Ein Mann mit einem kleinen Kind auf dem Arm.

Serbien: Ahmads lange Flucht

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Ahmad aus Syrien

Der Syrer Ahmad ist mit seiner Familie auf der Flucht. In Serbien berichtet er über seine lange und anstrengende Reise.

„Mein Name ist Ahmad, ich bin Kurde und komme aus Aleppo in Syrien. Zusammen mit meiner Frau, unserer nur vier Wochen alten Tochter Naya und einer befreundeten Familie habe ich mein Heimatland verlassen. Wir sind über die libanesische Grenze geflohen und dann über die Türkei nach Griechenland, Mazedonien und Serbien gereist. Jetzt sind wir an der Grenze zu Ungarn und wollen sie überqueren. Wir haben letzte Nacht schon versucht, über die Grenze zu kommen, weil jemand gesagt hatte, dass diese wieder geöffnet worden sei. Doch das stimmte nicht – die Grenze war immer noch geschlossen. Es entstand ein riesiges Gedränge und wir wurden mit Tränengas und Wasserwerfern attackiert. Naya kann deshalb heute immer noch nicht richtig atmen. Hier, geben Sie mir Ihre Hand und fühlen Sie mal ihre Brust. Man merkt deutlich, welche Schwierigkeiten ihre kleine Lunge beim Arbeiten hat. Ich weiß nicht, was ich tun soll.

Vor dem Krieg habe ich in einem Industriebetrieb gearbeitet. Es war ein guter Job, aber als der Krieg ausgebrochen ist, wurde die Fabrik von bewaffneten Truppen übernommen. Seit zwei Jahren konnte ich jetzt nicht mehr arbeiten. Sauberes Wasser und Strom haben wir seitdem auch nicht mehr. Manchmal durften Helfer zur Unterstützung in unser Gebiet kommen, manchmal nicht. Es gab Tage, an denen kein einziger kam.

Die Schleuser hatten uns gesagt, dass das Boot innerhalb von drei Stunden kommen würde. Wir haben also beschlossen, im Wald zu warten. Dort haben wir dann ganze drei Tage gewartet und mussten im Freien schlafen. Nur wenige Schleuser haben uns gut behandelt, die meisten sind mit uns umgegangen, als wären wir Tiere. Sie halten sich an keinerlei Regeln oder Gesetze; sie machen einfach, was sie wollen. Manche meiner Freunde wurden hart an den Beinen getreten. Sie konnten sich nicht verteidigen, denn die Schleuser hatten Waffen. Wir hatten nichts.

Auf der Bootsfahrt haben wir überall  um uns herum Leichen im Meer gesehen. Jedes Mal, wenn ich den leblosen Körper eines Kindes gesehen habe, habe ich Nayla ein bisschen fester an mich gedrückt und den Gedanken, dass ihr etwas passieren könnte, einfach ausgeblendet. Wir haben neun Stunden mit 60 Menschen in dem acht Meter langen Schlauchboot gesessen. Wir kamen nur extrem langsam voran, weil das Boot sonst gekentert wäre. Für die Bootsfahrt mussten wir 1.000 Euro pro Person zahlen. Das war alles, was wir gespart hatten. Manche Flüchtlinge hatten genug Geld, um Busse und Taxis für den Weg übers Land zu bezahlen, aber wir mussten laufen. Wir sind jetzt seit zehn Tagen gelaufen.

Wir sind unglaublich erschöpft und es ist schwer, in dieser Hitze einen klaren Gedanken zu fassen. Das einzige woran wir denken ist, über die Grenze und so nach Ungarn zu kommen. Das hier ist wirklich ein Todesmarsch. Manche meiner Freunde waren in einem Boot, das gekentert ist. Niemand hat ihnen geholfen. Viele Kinder hatten Probleme, weil sie Wasser geschluckt haben, aber Gott sei Dank ist niemand gestorben.

Letzte Nacht, bei dem riesigen Gedränge an der Grenze, habe ich einen Vater mit seinem Baby gesehen. Es war nicht viel älter als Naya, vielleicht sechs Monate. Er hielt es fest an sich. Doch in dem Chaos und der Verzweiflung verlor er seinen kleinen Sohn und er wurde von der Menge niedergetrampelt. Er konnte ihn nicht retten. Sie sehen, das ist ein Todesmarsch.

Wohin werden wir jetzt gehen? Wir werden an der Grenze bleiben, bis sie geöffnet wird. Wir können nicht zurück, denn wir haben nichts mehr in Syrien. Wir hatten nie vor, zu gehen. Wir sind geblieben, bis wir keine andere Möglichkeit mehr gesehen haben, bis wir es nicht mehr länger aushalten konnten.

Aber wie soll ich Naya aufziehen, ohne Wasser, Schule oder jegliche Hoffnung für die Zukunft? Wenn wir zurückgehen, riskieren wir außerdem, getötet zu werden. Wir haben gehört, dass jeder, der geflohen ist, nicht mehr willkommen ist. Wir müssen es vergessen, zurück nach Syrien zu gehen, diese Möglichkeit haben wir erst mal nicht. Ich möchte Naya ein gutes Leben bieten; ein Leben, in dem sie Ärztin oder Ingenieurin werden kann.“

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