Wo liegt der Unterschied zwischen Frauen und Männern? Als erstes fällt einem wahrscheinlich dazu ein, dass Männer und Frauen nicht die gleiche körperliche Stärke haben. Aber Frauen und Mädchen haben doch auch einen Kopf zum Denken! Warum werden kambodschanische Mädchen also so behandelt? Ich finde das ungerecht. Ich sage das allerdings nicht nur, weil ich selbst eine junge Frau bin. Frauen und Mädchen sind so wichtige Ressourcen für die Gesellschaft! Warum nutzen wir diese Ressourcen nicht, um unser Land vorwärts zu bringen? Ich glaube daran, dass Entwicklung und Wohlstand leichter zu erreichen sind, wenn Männer und Frauen zusammen daran arbeiten.
Die UNO stuft Kambodscha auch 2007 als eines der am wenigsten entwickelten Länder der Welt ein. Aber der Weg aus der Ungerechtigkeit gegenüber Frauen wird inzwischen immer bewusster beschritten. Ich habe in den letzten vier Jahren beobachtet, dass sich die Rolle und das Ansehen von Frauen langsam verändern. Zum Beispiel wächst die Zahl der Studentinnen an den Universitäten.
Meine Familie unterstützt mich dabei, in ein fernes Land wie Deutschland zu reisen und eine gute Ausbildung zu bekommen. Meine Schwester und ich genießen eine Menge Freiheiten, auch in der Frage, wen wir heiraten möchten. Früher haben das die Eltern alleine entschieden. Aber ihre Sichtweise auf solche Dinge hat sich auch dadurch gewandelt, dass kambodschanische und internationale Organisationen wie CARE im Land arbeiten. Meine Mutter sagt mir häufig:
„Du hast viel mehr Glück als ich. Ich konnte damals nur zur Grundschule gehen. Unsere Mütter dachten, wenn wir Mädchen länger zur Schule gingen, würden wir nur Liebesbriefe an die Jungen schreiben.“
CARE arbeitet seit 1973 in Kambodscha. Neben vielen anderen Projekten kümmert sich CARE vor allem um Mädchen und andere ausgegrenzte Gruppen und ermöglicht ihnen eine Schulbildung. Vielen Menschen wird der Unterricht deshalb verweigert, weil sie eine andere Sprache sprechen oder ihnen einfach das Geld fehlt.
Um diese Ziele zu erreichen, arbeitet CARE mit den Gemeinden, der kambodschanischen Regierung und anderen Hilfsorganisationen zusammen. Die kambodschanischen Menschen verdanken CARE eine Menge. Mein Praktikum hier macht mich sehr zufrieden und stolz, dass ich zu dieser Arbeit etwas beitragen kann. Gleichzeitig glaube ich, dass die Anwesenheit von CARE und anderen Organisationen in Kambodscha unheimlich wichtig ist, damit mein Land die Millenium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen bald erfüllt: einen umfassenden Zugang zu Bildung und die Förderung von Frauen und Mädchen.
Bis zum nächsten Mal,
Eure Kunthy
Übersetzung: Sabine Wilke
Wenn man nach Kambodscha kommt und dort jemanden, den man erst seit kurzem kennt, fragt „Hast Du einen Freund oder eine Freundin?“, dann wird man mit Sicherheit schief angeschaut. Und auf eine Antwort würde man wohl einige Sekunden warten müssen. In Deutschland ist das ganz anders. Hier habe ich diese Frage in der kurzen Zeit meines Aufenthaltes schon oft beantwortet. Ich erlebe hier täglich das, was man immer als „Kulturschock“ bezeichnet, seien es küssende Menschen auf der Straße oder laut brüllende Teenager in der Bahn auf dem Rückweg von Köln nach Bonn. In Kambodscha fällt es schon auf, wenn man Hand in Hand mit seinem Freund durch die Straßen geht.
In meinem ersten Blog habe ich geschrieben, dass Kambodscha eine stark hierarchische Gesellschaft ist. Kulturelle Normen prägen die Kambodschaner, vor allem Frauen sollen bescheiden, höflich und diskret sein. Ein gutes Benehmen zeichnet eine gute Frau aus. Ich selber beobachte und erfahre im Alltag, dass Sex, Gesundheit und AIDS keine üblichen Themen sind, über die Kambodschaner mit ihren Freunden oder ihrer Familie sprechen. Ein absolutes Tabu sind diese Angelegenheiten wiederum auch nicht.
Ich habe ein Jahr lang als Produzentin für den BBC World Service Trust in Zusammenarbeit mit einem lokalen Radiosender in Phnom Penh gearbeitet. Seitdem verstehe ich die Einstellung anderer kambodschanischer Frauen im Bezug auf sexuelle Gesundheit und AIDS viel besser. Meine Aufgabe war es, kurze Beiträge zu produzieren, die verschiedene Meinungen zu einem Thema vorstellten. Das Programm heißt „Hip Hop Girls“ und informiert Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren über Verhütung, Gesundheit und AIDS.
Wenn ich Interviews geführt habe, war ich manchmal etwas enttäuscht davon, dass ich nur zögerliche oder gar keine Antworten bekam. Das hat aber nicht unbedingt damit zu tun, dass die Mädchen nicht wissen, was sie sagen sollen. Viele sind einfach schüchtern und nicht daran gewöhnt, ihre Meinung zu sagen. Einmal ging ich auf ein 17-jähriges Mädchen zu und fragte ob sie wüsste, wie es zu unregelmäßigem Scheidenausfluss käme. Sie zog ihre Augenbrauen hoch und fragte „Was?“, dann ließ sie mich einfach stehen. Ich brauche immer sehr viel Zeit dafür, den Mädchen zu erklären, warum es sinnvoll ist, über solche Themen zu sprechen.
Ich habe mich verändert, seit ich mich für das Thema Gesundheit und Sexualität einsetze. Früher war ich sehr schüchtern, wenn es um Sex ging. Aber inzwischen bin ich in meinem Freundeskreis diejenige, die am offensten darüber spricht. Manchmal sind meine Freunde sprachlos und starren mich nur ungläubig an, wenn ich zum Beispiel über AIDS rede. Sie machen mir aber keine Vorwürfe und wissen im Grunde auch, dass es wichtig ist, die Probleme und Fragen anzusprechen. Aber sie sind noch nicht bereit dazu, sich auf diese neue Perspektive einzustellen.
Die Vereinten Nationen definieren sexuelle Gesundheit als die physische, mentale und soziale Gesundheit des Menschen vor, während und nach der fruchtbaren Lebensphase. In der Schule lernen die kambodschanischen Kinder und Jugendlichen lange nicht genug über Sexualität, Gesundheit und AIDS. In Deutschland ist das anders, wie mir meine Kollegin Sabine erzählt: „Schüler in Deutschland lernen in der sechsten Klasse, wie sie ein Kondom benutzen und sich vor AIDS schützen können.“ In Kambodscha werden solche Themen vor allem von lokalen und internationalen Organisationen wie CARE angesprochen. Sie versuchen, die althergebrachten Verhaltensweisen und Vorstellungen zu ändern.
Im letzten AIDS-Bericht der UN-Agentur UNAIDS liest man, dass die HIV-Infektionsrate von kambodschanischen Erwachsenen zwischen 15 und 49 Jahren von 2,6 Prozent (2002) auf 1,6 Prozent (2005) gesunken ist.
Um junge Menschen in Kambodscha über „Safer Sex“ zu informieren, arbeitet CARE mit einer sogenannten „Peer Education“-Strategie. Das bedeutet, dass junge Frauen sich gegenseitig darin unterrichten, sichere und informierte Entscheidungen im Bezug auf ihre Sexualität zu treffen. CARE spricht außerdem kulturelle Vorurteile an und redet mit jungen Männern über sexuelle Zwänge und Gleichberechtigung. Um den Austausch innerhalb einer Gemeinschaft zu verbessern, arbeitet CARE auch mit Prostituierten, Homosexuellen und anderen Gruppen, die dem Risiko einer Ansteckung verstärkt ausgesetzt sind.
Auch buddhistische Mönche und andere religiöse Führer werden in die Programme integriert. Denn sie sind diejenigen, die zusammen mit ihrer Gemeinde die Diskriminierung und das Stigma von HIV-positiven Menschen abbauen können.
Als junge kambodschanische Frau freue ich mich natürlich über die sinkende Infektionsrate in meinem Land. Andererseits glaube ich, dass man die Tradition nicht nur in Kambodscha, sondern auch in anderen Ländern an die Realität von AIDS anpassen muss. Nur so haben die Menschen eine Chance, ein gesundes Leben zu führen.
Bis zum nächsten Mal,
Euere Kunthy
Übersetzung: Sabine Wilke
Habt Ihr Euch jemals gefragt, was ihr im Leben am meisten benötigt? Wie Ihr Eurem Leben einen Sinn geben könnt?
„Das Leben gibt uns die Wahl.“ Daran erinnert mich eine meiner Freundinnen häufig. Für sie bedeutet dieser Spruch, dass wir tun sollen, was wir für richtig halten. Denn nur so können wir glücklich werden, ohne andere zu verletzen. Immer, wenn sie dieses Sprichwort wiederholt, sieht meine Freundin sehr stark und entschlossen aus. Später wirkt sie dann wieder so zart und verletzlich. Denn oft kann sie eben nicht einfach genau das tun, was sie will. Genau wie ich, denn wir beide sind in der kambodschanischen Gesellschaft aufgewachsen, die in vielen Bereichen ganz anders ist als europäische.
Ein Beispiel dafür: In Kambodscha gibt es immer mehr Bars, Kneipen und Diskotheken. Wir haben schon oft darüber nachgedacht, dort einmal hinzugehen. Aber wir haben es nie getan und müssen unseren Wunsch unterdrücken. Denn die kambodschanische Gesellschaft erwartet von Frauen, solche Etablissements nicht zu besuchen. Andererseits haben wir beide wesentlich mehr Glück als Millionen von schwulen und lesbischen Menschen auf der Welt. Sie kämpfen gegen Stigmatisierung und Diskriminierung in der Gesellschaft und dafür, die gleichen Rechte wie andere Menschen zu bekommen.
Letzten Samstag, als ich in Bonn auf eine Freundin wartete, hörte ich hinter mir eine Stimme über Lautsprecher. Ich drehte mich herum und sah, was los war: Die Stimme gehörte zu einem Moderator in Frauenkleidung, der mit großer Sonnenbrille auf einer Bühne in der Sommersonne auf dem Marktplatz stand. Im Publikum standen lachende Menschen, viele darunter auch im mittleren Alter. Der Mann sprach auf Deutsch und ich konnte leider nichts verstehen. Dann traf ich Eric vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland und er erklärte mir, dass hier der „Christopher Street Day“ stattfand, ein jährliches Fest für Schwule und Lesben. In jeder Stadt wird es anders gefeiert, in Bonn gibt es einen ganzen Nachmittag lang Musik und Gesang. Eric erzählte, dass Schwule und Lesben eine so genannte „eingetragene Partnerschaft“ eingehen können. Trotzdem bezahlen sie immer noch mehr Steuern als andere Verheiratete. Diskriminierung gibt es also immer noch.
In meinem Heimatland gibt es kein Gesetz, das sich für oder gegen Schwule und Lesben ausspricht, ihr Verhalten ist also nicht illegal. Trotzdem stehen sie unter dem enormen gesellschaftlichen Druck eines „versteckten Gesetzes“: der Diskriminierung. Im Vergleich zu Deutschland sind die Menschen nicht so offen, sie küssen sich beispielsweise nicht auf der Straße oder amüsieren sich in schwulen Kneipen. Die kambodschanische Gesellschaft akzeptiert Homosexualität nicht. Der Ausdruck “ktuey” wird oft verwendet, wenn über Schwule gesprochen wird. Er ist nicht besonders freundlich.
Nach meiner Beobachtung werden kambodschanische Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit oft schikaniert. Vor allem junge Männer rufen ihnen hinterher: „Wo willst Du hin, Hübsche?“ Oder sie werden einfach angestarrt. Obwohl unser ehemaliger König Norodom Sihanouk vor drei Jahren der homosexuellen Ehe zugestimmt hat, ist das Gesetz noch nicht in Kraft getreten. Sok Sam Oeun, der Leiter des kambodschanischen Anwaltprojektes sagt, das Schwule und Lesben zusammen leben dürften. Aber sie würden keine Heiratsurkunde bekommen können, weil es kein Gesetz gibt.
Von den sieben Fernsehsendern in Kambodscha gibt es nur einen namens Bayon, der sich mit Homosexualität beschäftigt. In der wöchentlichen Sendung Don’t laugh at me („Lacht mich nicht aus“) sprechen Schwule über ihre Probleme im Alltag. Als Zuschauerin stelle ich fest, dass sich die Unterhaltung oft um Diskriminierung dreht. Die Schwulen erzählen, dass nicht nur die Nachbarn Vorurteile haben, sondern auch ihre eigenen Eltern. Die meisten fliehen deshalb von zu Hause in die Anonymität.
Im Jahr 2002 waren in Kambodscha von den 2,6 Prozent der HIV-positiven Erwachsenen 14 Prozent Männer, die mit anderen Männern Sex hatten.*1
Obwohl Schwule einem hohen Risiko ausgesetzt sind, werden sie oft nicht in die AIDS-Vorsorge mit einbezogen. In einer Umfrage von CARE Kambodscha zum HIV/AIDS-Bewusstsein unter Männern, die Sex mit Männern haben, sagte einer der Befragten:
„Ich lüge in der Apotheke und sage, dass ich die Kondome für eine Frau kaufe. Denn die Leute können sonst denken, dass ich ktuey bin und für einen Mann einkaufe.“ *2
Ich glaube, dass wir Schwulen und Lesben mehr Respekt entgegenbringen sollten. Denn wenn wir sie nicht wertschätzen, ist die Gefahr groß, dass sie körperlichen und seelischen Schaden erleiden.
Bis zum nächsten Mal,
Eure Kunthy
*1: Der Begriff “Men who have Sex with Men” wird bei offiziellen Schätzungen statt „Homosexuell“ verwendet, weil er auch diejenigen Männer umfasst, die sich selbst nicht als schwul bezeichnet.
*2: Braiden Abala, Kim Green and Ian Ramage (2003). Through The Eyes of Men. CARE Cambodia.
Übersetzung: Sabine Wilke
Nach einem Monat in Deutschland habe ich mich nun an das wechselhafte Wetter gewöhnt. Am Anfang war es für mich merkwürdig, dass die Leute entweder zu Beginn oder am Ende eines Gespräches das Wetter erwähnten, wenn sie eine Verabredung treffen wollten. Als am Montag die Sonne schien, bin ich mit meiner kambodschanischen Freundin in die Stadt gefahren, um zu bummeln und einzukaufen. Unterwegs trafen wir zufällig meinen Boss, Thomas Schwarz und eine andere Kollegin, Sandra. Wir gingen zusammen ein Eis essen und genossen die schöne Aussicht im Park und das Abendlicht. Während unsere Kollegen uns einiges über deutsche Geschichte erzählten, kam eine junge Frau von etwa 23 Jahren auf uns zu. Sie hielt ein Mikrofon in der Hand und fragte uns, was wir von dem Springbrunnen hielten. Sie war eine Reporterin von dem Radiosender Deutsche Welle und erinnerte mich deshalb an meine eigenen Erfahrungen im Journalismus.
Zehn Prozent der kambodschanischen Journalisten sind Frauen.
Für diese geringe Beteiligung von Frauen im Bereich des Journalismus gibt es einige Gründe und ein passendes kambodschanisches Sprichwort: „Ein Mann ist Gold, eine Frau ist weißer Stoff“. Dabei geht es bildlich um die Sicherheit von Frauen, ihre Jungfräulichkeit zu bewahren. Frauen werden als weißer Stoff bezeichnet, schließlich gibt es kein Zurück mehr, wenn sie einmal ihre Jungfräulichkeit verloren haben. Ebenso wenig kann ein beflecktes weißes Tuch wieder ganz sauber werden. Männer können hingegen soviel Sex haben, wie sie wollen. Als Journalist ist man oft unterwegs und trifft viele Menschen.
Journalisten müssen auch nachts arbeiten, was für Frauen aufgrund von möglichen Übergriffen besonders gefährlich ist. Die Gesellschaft sieht eine Frau als entehrt an, wenn sie bei ihrer Hochzeit keine Jungfrau mehr ist- auch, wenn dies das Ergebnis einer Vergewaltigung ist.
Trotz dieser sehr traditionellen Betrachtungsweise ist es oft hilfreich, eine Frau im Journalistenmetier zu sein. Im Gegensatz zu unseren männlichen Kommilitonen bekommen meine Mitstudentinnen und ich viele Interviewpartner, sogar Regierungsvertreter. Die männlichen Journalisten sagen dann meistens sehr eifersüchtig, der Grund dafür sei nur unsere „süße, weibliche Stimme“. Ich habe dagegen oft das Gefühl, dass Interviewpartner Frauen schwächer einschätzen und davon ausgehen, dass sie im Gespräch von der Journalistin nicht angegriffen werden.
Die Familie spielt immer noch eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, welche Ausbildung ihre Kinder machen werden. Das Institut für Medien und Kommunikation, an dem ich studiere, bildet nach Angaben des Direktors Vichea S. Tieng etwa 40 Prozent Frauen aus. „Oft gibt es keine Unterstützung von der Familie. Einige Eltern erlauben ihren Töchtern nicht, Journalismus zu studieren, weil sie glauben, ihre Kinder wären dann zu viel unterwegs. Einige Mädchen müssen sich geradezu aus dem Haus schleichen.
Ich studiere jetzt im dritten Jahr Journalismus. Manchmal streite ich mich mit meiner Mutter darüber, dass ich selten zu Hause bin. Grundsätzlich unterstützt sie mein Ziel aber nach wie vor. Ich studiere den ganzen Tag und muss nebenbei noch Sonderaufgaben erledigen, häufig sind das Interviews weit weg von zu Hause. Ich scherze oft mit meiner Mutter und sage: „Zu Hause ist nur das Hotel, in dem ich schlafe.“ Dann lacht sie meistens.
Neben der Uni arbeite ich am Wochenende beim Radio, so dass ich wenig Zeit für meine Familie habe. Obwohl meine Mutter mich sehr unterstützt, verstehe ich ihre Sorge. Denn asiatische Frauen sollen ja eigentlich die meiste Zeit zu Hause sein. Aber damit ich mich weiterentwickeln kann, muss ich gegen diese Vorurteile ankämpfen. Ähnlich wie die Arbeit von CARE geht es beim Journalismus darum, Menschen zu unterstützen, die sonst keine Stimme hätten. Frauen sollten nicht daran gehindert werden, diesen Beruf auszuüben. Und sie sollten gemeinsam mit den Männern daran arbeiten, unsere Welt zu entwickeln.
Bis zum nächsten Mal,
Euere Kunthy
Übersetzung: Sabine Wilke
Ihr haltet mich bestimmt für verrückt, wenn ich Euch sage, dass ich gerne mal ein Erdbeben erleben möchte. Vor drei Wochen passierte genau das in Bonn, wo ich zur Zeit lebe. Aber ich schlief tief und fest und bekam überhaupt nichts zu spüren! Als mir meine Kollegen am nächsten Morgen davon berichteten, war ich total überrascht. Ich wollte ja eigentlich nur einmal wissen, wie es sich anfühlt, wenn die Erde bebt… aber doch kein gefährliches Erdbeben!
Diese Woche saß ich wie immer an meinem Schreibtisch in der Mitte unseres Pressebüros, und um mich herum reichten sich meine Kollegen Papiere zu oder führten Telefonate. Dazu gibt es eine Menge dringender Besprechungen. Sie arbeiten daran, auf Naturkatastrophen zu reagieren. In diesem Fall gab es ein Erdbeben in Peru, das hunderte Menschen getötet hatte. Und die anhaltenden Fluten in Südostasien kosten immer noch jeden Tag viele Menschenleben.
Zu meinen Aufgaben gehört es, mich gründlich über diese Naturkatastrophen zu informieren. Dabei fällt mir auf, dass es in Kambodscha keine deartigen Katastrophen gibt, und mein Land deswegen nie in diesem Zusammenhang erwähnt wird. Das macht mich in dem Fall natürlich glücklich, gleichzeitig tut es mir leid, die Tragödien in anderen Ländern zu sehen.
Kambodscha grenzt im Norden an Thailand und Laos, und im Osten und Süden an Vietnam. Aufgrund dieser zufälligen Lage gibt es in Kambodscha keine Vulkane oder Erdbeben. Die häufigsten Naturkatastrophen, unter denen die Menschen in meinem Land leiden, sind Überflutungen und Dürren. Die Fluten entstehen meistens während der Regenzeit von Mai bis November. Die übrigen Monate sind Trockenzeit.
Wir Städter, die in der Hauptstadt Phnom Penh leben, beschweren uns oft über den Regen. Dagegen sehnen sich die Bauern in den Provinzen häufig verzweifelt danach, damit ihre Ernte gelingt. Wir haben dann Schwierigkeiten, über die überfluteten Straßen zur Arbeit oder zur Uni zu kommen. In Kambodscha regnet es meist für kurze Zeit sehr stark, während hier in Deutschland ein ganzer Tag verregnet sein kann. Ich trage hier also oft einen Regenschirm, falls es doch wieder unvorhergesehen schüttet. Vorher kannte ich gar keine Temperaturen unter 26 Grad. Es ist irgendwie komisch, dass ich deshalb nie Gelegenheit hatte, meine Pullis und Jacken anzuziehen. Hier in Bonn trage ich sie dafür jetzt häufig.
Obwohl Kambodscha nicht so sehr unter Naturkatastrophen leidet wie andere Länder, gehört es doch zur Gruppe der unterentwickelten Länder. Das Land ist deshalb so arm, weil es zwei Jahrzehnte lang unter einem Bürgerkrieg gelitten hat.. Alles musste danach von Null wieder aufgebaut werden, die gesamte Infrastruktur, Schulen und vieles mehr. Vor allem aber fehlte es an Menschen, die den Wiederaufbau der 181,035 qm² betreiben könnten. Denn unter dem Khmer Rouge-Regime wurden tausende gebildeter Leute wie Ärzte, Lehrer und Rechtsanwälte ermordet.
Seitdem Kambodscha das Kapitel Krieg hinter sich gelassen und seine Tore für internationale Hilfe geöffnet hat, bewegt sich das Land in vielen Bereichen gut vorwärts. Es gibt beispielsweise viele Schulen für die Millionen Kinder und Jugendliche. Auch die meisten Straßen sind wieder instand gesetzt worden. CARE hilft dabei, die Millionen von Personenminen zu beseitigen, die von den Khmer Rouge überall gesät wurden und bis heute eine große Gefahr darstellen. CARE arbeitet auch daran, Gemeinden technisch besser auf Fluten und andere Katastrophen vorzubereiten.
Ich habe Glück, dass ich mich nicht um Naturkatastrophen sorgen muss, die mein Leben betreffen könnten. Deshalb kann ich mit meiner Ausbildung und der journalistischen Arbeit meinen Teil dazu beitragen, die Entwicklung meines geliebten Heimatlandes zu unterstützen.
Bis zum nächsten Mal,
Eure Kunthy
Übersetzung: Sabine Wilke
Nachdem ich nun schon mehr als einen Monat in Bonn bin, hatte ich neulich zum ersten Mal wieder die Gelegenheit, meine Muttersprache Khmer zu sprechen. Ich traf eine kambodschanische Frau, die in Deutschland lebt. „Seit ich hier vor drei Jahren angekommen bin, habe ich höchstens zehn andere Kambodschaner getroffen“, erzählte mir Chea Xev Mey.
Mey ist 27 und hat vor drei Jahren einen deutschen Mann geheiratet. Ich habe sie durch Freunde einer Kollegin kennen gelernt. Dann haben wir entschieden, uns letzten Samstag zu treffen. Wir gingen zum Bummeln in die bevölkerte Fußgängerzone und Mey empfahl uns einige Mitbringsel für Kambodscha. Ich kaufte auch noch einige Cremes und Medikamente, die hier auch billiger sind. Abends gingen wir dann Döner essen.
Einige Eltern in Kambodscha beschließen, ihre Töchter ins Ausland zum Verheiraten zu schicken statt in die Schule. Warum? Aufgrund der Armut. Die Ausbildung von Kindern ist erst einmal zeit- und kostenintensiv, der Lohn der Investition lässt sich nicht unmittelbar erkennen. Einige Eltern denken deshalb, dass eine Hochzeit ihrer Tochter im Ausland lohnender ist. Arrangierte Hochzeiten sind in der kambodschanischen Kultur noch stark verbreitet und die meisten Töchter können sich nicht dagegen auflehnen. Hinter diesen arrangierten Ehen steht der Gedanke: „Wenn Du Deinen Ehepartner selber aussucht, hast Du es nicht besser verdient, wenn es in der Zukunft Eheprobleme gibt. Aber wenn Deine Eltern für Dich die Wahl treffen, werden sie Dich später unterstützen, weil sie es für ihren Fehler halten.“
Wenn man Glück hat, trifft man einen guten Ehemann. Dann gewinnt man das „Spiel der Heirat“. Aber wenn man verliert, kann das eine tragische Wendung für das eigene Leben bedeuten. In der kambodschanischen Gesellschaft wird die Jungfräulichkeit von Frauen sehr hoch angesehen. Frauen sollten also nicht mehr als einmal verheiratet sein. Mey hat das Glücksspiel gewonnen, weil ihr deutscher Ehemann sich gut um sie kümmert. Und die beiden respektieren ihre jeweiligen Entscheidungen gegenseitig. „Ich glaube, ich habe die richtige Wahl getroffen“, sagt Mey.
Mey hat viel mehr Glück als die tausend kambodschanischen Frauen, die mit Männern aus Taiwan verheiratet sind. In der Taiwanesischen Presse liest man, dass viele kambodschanische Frauen verlassen werden und als Prostituierte enden. Viel schlimmer noch, sie können nicht mehr nach Hause zurückkehren.
Armut ist nicht der einzige Grund, weswegen kambodschanische Eltern ihre Töchter in der Fremde verheiraten wollen. Eine weitere Ursache liegt in dem, was ich „ständiges Vergleichen“ nenne. Menschen in Kambodscha messen ihr Vermögen untereinander. Man wird unzufrieden, wenn Nachbarn reicher sind. Wenn also eine Familie ihre Tochter im Ausland verheiratet hat und von ihr Geld geschickt bekommt, tun es ihr andere Familien gleich und schicken ihre Töchter auch weg. Um es deutlich zu machen, nehme ich meine Familie als Beispiel:
Meine Familie kann man als eine durchschnittliche kambodschanische Familie beschreiben. Auch wenn sie grundsätzlich offen ist, was die Entscheidungen ihrer Kinder angeht, ist meine Mutter doch irgendwie von der Gesellschaft beeinflusst. Vor zwei Jahren etwa hatte ich öfter Streit mit ihr, weil sie mich im Ausland verheiraten wollte. Ich dagegen wollte natürlich mein Studium fortsetzen. Meine Mutter war damals sehr unglücklich, weil ich mich weigerte. Mir war zwar klar, dass ich nicht als gute Tochter gelten würde, wenn ich die Entscheidungen meiner Eltern nicht annähme, aber in dem Fall musste ich einfach nein sagen. Die Situation wurde entspannter, als ich mit einem Nebenjob etwas Geld verdienen konnte.
Ich verstehe, warum Eltern so handeln. Sie wünschen ihren Töchtern eine gute Zukunft. Aber bevor diese ins Ausland geschickt werden, sollten die Eltern so viele Informationen wie möglich über den zukünftigen Partner sammeln, damit die Töchter eine Chance auf ein glückliches und sicheres Leben haben. Ich glaube nach wie vor, der Schlüssel für das „Haus“ eines glücklichen Lebens ist Bildung. Mit Bildung und Vernunft können Probleme gelöst und Kompromisse gefunden werden.
Eine meiner Eindrücke von Deutschland ist der Individualismus hier. Die Menschen kümmern sich nicht so sehr darum, was ihre Nachbarn denken oder tun. Das Leben hier ist deshalb nicht so anstrengend wie das Leben im „ständigen Vergleichen“, finde ich.
Bis zum nächsten Mal,
Eure Kunthy
Übersetzung: Sabine Wilke
Ich habe wiederholt darüber geschrieben, dass die kambodschanische Gesellschaft großen Wert auf die weibliche Jungfräulichkeit legt. Eltern bringen ihren Töchtern bei, sich im Umgang mit Fremden vorzusehen. Manche Mädchen sind entsprechend vorsichtig und werden dennoch bedroht – von ihren Nächsten.
Viele von ihnen werden von ihren Eltern und Verwandten für eine Handvoll Dollar verkauft und enden als Prostituierte.
In Kambodscha prostituieren sich 50 000 bis 55 000 Frauen und Mädchen. Elf Prozent von ihnen wurden nach Angaben der Cambodian Women’s Development Association von ihren eigenen Eltern, Verwandten oder Freunden verkauft.
Vor einem halben Jahr führte ich ein Interview mit einer achtundzwanzigjährigen Prostituierten namens Sreymao aus der Prey Veng- Provinz. Im Alter von 14 Jahren lockte sie ein Freund unter falschen Vorwänden in ein Bordell. Dort wurde sie in einem Zimmer eingesperrt und geschlagen, wenn sie sich weigerte ihre Arbeit zu tun. Sie musste täglich mit mehr als zehn Männern schlafen. „Ich bekam 500 Riel (10 Eurocent) und drei Mahlzeiten pro Tag“, berichtete sie. Manchmal wurde sie von den Männern geschlagen, weil sie darauf bestand ein Kondom zu benutzen.
Durch ungeschützten Sex setzen sich Prostituierte einem hohen HIV- und AIDS- Risiko aus. Laut der UN waren im Jahr 2003 21 Prozent der kambodschanischen Prostituierten mit dem Virus infiziert.
Sehr tragisch ist auch ein kürzliches Geschehnis: eine junges kambodschanisches Liebesmädchen verletzte einen Freier, der kein Kondom benuten wollte, und musste dafür ins Gefängnis.
Glücklicherweise wurde Sreymao von einem Bordellbesucher befreit. Heute ist sie bei einer lokalen Organisation namens „Women’s Network for Unity“ als Gesundheitsberaterin für Prostituierte tätig. Sie arbeitet immer noch in ihrem früheren Beruf, allerdings ist sie jetzt unabhängig und hat die Möglichkeit, Freier abzulehnen. „Ich habe keine Ausbildung. Ich arbeite weiter, um Geld zum Leben zu verdienen“, sagt Sreymao.
Armut ist die eine Sache. Frauen aus ländlichen Gebieten haben jedoch auch keinen Zugang zum Bildungssystem und somit nicht viele Alternativen zur Prostitution.
An dieser Ausweglosigkeit trägt meiner Meinung nach auch die Gesellschaft Schuld. In Kambodscha nennt man Prostituierte „Srey kouch“ – zu deutsch „beschädigtes Mädchen“ oder „totes Mädchen“. Nicht alle, aber einige Kambodschaner diskriminieren Prostituierte noch immer.
Es gibt noch mehr Probleme, mit denen diese Menschen zu kämpfen haben – zum Beispiel mit den psychischen Belastungen ihrer Arbeit. Sie bekommen von der Gesellschaft grundlegende Menschenrechte abgesprochen. Ich möchte die Eltern fragen, die ihre Kinder verkaufen: „Habt ihr jemals darüber nachgedacht, welche fürchterlichen Konsequenzen diese Entscheidung hat?“ Ich denke nicht. Keine Mutter auf der Welt möchte, dass das Leben ihrer Tochter in einer Tragödie endet.
Mehr als 80 Prozent der Kambodschaner leben auf dem Land. Nur in wenigen Provinzen haben die Menschen über die Medien ausreichenden Zugang zu Informationen. So können sie leichter betrogen werden.
Bildung ist der Schlüssel. Menschen mit Zugang zu Bildung haben Chancen im Leben. Und Alternativen zur Prostitution. Deshalb muss das zweite der UN-Millenniumsziele erreicht werden. Die Medien sind das beste Mittel, um möglichst vielen Menschen Informationen zu übermitteln. Deshalb muss die dafür nötige Infrastruktur in Kambodscha ausgebaut werden. Aus diesem Grund sollte die Regierung schnell handeln.
Aber das ist nicht genug: lasst uns gemeinsam handeln, um diesen armen Menschen zu helfen. Zum Beispiel durch freiwillige Mitarbeit bei Organisationen wie CARE, die in Dorfgemeinschaften Bildungsprojekte unterhalten. Wir sollten aufhören, uns über Land zu beklagen und etwas anpacken. Es ist so wie John F. Kennedy sagte: „Ask not what your country can do for you; ask what you can do for your country.“ Also: “Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann, sondern, was Du für Dein Land tun kannst.”
Ein letztes Wort zu alledem. Meiner Meinung nach darf es nicht sein, dass Eltern ihre eigenen Kinder verkaufen. Töchter sind stets bereit, ihre Väter und Mütter in Problemlagen zu unterstützen. Aber keine von ihnen möchte verkauft werden.
Bis zum nächsten Mal,
Eure Kunthy
Übersetzung: Nico Damm
In meiner Heimatstadt Phnom Penh hätte ich dieses Problem nicht gehabt. Dort stehen ständig Motorrad-Taxis bereit. Da jedoch so viele Motorradfahrer in der Stadt unterwegs sind, stellt sich jedoch die Frage: Woran erkenne ich, das es sich um ein Taxi handelt?!
Ganz einfach! Meistens warten die Fahrer in Gruppen auf ihre Kunden. Sie tragen T-Shirts mit langen Ärmeln sowie Mützen oder Helme und fahren ziemlich alte Motorräder.
Um ihre Dienste anzubieten, heben sie einen Arm und bringen dann den Fahrgast für wenig Geld von A nach B. Für Ausländer ist es gar nicht nötig, sich nach ihnen umzusehen – die werden direkt von den Fahrern angesprochen.
Allerdings sollte man bedenken, dass diese Taxis keinen Fahrplan haben, wie die U-Bahn in Europa: die meisten Motorrad-Taxis verschwinden zwischen acht und neun Uhr abends von den Straßen. Manchmal muss man also zu Fuß nach Hause gehen!
Mit seinen zwei Millionen Einwohnern ist Phnom Penh nicht so überfüllt wie Bangkok. Die meisten Menschen – ich übrigens auch - besitzen ein eigenes Motorrad. Zwar kenne ich die konkrete Zahl der Motorrad-Taxis nicht, aber es gibt Unmengen davon in Phnom Penh! Man sieht sie fast überall! In der Regel sind die Fahrer männlich. Jedoch habe ich gehört, dass es auch einige Frauen unter ihnen gibt – ich habe allerdings noch nie eine von ihnen gesehen.
Aus Gesprächen mit einigen Fahrern weiß ich, dass sie am Tag ungefähr 5000 bis 6000 Riel (ca. ein Euro) sparen können. Das bleibt ihnen nach Abzug der Benzinkosten (ein Liter kostet ungefähr 80 Euro-Cent) und drei Mahlzeiten. Die meisten von ihnen kommen aus Provinzen, in denen man von der Landwirtschaft kaum leben kann. Einige der Fahrer leben in den Slums oder in gemieteten Häusern. Ich weiß von meiner Cousine, die selbst einige Räume vermietet, dass ein drei Quadratmeter großes Zimmer monatlich ungefähr 15 Dollar Miete kostet.
Als ich das erste Mal diesen Artikel auf einer chinesischen Website las, war ich überrascht und froh. Denn es wurde berichtet, dass es in Kambodscha künftig eine Magnetschwebebahn geben soll! Ich sagte mir: Toll! Jetzt geht es voran mit meinem Land! Einige Minuten später, war ich mir jedoch nicht mehr so euphorisch. Ich fragte mich, was dann wohl mit all den Fahrern der Motorrad-Taxis passieren würde?! Wie sollten sie bloß über die Runden kommen, wenn alle künftig die Magnetschwebebahn nähmen. Nun, halte das neue Projekt doch für keine gute Idee mehr!
Für die Menschen ist es besser, ein Motorrad-Taxi zu nehmen als eine Schwebebahn, weil sie so unabhängiger sind. Um Verspätungen muss man sich zum Beispiel keine Sorgen machen. Außerdem spart man sich die Mühe, eine Fahrkarte kaufen zu müssen. Man kann weder aus Versehen das falsche Ticket kaufen, noch an der falschen Haltestelle aussteigen – so,wie es mir in Europa bereits passiert ist. Wenn man das Motorrad-Taxi nimmt, ist man außerdem viel näher an der Stadt als in einer Schwebebahn.
Auf der anderen Seite, wäre der Bau einer U-Bahn nicht schlecht, weil der viele Verkehr die Luft verpestet.
Eine U-Bahn würde auch nicht die schöne Aussicht auf Phnom Penh verschandeln wie eine Magnetschwebebahn. Der Bau einer U-Bahn oder einer Magnetschwebebahn würde wohl außerdem die Staus in der Stadt verringern. Dennoch denke ich, dass die Zeit hierfür noch nicht gekommen ist. Zunächst muss man in andere Bereiche des Landes investieren, um das „böse Monster Armut“ zu überwinden.
Ein großer Schritt wäre es, wenn mehr Schulen in ländlichen Gebieten gebaut würden. Denn Menschen mit einer guten Ausbildung, finden einen guten Arbeitsplatz. Dies könnte auch die Landflucht stoppen und somit die Städte entlasten. Dennoch darf man nicht übersehen, dass eine gute Infrastruktur für die schnelle Entwicklung eines Landes notwendig ist. Die löchrigen Straßen in Phnom Penh und auf dem Land erschweren das Vorankommen enorm.
Auch die Verbesserung der medizinische Versorgung halte ich für wichtiger als eine Magnetschwebebahn: die Regierung sollte daher für genügend Krankenhäuser sorgen, damit Menschen nicht weiterhin unnötig sterben müssen.
Wenn diese Aufgaben erfüllt sind, werden sich die Kambodschaner auch über die Modernisierung ihres Landes freuen!
Bis zum nächsten Mal,
Eure Kunthy
Übersetzung: Nico Damm
Ich schreibe euch aus einem Zimmer in einem Haus mit vielen Apfelbäumen im Hintergarten. Das Zimmer gehört Ben, einem 15 Jahre alten Jungen, der gerade in England zur Schule geht. Er ist der Sohn von meiner früheren Journalistik-Dozentin in Kambodscha. Diese Woche besuchte ich sie zusammen mit drei Freunden in ihrer Redaktion bei der Zeitung „Die Zeit“. Danach hatten wir noch Gelegenheit einige andere Medienhäuser zu besichtigen.
Was mir besonders ins Auge fällt, wenn ich mir Bens Zimmer anschaue, sind die vielen Bücher, die sich auf seinem Nachttisch stapeln. Eines davon ist der neueste Band der Harry Potter-Reihe. Plötzlich muss ich an all die Kinder in Kambodscha denken, die so alt sind wie Ben, aber nicht zur Schule gehen können. Noch schlimmer ist, dass viele von ihnen arbeiten müssen, um ihre verarmten Familien zu unterstützen.
In Kambodscha, besonders in Phnom Penh, sieht man viele kleine Kinder auf den Straßen, die Waren transportieren und potentiellen Kunden hinterherlaufen. Manche der Kinder haben morgens Unterricht und arbeiten nachmittags, um das Familieneinkommen zu erhöhen. Viele gehen allerdings überhaupt nicht zur Schule.
Manche Familien, vor allem auf dem Land, entscheiden sich, ihre Kinder nicht zur Schule zu schicken, weil sie sie für die Feldarbeit brauchen. Viele Eltern sind darauf angewiesen, dass ihre Kinder das Auskommen der Familie verbessern und lassen ihre Kinder aus diesem Grunde den Unterricht nicht besuchen. Das trifft natürlich nicht für alle Eltern zu. Manche finden es auch wichtig, dass ihre Söhne oder Töchter eine Ausbildung bekommen.
Das Problem ist, dass es sich viele Familien nicht leisten können, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Zwar ist die Anmeldung zum Schulunterricht kostenlos, jedoch müssen die Kinder eine Tagegeld für die Lehrer und das Unterrichtsmaterial zahlen. Der Grund dafür ist, dass die Lehrer von einem winzigen staatlichen Gehalt von 20 Dollar im Monat leben müssen. Die mangelnde schulische Ausbildung ermöglicht es den Kindern nicht, einen guten Beruf auszuüben. Die schlechte Schulausbildung erhöht außerdem ihr Risiko in die Kinderprostitution abzurutschen – denn Menschenhandel ist ein großes Problem in Kambodscha.
Vor allem Paaren auf dem Land mangelt es häufig an Wissen über Verhütungsmethoden. Die Folge sind arme Familien mit vielen Kindern. Die Eltern haben meist nicht genügend Geld, ihren Nachwuchs zu ernähren. Die Kinder lernen also sehr früh, sich alleine durchzuschlagen.
Immer wenn ich ein Kind sehe, das mir etwas verkaufen will, stelle ich mir die gleiche Frage: „Soll ich etwas von ihm kaufen?“ Wenn ich zur Geldbörse greife, kann es ein paar Groschen sparen. Aber mit meinem Geld unterstütze ich dann Kinderarbeit! Am Ende kaufe ich Ihnen meistens doch etwas ab – denn ohne Einkommen sind diese Kinder verloren!
Ein kambodschanisches Sprichwort besagt: Die Kinder sind die Zukunft unseres Landes. Daher sollten die Politiker es endlich allen Kindern ermöglichen zur Schule zu gehen! Damit das zweite Millenniumentwicklungsziel der Verneinten Nationen – Grundschulbildung für alle – in Zukunft auch in Kambodscha erreicht wird.
Bis zum nächsten Mal,
Eure Kunthy
Übersetzung: Nico Damm
Ich schreibe diesen letzten Blog mit gemischten Gefühlen: Morgen werde ich das wunderschöne Bonn verlassen und zurück nach Hause fliegen. Ich kann mir noch gar nicht ausmalen, wie ich mich am Abreisetag fühlen werde. Es stimmt wirklich, dass die Zeit schneller vergeht, wenn man glücklich ist. Ich bin im Moment glücklich. 80 Tagen hier in Deutschland sind genug Zeit, um mein Leben hier zu vermissen. Ich wusste wenig über das Leben in Europa bei meiner Ankunft in Deutschland, aber meine Kollegen von CARE standen mir immer zur Seite: Sie haben mir Vieles erklärt: über deutsche Essgewohnheiten bis hin dazu, wie professionelle Pressearbeit funktioniert.
Ich habe so viele unvergessliche Erfahrungen gemacht, die ich an dieser Stelle mit Worten gar nicht beschreiben kann. Doch all diese Erinnerungen nehme ich mit nach Hause und hoffe, dass ich einmal wiederkommen kann.
Bereits am 1. Oktober werde ich wieder in einem Journalistik-Seminar an der Königlichen Universität von Phnom Penh sitzen. Das ist nur ein Tag nach meiner Ankunft in Kambodscha und ich hoffe, dass ich nach meinem langen Flug (ungefähr 12 Stunden) nicht zu müde dafür sein werde. Im kommenden Monat bin ich in meinem vierten Studienjahr – mein Abschlussjahr. In den letzten drei Jahren habe ich einen Eindruck davon bekommen, wie Medienarbeit funktioniert – für uns Journalismusstudenten, aber auch ganz generell in Kambodscha. Und davon möchte ich in meinem letzten Blog berichten..
Nur wenige Kambodschaner wissen, was man unter dem Fach Journalistik versteht. Ich konnte mir darunter auch nicht viel vorstellen. Bis zu meinem ersten Tag an der Uni. Ich weiß noch, wie ich auf die Idee kam, ein Journalistik-Seminar zu belegen.
Das “Department of Media and Communication” (DMC) wurde 2001 gegründet. An diesem Institut für Medien und Kommunikation kann man Journalistik als Hauptfach studieren. Das Seminar ist ganz in der Nähe vom „Institute of Foreign Languages“(IFL), wo ich meinen Bachelor in Anglistik gemacht habe, um als Englischlehrerin zu arbeiten. Aber das DMC habe ich nie wirklich wahrgenommen.
Mit meinen Freunden habe ich mich früher nie über Journalismus unterhalten– bis zu dem Tag, an dem mich eine Freundin fragte, ob ich mich nicht für ein Stipendium im Studienbereich „Tourismus“ bewerben wolle. Ich bin dann mit ihr zusammen zur Uni- Verwaltung gegangen. Doch dort empfahl man uns aber, dass wir besser am DMC studieren sollten, da wir gut englisch sprachen und die meisten Kurse am DMC auf Englisch gehalten werden. Ich fand den Vorschlag gut, da ich mein Englisch verbessern und zugleich etwas dazulernen wollte! Endlich, nach zwei schriftlichen und einer mündlichen Prüfung, wurde ich als Journalistikstudentin aufgenommen!
Im Vergleich zu anderen Fächern, wie etwa Buchhaltung, Marketing oder Wirtschaftswissenschaften erhalten nur wenige Bewerber einen Platz am DMC. In diesem Jahr wurden zum Beispiel nur 30 von 135 Anwärtern ausgewählt, während Unmengen am IFL studieren. Was mich jedoch verwundert ist, dass die Hälfte der 30 Bewerber Frauen sein sollen. Jedoch ist das eigentlich in keinem Jahrgang so. In meinem ersten Semester waren wir nur sechs Frauen von insgesamt 25 Studenten. Denn Journalistik wird allgemein als ein Fach für Männer betrachtet!
Die Bezeichnung „Journalistik-Student“, hat es mir während meines Studiums nicht immer leicht gemacht. Wann immer ich bei einem Regierungsvertreter anrief, um für mein Studium zu recherchieren, haben die Beamten gleich aufgelegt oder sagten mir, sie seien zu beschäftigt, um mir Auskunft zu geben. Ich glaube, in Deutschland ist das ganz anders. Während meines Aufenthalts in Hamburg, letzte Woche, habe ich mich mit einem Praktikanten bei „Die Zeit Online“ unterhalten. Marc S. ist Student an der „Kölner Journalistenschule“ und hat mir erklärt, wie es mit Regierungsanfragen in Deutschland läuft: „Manchmal ist es schwierig, aber es ist niemals unmöglich! Eigentlich sind sie bereit mit dir zu sprechen“, meinte Marc.
In Kambodscha ist es genau umgekehrt: „Manchmal klappt es und du bekommst eine Auskunft - aber es ist immer schwierig!“ Darum haben Journalistik-Studenten in Kambodscha häufig Probleme ihre Hausarbeiten rechtzeitig abzugeben, wenn sie auf Informationen aus Regierungskreisen angewiesen sind. Übrigens, hatte ich noch nie Probleme meine Arbeit abzuschließen, wenn ich ausschließlich Informationen von Nichtregierungsorganisationen recherchieren musste…
Meine Freunde und ich, die junge Generation, haben sich der Weiterentwicklung Kambodschas verschrieben, denn wir wollen, dass unser Land vorankommt. Wir wollen Brückenbauer zwischen den Menschen und der Regierung sein – eine der Grundprinzipien des Journalismus. Deshalb sollte die Regierung uns den Weg zu nötigen Informationen erleichtern.
Bis jetzt habe ich in meinen Blogs meist über soziale Probleme meines Landes berichtet. Sie sind die Folgen eines Bürgerkriegs, den Kambodscha fast drei Jahrzehnte lang erdulden musste. Dennoch bin ich optimistisch, was die Zukunft des Landes anbetrifft. Außerdem hat Kambodscha einiges für Touristen zu bieten – besonders stolz sind wir vor allem auf die wunderschöne historische Tempelanlage von Agkor Wat.
Ich bin mir sicher, auch Ihr werdet die großartige Architektur vergangener Zeiten bewundern, falls Ihr eines Tages die Möglichkeit habt, Angkor Wat mit eigenen Augen zu bestaunen. Zu guter Letzt noch ein Tipp für alle, die die Natur lieben. Denen möchte ich eine Bootstour auf dem Tonle Sab empfehlen, - dem größten See Südostasiens. Es gibt noch so viele andere sehenswerte Orte, wie den Königlichen Palast und das National Museum in Phnom Penh. Eine Reise nach Kambodscha kann euch eine ganz neue Sicht der Dinge geben!
Also, bis bald in Kambodscha!
Eure Kunthy
Übersetzung: Nico Damm
Liebe Kunthy, CARE sagt danke und alles Gute in Kambodscha für Dich.
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