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5 Fragen an… Karl-Otto Zentel im Jemen

CARE-Generalsekretär Karl-Otto Zentel ist im Moment für CARE im Jemen und macht sich ein Bild von der Situation vor Ort.

Herr Zentel, wie dramatisch hat sich die Lage für die Menschen im Land verschlechtert?

Zwei Jahre nach Beginn des Krieges im Jemen ist die Situation der Menschen vor Ort katastrophal. Mehr als 10.000 Menschen sind bei Angriffen ums Leben gekommen, etwa 19 Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe. Viele haben berichtet, dass es keine Einkommensmöglichkeiten in den Städten mehr gibt. Der öffentliche Sektor ist zusammengebrochen, seit einem halben Jahr werden Gehälter nicht mehr ausgezahlt. Etwa ein Viertel aller Jemeniten war vor dem Krieg im öffentlichen Sektor tätig – das hat also enorme Auswirkungen für Familien: Ohne Job kein Geld, ohne Geld kein Essen. Gleichzeitig haben sich die Kampfhandlungen in Küstennähe intensiviert, weshalb auf diesem Wege kaum noch Nahrungsmittellieferungen durchgeführt werden können – insbesondere die Versorgungsrouten im Norden des Landes sind davon betroffen. Viele Familien wissen einfach nicht mehr, wie sie ihre Kinder ernähren können.

CARE hat bisher mehr als 1,3 Millionen Menschen helfen können – was sind die größten Schwierigkeiten für die Helfer?

Humanitäre Hilfe in einem Bürgerkriegsland, in dem weiterhin Bomben fallen und auch immer wieder zivile Infrastruktur gezielt angegriffen wird, ist sehr, sehr schwierig. Viele unserer Kollegen im Jemen berichten, dass den Teams auch immer wieder der Zugang zu Menschen in Not verwehrt wird. Der Krieg wird auf dem Rücken von unschuldigen Kindern und Müttern gekämpft. Gleichzeitig gibt es einfach nicht genug Gelder, um allen zu helfen. Das stellt die Teams vor eine schwierige Entscheidung: Wer braucht die Hilfe am dringendsten, wenn über 14 Millionen Menschen hungern? Auch von den betroffenen Menschen werden sie gefragt: Warum bekommen wir keine Hilfe? Ich habe großen Respekt vor der Durchhaltekraft meiner Kollegen hier, vor allem, weil die meisten von ihnen selbst betroffen sind. Viele mussten fliehen, ihre Häuser wurden bombardiert. Dennoch helfen sie, wo und wie sie nur können und machen sich Gedanken über die Zukunft: Wie kann man langfristig helfen? Wie geht es weiter, wenn der Krieg vorbei ist? Sie sehen hier vor allem auch die internationale Gemeinschaft in der Pflicht, längerfristige Hilfe zu leisten.

Längerfristige Hilfe – wie kann die inmitten eines Krieges überhaupt geleistet werden?

Das Ende des Krieges ist zwar noch nicht absehbar und Nahrungsmittelhilfe wird vermutlich noch lange benötigt werden. Aber die Kollegen sehen auch, dass Menschen hier vor allem ein Einkommen haben müssen, um zu überleben. Hier gibt es zum Beispiel sogenannte „Cash for Work“-Programme. Hierbei geht es um Projekte, die ganzen Dörfern zugutekommen. Gleichzeitig können die Menschen sich etwas Geld dazu verdienen. Ein Beispiel: Auf dem Weg in die Dörfer des Distrikts Wadha haben wir eine Straße genutzt, die durch „Cash for Work“ vergrößert und ausgebessert wurde. So ist das Dorf wieder besser an Märkte und Gesundheitseinrichtungen angebunden. 300 Dorfbewohner waren dabei im Einsatz, darunter auch Frauen. So konnten sie Geld für ihre Familien verdienen.

Wir sprechen beim Jemen über eine „vergessene“ Krise – sehen die Menschen im Jemen das auch so?

Ja, definitiv. Viele haben mich gefragt, warum Syrien so weit oben auf der Agenda steht, und sich niemand für den Jemen interessiert? Dass der eine Krisenherd Schlagzeilen macht und der andere nicht, das bekommen die Menschen hier mit. Sie wünschen sich, dass die internationale Gemeinschaft sich stärker einbringt und es mehr Aufmerksamkeit für ihr Leid gibt. Die Menschen wünschen sich hier eine umfassende politische Lösung, denn nur so glauben sie, kann ihr Leid beendet werden. Eines ist ihnen dabei ganz klar: der Bürgerkrieg im Jemen ist längst zu einem internationalen Konflikt geworden.

Welche Erfahrung wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Ich habe viele Menschen getroffen, die mich sehr bewegt haben. Einige Dorfbewohner zeigten mir ihre Nahrungsmittelkarten, die schon viermal markiert waren. Das heißt: über einen Zeitraum von sieben Monaten wurden in ihrem Dorf vier Verteilungen von Nahrungsmitteln und Geld durchgeführt. Die Dorfbewohner sind nun besorgt, weil es für diese CARE-Hilfe kein Geld mehr gibt. Es sind noch sechs Monate bis zur nächsten Ernte und es gibt in diesen Dörfern bereits Menschen, die hungern. Sie finden weder Arbeit, noch können sie irgendwohin, wo sie sich einen Lebensunterhalt verdienen können. Sie sind, wie 70 Prozent der Menschen im Jemen, auf humanitäre Hilfe angewiesen. Dabei stehen nur 6,6 Prozent der insgesamt knapp zwei Milliarden Euro benötigter Gelder zur Verfügung. Das macht uns große Sorgen.

 

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