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Cholera im Jemen: 5 Fragen an ... Karl-Otto Zentel

Mehr als 700 Menschen im Jemen sind aufgrund der Cholera bereits gestorben, über hunderttausend erkrankt. CARE-Generalsekretär Zentel war vor einigen Wochen vor Ort.

1. Herr Zentel, wie ist die aktuelle Situation im Jemen?

Im Jemen herrscht seit über zwei Jahren Krieg und die Situation der Menschen ist katastrophal. Seit meinem Besuch im April hat sich die Situation nochmals stark verschlechtert. Mehr als neun Millionen Menschen haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Krankenhäuser sind zerstört, Medikamente sind rar und teuer. Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser und Sanitäranlagen. Ein Nährboden für die Cholera. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Krankheit erneut ausbrechen würde. Das Ministerium für Gesundheit und Bevölkerung meldete zuletzt einen Anstieg auf mittlerweile 100.000  Erkrankte. Für die Hauptstadt Sanaa wurde bereits der Notstand ausgerufen. Jetzt hat auch noch die Regenzeit begonnen.

2. Warum ist gerade Sanaa so stark getroffen?

Als Hauptstadt des Landes ist Sanaa besonders dicht bevölkert, was die Gefahr einer noch schnelleren Verbreitung der Krankheit erhöht. Die wenigen Krankenhäuser und medizinischen Einrichtungen, die noch intakt sind, sind überlaufen mit Patienten. Da es nicht genug Betten gibt, müssen sich manche Erkrankte in den Fluren und außerhalb der Gebäude aufhalten. Die Regenzeit erhöht eine Verbreitung der Krankheit weiterhin, da dadurch weitere Wasserquellen verschmutzt werden können.

Die Menschen benötigen dringend Zugang zu sauberem Wasser und Sanitäranlagen, sonst haben sie keine Chance. Es müssen außerdem alle verfügbaren Ressourcen aktiviert werden, um eine weitere Ausbreitung der Cholera zu verhindern. Das heißt, mehr funktionierende Behandlungszentren, die mit Medikamenten und technischen Geräten ausgestattet sind, werden benötigt. Auch müssen diese für die Betroffenen leichter und schneller zugänglich sein. Es kann nicht sein, dass Menschen den halben Tag unterwegs sind, nur um dann auf überfüllten Krankenhausfluren auf ihre Behandlung zu warten.

3. Warum ist der Cholera-Ausbruch gerade jetzt so schwerwiegend?

Cholera ist im Jemen schon häufiger ausgebrochen. CARE versucht durch die Bereitstellung von sauberem Wasser in öffentlichen Einrichtungen und durch die Verteilung von Hygiene-Paketen weitere Ansteckungen zu verhindern. Dadurch ist die Anzahl der landesweiten Cholerafälle zum Ende des Jahres 2016 sogar zurückgegangen.

Der jetzige Ausbruch ist vor allem wegen des anhaltenden Konflikts und weitreichend zerstörter Infrastruktur so verheerend. Institutionen, die das Land eigentlich mit medizinischer Grundversorgung, Wasser und sanitären Anlagen versorgen, stehen kurz vor dem Kollaps stehen.  Nur noch weniger als die Hälfte aller Krankenstationen sind zumindest zum Teil noch intakt. Benötigte Medikamente sind oft nicht verfügbar. Hinzu kommt, dass die Müllentsorgung in vielen Städten nicht mehr richtig funktioniert und der seit Monate liegengebliebene Abfall die Verbreitung der Krankheit zusätzlich fördert.

4. Warum gibt es unterschiedliche Zahlen, wie viele Menschen erkrankt sind?

Zunächst einmal  werden nicht alle Fälle behandelt und verzeichnet. Das passiert besonders in ländlichen Gegenden, wo viele Betroffene gar keine medizinische Versorgung bekommen. Auch ist es für die Hilfsorganisationen aufgrund der Kampfhandlungen nicht möglich, einen vollständigen Überblick zu bekommen, da manche Menschen und Gebiete sehr schwierig zu erreichen sind. Wir wissen also nicht, wie viele Cholera-Erkrankten es zum Beispiel in der Region Hajjah gibt.

5. Wie lassen sich der derzeitige Ausbruch, aber auch zukünftige Epidemien eindämmen oder am besten verhindern?

Der Cholera-Ausbruch hätte das Land zu keinem schlechteren Zeitpunkt treffen können. Millionen Menschen im Jemen wissen bereits jetzt nicht, wie sie die nächsten Wochen überleben können. Die internationale Gemeinschaft muss handeln, denn die jetzigen humanitären Maßnahmen reichen nicht aus. Konkret bedeutet das die Bereitstellung von sauberen Wasser, Hygieneschulungen und die Verteilung von Hygiene und Cholerapaketen.  Außerdem muss ein barrierefreier Zugang zu allen betroffenen Gebieten gewährleistet werden. Wenn nicht dringend mehr getan wird, werden weitere Menschen an Cholera erkranken und sterben.

Karl-Otto Zentel im Interview mit Bayern 2 zur Lage im Jemen.

Lesen Sie auf dem CARE-Blog mehr zur Karl-Otto Zentels Reise in den Jemen!

 

 

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