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Wie funktioniert ein Flüchtlingslager?

Interview mit Nothilfereferentin Sharon Blumenthal

Sharon Blumenthal im Flüchtlingslager

CARE-Mitarbeiterin Sharon Blumenthal koordiniert unter anderem die Nothilfeaktivitäten in den Flüchtlingslagern im Tschad. Gemeinsam mit den Projektmitarbeitern vor Ort entwickelt sie die Programme, kümmert sich um die Beantragung von öffentlichen Geldern und überwacht die Projektumsetzung. Hier berichtet sie darüber, wie man die Arbeit in einem Flüchtlingslager koordiniert.

Wie ist ein Flüchtlingslager aufgebaut?

Sharon Blumenthal: Ein typisches Flüchtlingslager ist in verschiedene Sektoren aufgeteilt, die sich wiederum in Blöcke gliedern. Ein Sektor besteht aus vier Blöcken, ein Block beinhaltet 16 „communities“, so genannte „Dorfgemeinschaften“ bestehend aus 16 Familien. Je nachdem, wie groß das Flüchtlingslager ist, gibt es einen oder mehrere Sektoren.

Aus wie vielen Sektoren kann ein Camp denn bestehen?

Sharon Blumenthal: Ziel ist es, nicht mehr als 20.000 Menschen in einem Flüchtlingslager unterzubringen, das heißt vier Sektoren. Wir versuchen so, den internationalen Standard der humanitären Hilfe einzuhalten. Die Realität sieht natürlich oftmals anders aus.

Wie sieht denn die Realität aus?

Sharon Blumenthal: Es gibt Flüchtlingslager mit über 100.000 Menschen, zum Beispiel im Sudan. Aus Flüchtlingslagern entstehen Städte, so wie im Libanon etwa. Es gibt Camps, die ausgeweitet werden müssen, weil eine neue Welle von Flüchtlingen kommt – obwohl die Planung ursprünglich weniger Menschen im Camp vorsah. Dann werden so genannte Annexe aufgemacht, das sind Randgebiete vor den bestehenden Flüchtlingslagern, wo sich die Leute ansiedeln. Man muss dann die Situation beobachten und entscheiden, ob das Lager ausgeweitet oder ein neues gebaut wird. Das Flüchtlinshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat weltweit das Mandat zur Versorgung von Flüchtlingen. Wir arbeiten in vielen Ländern mit dem UNHCR zusammen und übernehmen die Leitung einzelner Lager. Die Entscheidung über Öffnung oder Erweiterung eines Camps obliegt dem UN-Hilfswerk.

Was ist bei der Organisation und dem Aufbau zu beachten?

Sharon Blumenthal: Wenn man einen Platz für ein Flüchtlingslager sucht, ist Wasser die wichtigste Voraussetzung. Es muss eine Region sein, in der Wasser verfügbar ist – nicht in unüberwindbaren Tiefen, wo erst lange gebohrt werden muss, sondern mit einem relativ hohen Grundwasserstand. Dann darf das Camp nicht in der Nähe von Grenzen gelegen sein, gerade wenn Flüchtlinge aus einem anderen Land fliehen. Ein Mindestabstand zur Grenzregion von 50 Kilometer sollte aus Sicherheitsgründen gewährt bleiben. Es muss darauf geachtet werden, dass der Platz für das Lager mit dem Einverständnis der örtlichen Behörden und der Bevölkerung ausgesucht wird.

Welche Probleme können auftauchen?

Sharon Blumenthal: Mangel an natürlichen Ressourcen oder schlechte Transportwege sind problematisch. Es kann auch zu Konflikten mit der örtlichen Bevölkerung kommen. In den kargen Regionen des Ost-Tschads beispielsweise kommt es mit der Zivilbevölkerung immer wieder zu Konflikten um Wasser und Feuerholz. Daher versuchen wir, die lokale Bevölkerung in die Flüchtlingshilfe mit einzubeziehen, etwa indem wir Wasserstellen in den anliegenden Dörfern errichten und versuchen, sie in andere Maßnahmen wie Hygieneaufklärung und Saatgutverteilung mit einzubeziehen. Der Bevölkerung vor Ort geht es meist auch sehr schlecht.

Wann wird ein Camp aufgebaut?

Sharon Blumenthal: Meistens zu spät. Zumeist ist die Errichtung eine Reaktion auf die Flucht von Menschen. Vorausschauend planen funktioniert fast gar nicht, höchstens in Fällen, wo es seit längerem ein Flüchtlingslager gibt und man feststellt, dass die Kapazitäten nicht ausreichen. Das hatten wir zuletzt zum Beispiel im Süd-Tschad, wo gemeinsam mit dem UNHCR beschlossen wurde, ein neues Lager aufzumachen. Und dann kann man natürlich weitaus besser planen als wenn man nur auf Flüchtlingsströme reagiert.

Wie kommen die Menschen in das Lager? Woher wissen sie, dass es eins gibt?

Sharon Blumenthal: In Situationen wie im Dafur-Konflikt, wenn sudanesische Flüchtlinge in ihrem eigenen Land fliehen oder in das Nachbarland Tschad, hat es sich meist herumgesprochen. Wir arbeiten dort ja schon seit vier Jahren. Die Menschen in den Lagern versuchen, den Kontakt zu ihren Herkunftsregionen zu halten. Aber es ist schon so, dass die Leute blind drauf losgehen – eben fliehen und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen, und wir dann von der lokalen Bevölkerung erfahren, wo sie sich aufhalten. Die Menschen werden aufgesucht und durch den UNHCR registriert. CARE und andere Organisationen übernehmen die Flüchtlinge dann in den Camps, wo sie Schutz und Nahrung erhalten.

Was passiert, wenn Flüchtlinge ankommen? Was ist der erste Schritt?

Sharon Blumenthal: Nach der Registrierung und der Aufnahme wird der Familienstand befragt, wo sie herkommen und was ihnen passiert ist. Es wird geprüft, ob eventuell Familienangehörige im Lager sind. Außerdem werden Karten ausgegeben, die offiziell zum Aufenthalt im Lager und zum Erhalt von Hilfsgütern berechtigen. Wir haben dort ein Gesundheitszentrum und medizinische Versorgung. Im Idealfall wird den Flüchtlingen dann ein Platz zugewiesen, ein Zelt gestellt.

Wie kümmert man sich, beschäftigt man die Menschen vor Ort?

Sharon Blumenthal: Gerade für Männer, die es sonst gewohnt waren, mit dem Vieh draußen zu sein, ist es ein Problem, jetzt auf engem Raum mit ihrer Familie den ganzen Tag zusammen und untätig zu sein. Wir haben im Lager so genannte „Community-Posts“, das sind Anlaufstellen, wo man an Schulungen teilnehmen oder sich einfach austauschen kann. Unter anderem unterrichten wir Flüchtlinge im Gartenanbau oder in anderen handwerklichen Techniken, die ihnen bei der Rückkehr in ihre Region etwas nutzen. Es ist zum einen schon eine Beschäftigungsform, um Konflikte nicht so hoch kochen zu lassen, aber auf der anderen Seite auch, um ihnen etwas mitzugeben und ihre Zeit sinnvoll zu nutzen. Für die Kinder gibt es Schulen. Die Menschen sind schon mit alltäglichen Dingen beschäftigt, also Wasser holen, kochen, die Kinder versorgen. Wir versuchen dabei, sie unabhängig von unserer Hilfe zu machen, wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe. Je nachdem, wo man arbeitet, wenn es Sicherheitsprobleme gibt und wir kurzfristig keinen Zugang zum Lager haben, ist es wichtig, dass die Menschen auch auf sich alleine gestellt zurechtkommen.

Wie sieht es mit der Versorgung aus?

Sharon Blumenthal: Die Menschen erhalten eine Wochen- oder Monatsration an Lebensmitteln, die von Region zu Region unterschiedlich ist. Meist besteht sie aus Öl, Mehl, Getreide, Zucker, Reis, Bohnen. Die Zubereitung obliegt dann den Leuten selbst. Der Standard an Kalorien, den wir einzuhalten versuchen, liegt bei 2100 Kalorien pro Person am Tag. In fruchtbaren Regionen, etwa im Süden des Tschads, versuchen wir die Leute zu animieren, selber etwas anzubauen. Die Nahrungsmittelrationen, die zumeist vom Welternährungsprogramm (WFP) organisiert werden, können dann reduziert werden.

Für welchen Zeitraum sind Flüchtlingslager konzipiert?

Sharon Blumenthal: Idealerweise nur so lange die aktuelle Krise anhält. Aber das hängt von den jeweiligen Krisen ab. Im Tschad beispielsweise versorgt CARE 60.000 sudanesische Flüchtlinge in insgesamt drei Flüchtlingslagern. Sie liegen im Osten des Landes an der Grenzregion zum Sudan. Die Camps sind dort seit vier Jahren. Aber es gibt auch in anderen Ländern Flüchtlingslager, in denen Menschen geboren sind - die bis heute auch nichts anderes erlebt haben. Ein Flüchtlingslager ist ja eigentlich immer nur temporär geplant. Und das Ziel muss immer sein, die Menschen zurückzuführen. Deswegen ist es auch unser Ziel, keine attraktiven Strukturen zu schaffen, die andere Flüchtlinge anziehen, sondern wirklich nur die Mindestversorgung zu leisten und die Zeit zu überbrücken, bis sie wieder zurückkehren. Das Ideale ist, die Menschen zu betreuen, sie zu einer Rückkehr zu animieren und sie dabei zu begleiten, soweit es wieder möglich ist. Es ist nicht das Ziel, an der Stelle des Camps neue Strukturen zu schaffen, weil es ja meist für die Aufnahmeländer und die Region auch schwierig ist. Es gibt aber auch Fälle, wo an eine Rückkehr erst einmal gar nicht zu denken ist. Werden die Flüchtlinge in einem solchen Fall gut von der lokalen Bevölkerung im Aufnahmeland angenommen, weil es unter anderem keinen Kampf um Ressourcen gibt, helfen wir bei der Integration der Flüchtlinge in die Aufnahmegesellschaft.

Wie werden diese Camps finanziert?

Sharon Blumenthal: Ein großer Teil der Kosten für die Errichtung und Unterhaltung des Flüchtlingslagers wird vom UNHCR finanziert, dem UN-Organ mit dem völkerrechtlichen Mandat für die Betreuung und Versorgung von Flüchtlingen. Wenn wir vom UNHCR mit der Leitung eines Lagers betraut werden, steht dafür zwar ein Budget zur Verfügung – es reicht jedoch bei weitem nicht aus. Wir bemühen uns dann darum, weitere Mittel für unsere Arbeit mit den Flüchtlingen zu bekommen – durch Spenden und öffentliche Mittel des Auswärtigen Amtes, des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und der EU.

Wie sieht die Begleitung bei der Rückführung aus? Wollen die Menschen überhaupt in ihre eventuell zerstörten Regionen zurück?

Sharon Blumenthal: Die meisten Menschen möchten wieder in ihre Heimat, denn freiwillig haben sie ihre Dörfer ja nicht verlassen. Sie hängen an ihrem Herkunftsort. Das Problem ist zum Beispiel im Sudan, dass sie dort nur verbrannte Erde wieder finden. Dort sind ganze Dörfer niedergebrannt worden. Für die Menschen ist es dann ein kompletter Neuanfang und sie fragen sich ängstlich, was sie dort erwartet. CARE hilft ihnen dabei neue Grundstrukturen zu schaffen: wir helfen beim Aufbau von Häusern und der Gründung einer neuen Existenz, beispielsweise durch die Ausgabe von Werkzeugen und Saatgut. Die Grundvoraussetzung ist jedoch immer, dass es für die Menschen sicher genug ist, in ihre Heimat zurück zu kehren.

 
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