2012: Ein Jahr in Blogs

Vom Niger bis Jordanien, von Serbien nach Indonesien: CARE-Mitarbeiter berichten von Reisen, Menschen und Begegnungen.

Januar: „Zwei Fragen, dann stummes Flehen“

von Haoua Lankoandé aus Niger

Nahrungsmittelknappheit erkennt man daran, dass vermehrt junge Männer und Frauen aus den Dörfern in die großen Städte kommen. Sie gehen von Tür zu Tür auf der Suche nach Arbeit. Wenn man sie fragt, was sie tun können, kommt die Antwort: „Alles, wir machen alles.“ Wenn sie dann ein zweites Mal kommen, fragen sie nach Lebensmitteln: “Klopf, klopf, haben Sie etwas zu essen? Ich habe die letzten drei Tage nichts gegessen.“ Das dritte Mal kommen keine Fragen mehr. Eines Morgens wachst du auf und findest eine schlafende Familie auf der Schwelle zu deiner Haustür. Sie sprechen nicht mit dir, sondern blicken dich stumm an, voller Hoffnung, dass du ihnen etwas zum Essen gibst.

Februar: „Erholung braucht Zeit, Wissen ist da“

von Mandefro Mekete aus Äthiopien

Wir wissen, wie Menschen ihre Widerstandsfähigkeit gegen die Dürre verbessern können und damit die künftige Krisen vermeiden können. Wir haben Ideen im Überfluss, aber die tatsächliche Unterstützung, um sich von der „Magersaison“ erholen zu können, wird entscheidend sein. Auf diese Weise können Familien, unabhängig und belastbar werden. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, dass dies Wirklichkeit wird.

März: „Hunger im Sahel. Und jetzt auch noch Flüchtlinge“

von Johannes Schoors aus Niger

Die meisten Familien im Niger, vor allem in der Grenzregion zu Mali, brauchen gerade ihre letzten Reserven auf. Sie reduzieren die Zahl der täglichen Mahlzeiten. Kinder leiden Hunger. Der Flüchtlingsstrom ist eine zusätzliche Belastung, denn auch diese Menschen brauchen Nahrung und Unterkunft, Wasser und Medizin. Die Menschen im Niger sind unglaublich – sie haben beinahe nichts, aber trotzdem helfen sie den Flüchtlingen. Sie teilen das bisschen Essen, das sie haben. So ist die Kultur hier. Alle helfen, wie sie nur können. Ein Nigrer teilt einen Kochtopf mit einer Flüchtlingsfamilie, diese benutzt ihn dann. Und gibt ihn danach an eine andere Familie weiter.

April: „Komm in mein Dorf“

von Sabine Wilke aus Indien

Suniti hat eine Tüte mitgebracht und leert sie auf dem Boden vor den Männern aus, einige von ihnen sind junge, andere werdende Väter. Auf dem Boden liegen nun die unterschiedlichsten Dinge: Kekse, Rasierklingen, sterile Tücher, Spielzeugautos und vieles mehr. „Welche drei Gegenstände braucht ihr am dringendsten direkt nach der Geburt?“ Die Auswahl bringt viel Diskussion: Kekse wird weder das Kind noch die Mutter essen können, eine Rasierklinge hilft aber bei der Trennung der Nabelschnur. Ein Mann hat das Spielzeugauto und die Kekse gewählt und erklärt grinsend: „Mit dem Auto bringe ich meine Frau ins Krankenhaus, die Kekse esse ich dann, während ich warte.“ Alle Anwesenden lachen. Aufklärung kann eben auch mal mit Humor gewürzt sein.

Mai: „Die Welt ist ein Buch und Sambia ein ganzes Kapitel“

von Valeska Homburg aus Sambia

Moderatorin Valeska Homburg in Sambia (Foto: CARE/Knoll)Weil der Staat kaum Unterstützung liefert, haben die Gemeinden aus ganz eigener Kraft kleine Schulen aufgebaut – auch wenn diese bislang zum Teil nur aus einem einzigen Klassenraum bestehen. Inzwischen gibt es 3.500 Gemeindeschulen in Sambia – 8.000 Schulen sind es insgesamt. Nur, weil die Eltern die Sache in die Hand genommen haben, weil sie aus ihren eigenen Reihen ehrenamtliche Lehrer gestellt haben, die engagiert sind und regelmäßige Fortbildungen geradezu einfordern, hat eine ganze Generation in Sambia inzwischen eine Perspektive. Und sie kann dank einer guten Schulbildung die eigene Zukunft selbst in die Hand nehmen und gestalten.

Juni: „Gedanken über das ungeliebte Kind der Karibik“

von Judith Hoersch aus Haiti
Schauspielerin Judith Hoersch in Haiti (Foto: CARE/Evelyn Hockstein)
Haiti hat ständig mit Naturkatastrophen zu kämpfen: Wirbelstürme, Erdbeben, Monsunregen. Haiti hat keinerlei intakte Strukturen. Haiti hat eine hohe HIV-Infiziertenrate. Es gibt eine Oberschicht von maximal 5% und ansonsten arme Menschen bis sehr, sehr arme Menschen.  Haiti hat eine schlechtes bis gar kein Gesundheits- und Bildungssystem. Haiti hat kaum Tourismus, obgleich die Strände eben so schön sind, wie in der Dominikanischen Republik. Und DAS ist Haiti auch: Haiti ist sehr farbenfroh, reich von Kultur und Musik. Hat wunderbare Menschen, die sehr offen sind. Hat – hinter all dem Schutt – eine herrliche Natur und eine unglaubliche Landschaft. Und Haiti ist widerstandsfähig und sehr zäh. Ich kann gar nicht genau begründen, warum ich so gerne wieder herkommen möchte. Ich kann nur feststellen, dass es so ist. Ich werde Haiti wieder bereisen.

Juli: „Die ausradierten Kinder“

von Nikolas Klauser aus Serbien

Angela leitet die Lobby-Gruppe von CARE. Sie erzählte uns, dass es keine Statistiken darüber gibt, wie viele Roma die Schule abbrechen. „Schulkinder ohne Roma-Hintergrund werden mit Kugelschreiber in die Schullisten eingetragen, Roma-Kinder mit Bleistift. So können sie einfach wieder ausradiert werden, wenn sie nicht mehr zum Unterricht erscheinen“, erzählt sie uns. „Lehrer müssten so keine Verantwortung für sie übernehmen. Sie müssen sich nicht darum kümmern.“ Das Ziel der „Lobby-Gruppe“ ist es, auf solche Missstände hinzuweisen. Ich bewundere den Mut von Angela, die unaufhörlich für die Rechte von Roma und die Rechte ihrer Kinder eintritt. Sie ist die erste, die mit rechtlichen Schritten gegen Diskriminierung vorgeht. Ihre beiden Söhne wurden immer wieder auf dem Schulhof zusammengeschlagen – die Lehrer und die Schulleitung haben nichts dagegen getan. Ihre Kinder gehen jetzt auf eine andere, tolerantere Schule. Aber gegen solches Unrecht will sie sich wehren und hat die Schule angeklagt. „Ich weiß nicht, was passieren wird. Hier sieht es keiner gerne, wenn man gegen die Staatsbediensteten vorgeht. Aber ich kann nicht tolerieren, dass meine Kinder nicht behandelt werden wie alle anderen Kinder.“

August: Die Heimat ist nur noch eine Erinnerung

von Marie-Eve Bertrand aus Mali

Sie haben ihr Dorf geplündert. Sie töteten Menschen, zuerst die in Uniform: Soldaten, Staatsbeamte, Gefängnisaufseher. Um Angst zu säen, befreiten sie Gefangene. „Mein Mann hörte die Gewehrschüsse. Er verstand. Er sagte mir, ich solle mit den Kindern fliehen. Er selbst stieß ein paar Tage später zu uns. Ich hatte so große Angst. Wir flohen aus unserem Dorf, das in der roten Zone liegt, wo bewaffnete Gruppen schon soviel verwüsteten. Wir flohen zu dem Haus meiner Mutter, in Djenné, in Zentral-Mali. Einige meiner Geschwister wohnen noch zu Hause, meine Mutter verkauft Pfannkuchen, um über die Runden zu kommen. Wir leben nun mit zehn Familienmitgliedern in ihrem Haus. Ohne die Hilfe von CARE hätten wir es nie geschafft. Wir haben alles verloren, als wir unser Haus verließen. Aber ich habe wenigstens noch meine Familie, sie sind alle am Leben. Es ist sehr schwierig. Ich heiße Sarata.”

September – Mindestens zwei Welten in einem einzigen Land

von Thomas Schwarz aus Jordanien

Kinder im Flüchtlingslager Zaatari (Foto: CARE/Schwarz)Beim Besuch einer Flüchtlingsfamilie fragte mich eines der Kinder, ob ich Stifte und ein paar Hefte hätte. Sie wollten gerne schreiben, so wie sie es in der Schule gelernt hätten. In Zaatari wird gerade der Versuch unternommen, für die Kinder und Jugendlichen Unterricht zu organisieren. Das ist in wenigen Wochen schwer zu machen, aber es muss irgendwie gehen. Denn Schule bedeutet hier nicht nur Gelegenheit zum Lernen, sondern auch Traumabewältigung. Ohne es zu bemerken, werden die Kinder mit Dingen ihres Alltags befasst und haben so die Möglichkeit, ihre teils grauenhaften Erlebnisse vor oder während der Flucht zu vergessen – wenigstens für eine gewisse Zeit. „Normalität“ kehrt wieder ein, so etwas wie „Alltag“.

Oktober: Seegras ist ein Alleskönner

von Katrin von der Dellen aus Indonesien

Heute ist ein ganz besonderer Tag für mich, denn ich gebe gemeinsam mit dem Leiter der indonesischen Planungsbehörde BAPPEDA des Distrikts Bone den offiziellen Startschuss für Pilotprojekte, in denen innerhalb eines Jahres neue klimaresistente Anbaumethoden von Seegras getestet werden. Diese Idee entwickelten die Gemeinden, in Zusammenarbeit mit der lokalen Regierung und CARE, basierend auf einer großen Datenerhebung, die CARE  in den letzten beiden Jahren in Südsulawesi durchgeführt hat. Nachgefragt wird Seegras vor allem von der  Kosmetik- und Lebensmittelindustrie. Aus dem extrahierten Seegras wird Stärke gewonnen, die in vielen Süßspeisen verwendet wird. Eine weitere Form der Verarbeitung ist die Herstellung von Seegrascrackern. Hierzu bietet CARE, in Zusammenarbeit mit der lokalen Regierung, Trainings in Nord Luwu an. Im November werden die Seegrasbauern von Babang mit der ersten Aussaat beginnen. Auf die Resultate bin ich schon sehr gespannt.

November: „Mein kleiner Sohn Hazem“

von Yazdan El Amawi aus Gaza

Bei jeder Explosion in den letzten drei Tagen mussten wir unseren jüngsten Sohn Hazem beruhigen. Hazem ist neun Jahre alt. Er hält sich bei jedem Knall die Ohren zu. Oder wenn das Haus nach einem Luftangriff vibriert. Hazem hat mir erzählt, dass er sich besser fühlt, wenn er sich die Ohren zuhält. Sicherer. Aber er hat dann immer noch Angst und steht unter Schock. Jetzt sagen wir Hazam jedes Mal Bescheid, wenn wir einen neuen Angriff vermuten. Dann kann er sich wieder die Ohren zuhalten. Hazem sitzt neben mir während ich diese Zeilen schreibe. Er hat seine Hände an den Wangen, damit er sich bei einem neuen Luftangriff schnell die Ohren zuhalten kann. Er fragt mich, wann es endlich vorbei ist. Bevor ich antworten kann hören wir eine weitere Explosion ganz in der Nähe. Ich halte Hazem fest, als er sich die Finger in die Ohren steckt. Er ist auf meinem Schoß eingeschlafen, bevor ich ihn ins Bett bringen konnte. Ich hoffe, dass ich seine Frage morgen beantworten kann!

Dezember: Am Ufer des Sees

von Sabine Wilke aus Kongo
Der Kivu-See im Ostkongo (Foto: CARE/Wilke)
Das Foto könnte aus der Schweiz stammen, oder von einem Bergsee in Bayern. Tatsächlich habe ich es in Goma geschossen, der Provinzhauptstadt von Nord-Kivu, ganz im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Dort, wo bewaffnete Konflikte und chronische Armut der Bevölkerung seit Jahrzehnten unvorstellbares Leid zufügen. Es ist schwierig, die Situation zu beschreiben, ohne Klischees zu bemühen. Denn ist es nicht ein furchtbares Klischee zu sagen, dass die Menschen in Goma trotz allem ihr freundliches Lächeln nicht verloren haben? Dass sie warmherzig und gastfreundlich sind, zäh und krisenerprobt, wütend über die Ereignisse und fest entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen? Aber vielleicht muss man das einfach mal wieder schreiben. Denn der Kongo ist kein schwarzes Loch. Er schillert in unendlich vielen Farbnuancen, wie der Kivu-See im Sonnenlicht.