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„Lebt sie noch?“ – Bis vor ein paar Jahren war das die erste Frage, nachdem eine Frau im Andenhochland von Peru ein Kind zur Welt brachte. „Heute fragt das niemand mehr, als wäre es das Normalste der Welt“, fasst Marisol Vicuna Olivera die Veränderungen der letzten Jahre zusammen. „Und wenn doch jemand fragt, ist die Antwort meistens Ja.“ Marisol ist Ärztin und für die Gesundheitsprojekte bei CARE Peru zuständig. Sie weiß, welch harte Arbeit die Erfolge der Andendörfer waren. Der Schlüssel ist wie so häufig Wissen und Zusammenarbeit. Außerdem gibt es für ganz Peru mittlerweile eine Strategie, wie Notfälle behandelt werden, wie die einzelnen Gesundheitsposten, Gesundheitszentren, Krankenhäuser und die Gemeinden zusammenarbeiten sollten, bessere technische Geräte und anschaulicheres Lernmaterial für die Patienten. „Am allerwichtigsten ist, dass die Tradition der Patienten gewahrt werden. Dazu gehört etwa, dass sie in den Gesundheitsstation auch eine sogenannte sitzende Geburt haben können.“
Der Jesús von Chuccllaccasa
Auch in dem kleinen Gesundheitsposten in Chuccllaccasa sind diese Veränderungen spürbar. Chuccllaccasa liegt in Huancavelíca, einem der ärmsten der 24 „Departementos“, also Bundesländer von Peru. Etwa 455 Kilometer sind es von Lima nach Huancavelíca – aber die Busfahrt dauert über 15 Stunden. Es geht durch die Anden, und die scharfen Kurven an den steilen Berghängen und heftige Schneestürme machen aus jedem Kilometer eine Schneckentour. „Die langen Wege sind für unsere Arbeit die größte Herausforderung“, erklärt Jesús, der in dem Gesundheitsposten als technischer Assistent arbeitet. Fast 4.000 Meter über dem Meeresspiegel gelegen und viele steinige, staubige und kurvige Stunden vom nächsten Krankenhaus entfernt, gibt es in Chuccllaccasa keinen Krankenwagen, keine Elektrizität und auch keinen Arzt. „Ich habe mich nicht wirklich für den bequemsten Weg entschieden“, sagt Jesús lachend.
Freiwillige vor!
Der Dreißigjährige, der seinen roten Motorradhelm unter den Arm geklemmt hält, ist vor ein paar Monaten nach Chuccllaccasa gezogen, zusammen mit seiner kleinen Tochter und seiner Frau, die hier als Lehrerin eine Anstellung fand. „Es ist eine große Umstellung, in einer so abgelegenen Region zu arbeiten –Prävention ist hier das A und O.“ Prävention, das heißt vor allem, dass schwangere Frauen regelmäßig untersucht werden müssen, und dass sie die Alarmzeichen kennen, bei denen sie so schnell wie möglich in den Gesundheitsposten kommen sollten. „Wir besuchen die Bewohner regelmäßig zu Hause, laden sie zum Gesundheitsposten ein und lassen sie immer wieder aufzählen, bei welchen Anzeichen sie sofort zu uns kommen sollten.“ Jesús zählt selbst auf: „Kopfschmerzen, Fieber, Brechreiz, Brustschmerzen, Blutungen und natürlich generell, wenn sie sich nicht wohl fühlen.
Die Wege in Chucclaccasa sind lang – fast drei Stunden zu Fuß brauchen manche Patienten zum Gesundheitsposten. „Ohne unsere Freiwilligen könnten wir die regelmäßigen Hausbesuche gar nicht stemmen. Es wäre kaum möglich, einen Überblick über die gesundheitliche Situation der Dorfbewohner zu haben“, sagt Jesús, und legt dabei freundschaftlich seine Hand auf die Schulter von Alejandra Meneses Montes. Sie ist eine von neun Freiwilligen, mit denen der technische Assistent zusammenarbeitet und für 257 Familien in acht Dorfgemeinschaften sorgt. Alejandra ist seit fast acht Jahren eine der „viligantes de communidad“, eine Wächterin der Gemeinde. Jeden zweiten Monat nimmt sie an von CARE organisierten Schulungen für Freiwillige teil. „Früher wussten wir häufig selbst nicht genau, was wir den Patienten sagen, auf welche Alarmzeichen wir achten sollen und wie wir den Dorfbewohnern wirklich helfen können. Mit den Trainings von CARE hat sich das geändert“, erzählt die 37-Jährige und zeigt, welches Kapitel sie gestern durchgenommen hat. „Unser Thema gestern war die Gesundheit von Neugeborenen. Ich weiß jetzt, wann der Nabel infiziert oder das Baby zu klein ist und würde es sofort zum Gesundheitsposten bringen.“
Ihr Wissen geben die Freiwilligen bei ihren regelmäßigen Besuchen an die Dorfbewohner weiter, halten Vorträge und führen kleinere Untersuchungen durch. „Sie sind die Augen und Ohren des Gesundheitsposten“, sagt Jesús. „Sie schlagen auch eine Brücke des Vertrauens für uns staatliche Gesundheitsmitarbeiter, denn sie sind Teil der Gemeinschaft und kennen die Dorfbewohner am besten.“ Auch Jesús nimmt regelmäßig an Schulungen von CARE teil. Hier lernt er nicht nur viel über Kinder- und Müttersterblichkeit sondern auch, wie er die Freiwilligen motivieren kann und was er ihnen beibringen sollte.
Wissen rettet Leben
Vor einigen Monaten, so erzählt Jesús, konnten sie so das Leben eines Säuglings retten. Eine der Freiwilligen hatte in ihrer Nachbarschaft herausgefunden, dass ein minderjähriges Paar ein Kind erwartete und den Gesundheitsposten alarmiert. Als Jesús und die Krankenschwester das Neugeborene sahen, war ihnen klar, dass es schnell Hilfe brauchte. „Es wog gerade mal anderthalb Kilo.“ Weil es in Chuccllaccasa keinen Krankenwagen gibt und auch niemand ein Auto hat, setzten sich die Krankenschwester und Jesús auf seinen roten Roller, das Neugeborene zwischen sich, um es warm zu halten. „Im Krankenhaus mussten wir dem Kind einen Namen geben, damit es aufgenommen wird. Wir nannten das kleine Mädchen Andrea“, erzählt Jesús. „Gott sei Dank waren die Eltern damit einverstanden, schließlich ist die Namengebung etwas, das Eltern normalerweise lieber selber tun“, sagt er grinsend. Drei Monate war die kleine Andrea im Krankenhaus – aber sie überlebte. „Die Arbeit mit den Freiwilligen, mit meinen Leuten, das macht mir am meisten Spaß an meiner Arbeit. Am beschwerlichsten sind natürlich die langen Wege, die hohen Berge. Aber bisher bin ich noch über jeden rechtzeitig rübergekommen.“
Die Freiwilligen werden von den Dorfbewohnern auf Lebenszeit gewählt. Jesús allerdings wird im Dezember gehen, sein Vertrag läuft wie für die meisten staatlichen Gesundheitsmitarbeiter nur neun Monate. „So lange wie eine Schwangerschaft“, fügt er lachend hinzu. Umso wichtiger ist es, dass auch sein Nachfolger in den Schulungen von CARE motiviert wird und lernt, wie er am besten mit den Freiwilligen zusammenarbeitet. „Denn ohne bessere Straßen, einen Krankenwagen und mehr Ärzte sind sie es, die im Notfall den Unterschied machen“, sagt meine Kollegin Marisol.

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