Ägypten: Intisar und der Sieg der Frauen

Reem bietet Gesundheitsschulungen für Frauen in Oboor, Ägypten, an. Während der Treffen redet sie mit den Frauen über Belästigung, Demütigung, sexualisierte Gewalt und über die Wichtigkeit, eine starke Frau zu sein.

Ungefähr 40 Frauen sind im Konferenzraum einer regionalen Organisation in Oboor versammelt, etwa eine Stunde entfernt von Kairo. Sie sitzen auf Stühlen; manche stehen dahinter. Sie kennen sich nicht, sind jetzt aber zusammen gekommen, um an einer von CAREs Gesundheitsschulungen teilzunehmen. Reem, Gynäkologin und Schulungsleiterin, stellt sich vor. Sie kommt ursprünglich aus Palästina, hat für ein paar Jahre in Jordanien und in Syrien gelebt. Nachdem sich jede Frau vorgestellt hat, erklärt Reem ihnen, was sie erwartet: „Ich möchte mit euch über Gesundheitsprobleme sprechen. Über Schwangerschaft, Familienplanung, Kinderkriegen, eure Menstruation und worüber auch immer ihr noch reden möchtet. Hier ist kein Mann anwesend und ich möchte, dass wir alle miteinander offen sein können."

Innerhalb von Minuten schafft es Reem, dass sich die Frauen wohlfühlen. „Ich möchte mit euch auch über das Thema Belästigung sprechen. Hat irgendeine von euch jemals eine Form von Belästigung auf den Straßen in Ägypten erlebt?" Die Frauen schauen sie an, niemand antwortet. Sie fährt fort: „Hat euch irgendjemand hinterher gepfiffen, euch auf den Hintern geschlagen oder euch auf eine andere Art unwohl fühlen lassen?" Jetzt heben die meisten der Frauen ihre Hände. Eine von ihnen ruft: „Er hat mir Geld hingehalten, ich dachte mir: Denkt er, ich wäre eine Prostituierte?" Sie teilen ihre Geschichten von Demütigung; Vorfälle, in denen sie sich unsicher und hilflos fühlten. „Das hier ist nicht unser Land; wir sind Gäste. Ich will nicht einfach irgendetwas machen, das jemanden aufregt. Wo sonst können wir hin, wenn wir hier nicht bleiben können?", sagt eine Frau. 

Zustimmung und Skepsis

„Das hört sich vielleicht komisch an", antwortet Reem: „aber ich rate dazu, euch so zu verhalten, wie ägyptische Frauen. Habt Ihr gesehen, was sie tun? Sie schlagen sie mit ihren Schuhen. Das wirkt Wunder! Und ihr müsst die Polizei kommen lassen und eine Anzeige aufgeben. Ihr seid das Beste, was diese Welt zu bieten hat. Niemand sollte euch etwas anderes fühlen lassen." Sie sagt den Frauen, dass es nicht ihre Schuld ist, egal was passiert: Sie sagt ihnen, dass sie sich nicht vor ihren Ehemännern fürchten sollen und, dass es Organisationen wie CARE gibt, die Hilfe anbieten. Die Frauen lächeln; aber einige sind skeptisch: „Manchmal ist es allein die Schuld der Frau", sagt eine. „Sie tragen Make-Up oder kleiden sich unangemessen." Eine andere Frau steht auf: „Das stimmt nicht. Es ist nicht unsere Schuld. Ich habe gehört, dass Afghanistan der schlimmste Ort für Frauen sei. Und dort verschleiern sich alle Frauen. Ich bin Englischlehrerin und mein komplettes Arbeitsleben habe ich syrischen Mädchen erzählt, wie wichtig sie für unser Land sind. Sie wachsen in einer Gesellschaft auf, in der Eltern glücklicher sind, wenn sie einen Jungen kriegen. Aber das müssen wir ändern. Die Hälfte der Frauen in Syrien hat früher gearbeitet und studiert. Wir können unser Ziel, Frauen zu stärken, nicht aus den Augen verlieren." 

Reem erklärt, dass die Tatsache, dass Eltern oftmals Jungen bevorzugen, der Beginn eines langen gewaltvollen Lebens ist, das viele Frauen ertragen müssen. „Wenn ein Junge laut ist, gilt er als gesund. Wenn ein Mädchen sich Gehör verschafft, heißt es, das sei unangebracht." Sie fährt fort und erzählt ihnen davon, was in Krisenzeiten passiert: „Wann immer es zu Chaos kommt, wie es gerade in Syrien der Fall ist, sind Frauen die ersten Opfer. Aber das solltet ihr nicht akzeptieren." Sie erzählt ihnen von den verschiedenen Belästigungsformen und von starken Frauen, wie Valentina, der russischen Frau, die zum Mond geflogen ist. „Schwache Männer haben Angst vor starken Frauen", sagt sie. „Aber wer will einen schwachen Mann?"

Intisars Geschichte

Eine Frau steht auf, sie möchte ihre Geschichte erzählen. Sie möchte „Intisar" genannt werden, was auf Arabisch „Sieg" bedeutet. „Ich glaube, die Welt muss die Kraft der syrischen Flüchtlingsfrauen, wie ich es bin, kennen lernen. Sie müssen unsere Siege und unsere Kämpfe kennen. Wir sind hartnäckig und tun alles, was wir können, damit unsere Familien in Sicherheit sind." Intisar floh alleine mit ihren vier Töchtern und einem Sohn. Ihre Kinder hatten große Angst vor den Raketen, sodass sie sich dazu entschied wegzugehen. Sie wollte sie nicht krank und verängstigt aufwachsen lassen. Ihr Ehemann blieb in Syrien, um auf das Haus und ihren ältesten Sohn aufzupassen, der in Damaskus Ingenieurwissenschaften studierte. Als sie und ihre Kinder in Ägypten ankamen, wurde ihr Ehemann verhaftet und gefoltert, die Universität ihres Sohnes wurde von einer Rakete getroffen und ihr Haus zerstört. Nach einer Weile wurde ihr Ehemann freigelassen; er bekam aber kein Visum für Ägypten. „Wir sprechen uns einmal die Woche. Er geht in ein Internetcafé. Oft kann ich Schüsse im Hintergrund hören."

Sie lächelt und sagt: „Aber deswegen erzähle ich euch diese Geschichte nicht. Ich erzähle euch diese Geschichte, weil ich glaube, dass mein Ehemann ein sehr toller Mann ist. Er ist  stolz auf mich. Er erzählt seinen Freunden, dass seine Frau stark ist, stärker als die meisten Männer, die er kennt." Intisar, sowie die meisten Frauen im Raum, muss sehr viel Verantwortung übernehmen. Sie musste einen Ort finden, an dem ihre Kinder bleiben konnten; musste einen Weg finden, sie zur Schule zu bringen. Sie trägt eine große Verantwortung. „Falls es nach der Krise in Syrien keine Männer mehr gibt, weil sie alle in den Kämpfen gestorben sind, wer wird dann das Land wieder aufbauen? Das werden wir sein. Es werden die Frauen Syriens sein. Also wenn euch jemand hier in Ägypten belästigt oder eure Männer nicht nett zu euch sind, vergesst nicht, dass ohne uns diese Krise noch viel schlimmer sein würde." Intisar setzt sich und die anderen Frauen nicken, ein paar klatschen. 

„Wir dürfen niemals vergessen, wofür wir kämpfen"

Reem schließt das Treffen damit ab, dass sie die Frauen über CAREs Hilfeleistungen, mögliche psychosoziale Hilfe und Rechtsbeistand informiert. Sie sagt ihnen, dass sie die CARE-Hotline anrufen können, falls sie Gewalt erleben und dass es medizinische und psychologische Hilfe gibt, falls sie oder jemand, den sie kennen, vergewaltigt werden oder andere Formen sexualisierter Gewalt erleben. Intisar steht erneut auf. „Danke Reem, das ist wirklich hilfreich. Es ist so wichtig für uns zu wissen, dass die Zeit nicht still steht, wenn uns etwas zustößt, und dass es für alles eine Lösung gibt. Und vor allem dürfen wir niemals vergessen, wofür wir kämpfen: Dass unsere Töchter ein besseres Leben führen und, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind."