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Facettenreicher Bürgerkrieg

Zerstörtes Dorf
Zerstörtes Dorf

Der Konflikt in Darfur hat viele Ursachen. Eine davon ist die Wasserknappheit.

Halima hat in der vergangenen Nacht nicht gut geschlafen. In dem kleinen zerfetzten Zelt sind zu viele Löcher und Öffnungen – der Regen tropft auf Halimas Matte. Ihrer Mutter und ihren beiden Geschwistern hat die Nässe weniger ausgemacht. „Sie schlafen sowieso besser“, sagt die Zwölfjährige. Halima lebt mit ihrer Mutter und den beiden Brüdern in einem der vielen Flüchtlingslager in Darfur, einem Wüstenstreifen im Westen des Sudans. Dort steht Zelt neben Zelt, dort quälen jede Familie die Erlebnisse von Flucht und Gewalt. Wasser gibt es nur im Brunnen und der ist weit entfernt. Aber im Gegensatz zu Halimas Heimatdorf sind im Flüchtlingslager die Brunnen noch nicht versandet.

„Wasser bedeutet Leben“, hatte sie von ihrem Vater wieder und wieder gehört, als sie noch in ihrem Dorf lebten. Eines Tages aber waren die Kämpfer auf Pferden, die so genannten Janjaweed gekommen. Sie brannten alles nieder und vertrieben die Menschen. Sie vergewaltigten Frauen und töteten Männer. Halimas Vater war eines der Opfer. Ihre Mutter, ihre beiden Brüder und sie selbst flohen daraufhin.

Teilen statt kämpfen

Der Bürgerkrieg in Halimas Heimat Darfur hat seit dem Jahr 2003 mehr als 200.000 Menschenleben gekostet. Mehr als zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht im eigenen Land, vertrieben von den Kämpfen zwischen den bewaffneten Reitermilizen der sudanesischen Regierung und den Rebellengruppen der Provinz Darfur. Es ist ein komplexer Krieg, entstanden im Lauf der Jahrhunderte, in einem der trockensten Gebiete Afrikas. Es ist ein Konflikt, in dem es auch um Weideland, Wasser und natürliche Ressourcen geht, ein Konflikt, in dem sesshafte Bauern und Nomaden immer weniger Raum zum Leben finden. „Die Krise ist aus vielen Gründen entstanden“, sagt der Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki Moon, der Darfur besuchte. „Wir müssen mit allen fertig werden – Sicherheit, Politik, Ressourcen, Wasser und humanitäre Fragen.“

Halimas Vater hatte sich in ihrem Dorf vor vielen Jahren niedergelassen, als es dort noch Wasser gab. Doch bald versiegte auch der letzte Brunnen. Die Familie konnte damals den Garten nicht mehr bewässern, die beiden Maultiere hatten nicht mehr genügend zu fressen. Der Vater hatte früh mit der Tochter über die Bedeutung des Wassers gesprochen. Als Halima ihn einmal fragte, warum es so wenig Wasser gebe, antwortete der Vater: „Es gibt genug Wasser auf der Welt. Es ist nur ungerecht verteilt.“ Warum, fragte die Tochter ihren Vater, teilen es die Menschen nicht untereinander, wenn doch für alle genügend vorhanden ist? „Das ist die Natur des Menschen. Er will immer noch mehr von dem haben, was er schon besitzt.“ Halimas Vater war ein weiser und stiller Mann. „Wenn wir nicht Respekt voreinander haben, jeder vor jedem, dann haben andere vor uns keinen Respekt“, lehrte er seine Tochter.

Als die Reiter in sein Dorf kamen hatte sich Halimas Vater ihnen in den Weg gestellt. Er hat sie gebeten und angefleht, das Dorf und die Familien zu verschonen. Er hatte angeboten, gemeinsam dort zu leben und alles zu teilen, was sie hatten: Das Vieh, die Felder, das Wasser und sogar die Hütten. Die Angreifer lachten nur und töteten ihn direkt neben dem leeren Brunnen. Halima musste zusehen. Seitdem hat sie dieses Bild ständig vor Augen. Immer, wenn sie Wasser trinkt oder sich wäscht, denkt sie an diesen schrecklichsten Tag in ihrem Leben.

Kein Wald ohne Wasser

Halimas Familie hat zu große Angst, zurück in ihr Dorf zu gehen. Im Flüchtlingslager ist sie vorerst sicher. Halima hat gehört, dass die Hilfe für die Flüchtlinge aus der ganzen Welt kommt; auch das Geld, um Brunnen zu bohren, damit sie nicht verdursten mussten und sich waschen konnten. Sogar Toiletten gibt es im Flüchtlingscamp. Die Fremden, die ihnen helfen, nennen sie Latrinen. Sie setzen sich mit den Bewohnern der Flüchtlingslager zusammen und besprechen, wie man gemeinsam helfen kann. „Der Frieden in Darfur muss tiefe Wurzeln bekommen, wenn er anhaltend sein soll“, sagt Generalsekretär Ban Ki Moon. Doch es ist schwer für Halima, den Vater und die Gewalt zu vergessen.

Vom Schulgelände im Flüchtlingslager kann sie in weiter Ferne knorrige Bäume sehen. „Noch vor einem guten Jahr standen die Bäume vor unserem Fenster“, sagt die Lehrerin zu Halima. „Aber es kommen immer mehr Flüchtlinge und wir brauchen Holz zum Kochen und zum Heizen. Dafür wird er Wald abgeholzt.“ Sie ist eine fröhliche Frau, sehr klug und immer optimistisch. Ihre Art erinnerte Halima an die ihres Vaters. Doch die Lehrerin kann auch ernst sein: „Die Wege zum Holzsammeln sind jetzt länger und gefährlicher. Geh nicht alleine aus dem Lager“, warnt sie Halima vor den Überfällen der Reiterkämpfer.

Wenn es nachts regnet, kommt das Wasser durch die Löcher in Halimas Zelt. Dann muss sie immer an die Worte des Vaters denken, die so einfach und so wahr sind: „Es gibt genug Wasser auf der Welt. Es ist ungerecht verteilt.“ Dann quälen sie die Erlebnisse der Flucht, des Todes und des Krieges. Deshalb kann sie nicht schlafen.

 
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