Portrait von CARE-Helferin Shanti Chirayath im Irak.

Welttag der humanitären Hilfe: „Ich kämpfe für eine gerechtere Welt“

Interview mit CARE-Helferin Shanti im Irak.

Ein schwaches Gesundheitssystem, mangelhafte Sanitäreinrichtungen und geschlechtsspezifische Gewalt sind nur einige der aktuellen Herausforderungen im Irak. Zum Welttag der humanitären Hilfe berichtet Shanti Chirayath, CARE-Mitarbeiterin im Irak, darüber, ob ihr Corona Angst macht, warum Frauen und Geflüchtete besonders betroffen sind und wie wir alle helfen können.
 

Die militärische Offensive zur Rückeroberung von Konfliktgebieten im Irak endete vor über drei Jahren. Trotzdem gibt es immer wieder Unruhen im Irak. Gleichzeitig zählt der Irak aktuell rund 150.000 COVID-19-Infektionen. Hast Du manchmal Angst um Dein Leben?

Nicht wirklich. In einigen Gebieten ist das Risiko zwar höher und Angriffe oder Demonstrationen kommen häufiger vor, aber wir haben ein Sicherheitsteam, das die aktuelle Lage prüft und uns mitteilt, wie wir uns verhalten sollen. Alle Mitarbeiter, die regelmäßig Projekte besuchen, haben außerdem ein Sicherheitstraining absolviert. Dabei wurden gefährliche Situationen simuliert und psychische Belastungsgrenzen getestet. Auf das, was ich dort gelernt habe, kann ich immer wieder zurückgreifen.

COVID-19 ist aber tatsächlich ein Risiko, das hinzukommt. Wir halten uns sehr streng an alle Vorsichtsmaßnahmen, tragen Mund-und-Nasenschutz, Handschuhe, nutzen Desinfektionsmittel und halten Abstand. Unsere oberste Priorität ist es, sowohl die Menschen, denen wir helfen, als auch uns selbst zu schützen. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass lebenswichtige Hilfe weiterhin geleistet werden kann. Die drei größten Herausforderungen für uns als humanitäre Helfer sind die Zugangsschwierigkeiten zu Menschen in Not aufgrund der COVID-Ausgangssperren und -Einschränkungen, die Tatsache, dass wir noch kein Ende dieser Pandemie voraussehen können und dass die Infektionszahlen weltweit wieder steigen, auch im Irak.  Die Pandemie hat die Situation für viele Menschen weltweit verschlechtert. Jetzt ist es besonders wichtig, dass wir diejenigen weiterhin unterstützen, die bereits vor der Krise in einer Notlage waren.

 

Gibt es Menschen, die unter COVID-19 und den damit zusammenhängenden Einschränkungen stärker leiden als andere, und wie werden diese Personen von CARE unterstützt?

Frauen und Mädchen leiden besonders unter der aktuellen Situation. Seit dem Ausbruch des Coronavirus haben die Zahlen von häuslicher und geschlechtsspezifischer Gewalt im Irak deutlich zugenommen.  89 Prozent der Gefragten in drei verschiedenen Camps im Irak bestätigten einen Anstieg der geschlechtsspezifischen Gewaltvorfällen seit Beginn der Pandemie. Viele der Zufluchtsorte für Frauen und Mädchen haben wegen der Ausgangssperren seit Monaten geschlossen. Deshalb CARE arbeitet gerade auf Hochtouren an einem neuen Projekt, das Betroffene von geschlechtsspezifischer Gewalt die Möglichkeit geben soll, sich telefonisch über Beratungsdienste zu informieren und mit ihnen Kontakt aufzunehmen.

Auch Geflüchtete sind besonders gefährdet, aufgrund der mangelhaften Wasser- und Gesundheitsversorgung in den Camps. CARE unterstützt geflüchtete Familien in Camps mit Hygieneprodukten, sauberem Wasser und der Instandhaltung von sanitären Anlagen. Wir bilden auch Gesundheitspersonal in den Camps aus, damit COVID-19-Verdachtsfälle schnell identifiziert und behandelt werden können.  

Über WhatsApp- und SMS-Nachrichten erreichen wir sehr viele Menschen mit unserem Aufklärungsprojekt zu COVID-19. Digital teilen wir Informationen zu den üblichen Symptome und den wichtigen Präventionsmaßnahmen mit.

 

Wolltest Du schon immer humanitäre Helferin werden und wenn ja, wieso?

Meine Eltern kommen aus Indien. Schon als Kind bin ich regelmäßig dorthin geflogen. In Indien gibt es leider sehr viele Menschen, die in extremer Armut leben. Der große Unterschied zwischen dem Lebensstandard der Menschen in Indien und Deutschland hat früh Eindruck bei mir hinterlassen. Seitdem habe ich mir vorgenommen, dafür zu kämpfen, dass die Welt gerechter wird. Gleichzeitig verreise ich gerne. Mich interessieren andere Länder, Kulturen und Religionen.

 

Deine Position bei CARE im Irak lautet „Livelihood-Managerin“. Was machst Du dort genau?

Ich unterstütze Menschen ganz konkret dabei, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Während der Pandemie haben viele Familien ihre Einkommensquelle verloren. Wir verteilen Saatgut an Landwirte oder stellen ihnen Gewächshäuser zur Verfügung, damit sie ihre landwirtschaftlichen Aktivitäten für den Eigenkonsum und den Verkauf auf dem Markt wieder aufnehmen können. Wir bieten auch regelmäßig Ausbildungskurse für Frauen oder Jugendliche an. Ende 2019 traf ich eine Witwe mit drei kleinen Kindern, die nach dem Abschluss einer Ausbildung als Näherin, ihr eignes Kleinunternehmen eröffnete. Seitdem näht sie traditionelle irakische Kleider für Frauen in der Nachbarschaft, entwirft Schuluniformen für die örtliche Schule und Arbeitskleidung für das Gesundheitspersonal im Krankenhaus. Sie kann ihre Kinder dadurch jetzt alleine ernähren und sie zur Schule schicken. Es ist schön, zu sehen, was für einen Unterschied Hilfe machen kann.

 

 

Wie kann man humanitäre Helferinnen und Helfer in der aktuellen Situation sinnvoll unterstützen?

Die Anzahl von Spenden, die wir einnehmen, ist die Grundlage für unsere Arbeit. Allein um COVID-19 im Irak erfolgreich einzudämmen, fehlen aktuell 87 Prozent der erforderlichen 263,3 Millionen US Dollar an Hilfsgeldern. Ohne diese Spenden ist es sehr schwer, Menschen vor Ort bei dem Kampf gegen Corona zu unterstützen. Außerdem finde ich es sehr wichtig, dass wir uns alle informieren, ob über Webseiten wie die von CARE oder über Facebook – nur weil bestimmte Krisen nicht in den Medien erscheinen, heißt das nicht, dass sie beendet sind.

 

Interview von Jemima Newsome, Bundesfreiwillige im Berliner Büro

 

Hintergrund - Welttag der humanitären Hilfe: Am 19. August 2003 kamen bei einem Anschlag im Irak 22 humanitäre Helferinnen und Helfer ums Leben. Die UN-Vollversammlung rief daraufhin den 19. August zum Welttag der humanitären Hilfe aus, um dem Leben und der Arbeit verstorbener Helferinnen und Helfer zu gedenken. Gleichzeitig wird an diesem Tag der weltweite Einsatz von humanitären Helferinnen und Helfern weltweit gewürdigt.

 

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