Afghanistan: „Ich kann nicht aufhören, Lehrerin zu sein“

Eine Lehrerin, die für eine Partnerorganisation von CARE in Kandahar, Afghanistan, arbeitet, berichtet von ihrem Alltag.

“Lass deine Mutter nicht zur Schule gehen und unterrichten”, sagte ein bewaffneter Mann vor meinem Haus, während er ein Gewehr auf meinen Sohn richtete.
Als ich von der Schule zurückkam, fuhr ein bewaffneter Mann auf einem Motorrad hinter mir her. Er folgte mir bis in die Straße, in der ich wohne. Ich ging schneller und schneller und rannte schließlich zu meinem Haus. Zum Glück war die Tür nicht verschlossen. Ich rannte hinein, schlug die Tür zu und verschloss sie.
Der Mann hielt mit seinem Motorrad vor meinem Haus, stieg ab und klopfte laut an meine Tür. Meine Kinder hatten Angst und fragten, „Was ist passiert?” Ich hielt meinen Finger an die Lippen, um ihnen zu zeigen, dass sie leise sein sollen. Der Mann klopfte wieder an die Tür.


„Wer war die Frau und was ist ihr Beruf?“

Eines meiner Kinder fragte, “Warum klopfst du an die Tür und was willst du?” Der Mann sagte laut, dass mein Sohn rauskommen soll. Er öffnete die Tür, aber ich hielt den Rest meiner Kinder zurück. Ich weinte und machte mir Sorgen, was mit meinem Sohn geschehen würde. Der bewaffnete Mann richtete sein Gewehr auf meinen Sohn und fragte ihn: „Wer war die Frau und was ist ihr Beruf?“
Mein Sohn antwortete, “Sie ist meine Mutter und sie ist Hausfrau.“ Der Mann schrie ihn an, er solle nicht lügen. „Sie ist keine Hausfrau“, brüllte er, “sie ist eine Lehrerin. Sorg’ dafür, dass deine Mutter nicht mehr zur Schule geht und Mädchen unterrichtet. Sonst erschieße ich sie. Das ist meine letzte Warnung, verstanden?“
„Ja, sie wird nicht mehr zur Schule gehen,” erwiderte mein Sohn. Der Mann fuhr davon. Wir waren sehr verängstigt. Mehrere Tage lang ging ich nicht mehr zur Schule und wir beschlossen schließlich, umzuziehen. Ich mietete ein Haus in einem anderen Teil der Stadt und ging wieder zur Schule.
Ich bin 54 Jahre alt und seit 30 Jahren Lehrerin. Ich unterrichte in einer Schule hier in einem Vorort von Kandahar.

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„Alltag“ einer Lehrerin in Kandahar
Als die Übergangsregierung 2001 die Macht übernahm, startete die Regierung ein Bildungsprogramm für alle Kinder. Im ganzen Land wurden Schulen wiedereröffnet. Aber nach ein bis zwei Jahren ging der Terror gegen die Schulen los, besonders in Konfliktgebieten wie Kandahar. Heute sind fast alle Schulen in der ländlichen Gegend um Kandahar wieder geschlossen. Betroffen sind vor allem Mädchenschulen.
Ich kann meine Lehreruniform nicht tragen; wenn ich es tue, werde ich getötet. Ich trage eine Burka. Aus Sicherheitsgründen habe ich drei davon und wechsle sie alle ein oder zwei Tage. Ich nehme auch immer einen anderen Weg zur Schule. Manchmal gehe ich lange Umwege, um zur Schule zu kommen. Den Weg und die Kleidung zu wechseln ist mein Alltag als Lehrerin in Kandahar.  
Lehrerin zu sein bedeutet in dieser Stadt, in Angst zu leben und starke Sicherheitsmaßnahmen für sich und seine Familie zu ergreifen. Ich wechsle meinen Weg zur Schule und meine Burka, aber nicht meinen Beruf. Ich weiß, wie wichtig Bildung ist, besonders für Mädchen. Deshalb kann ich nicht aufhören, Lehrerin zu sein. Viele Lehrer hören auf, wenn sie von bewaffneten Männern bedroht werden, aber ich mache weiter. Die neue Generation dieses Landes braucht meine Unterstützung.


Auf dem Land bleiben die Schulen geschlossen
Auf dem Land ist es anders. Die Drohungen und Übergriffe behindern die Schulen im Umland sehr stark. Dort hat ein Angriff oft zur Folge, dass die Schule oder sogar auch umliegende Schulen geschlossen werden. Die Anzahl der Kinder, die zur Schule gehen, ist in Kandahar viel geringer als in anderen großen Städten des Landes und es nur jeder vierte Schüler ist weiblich. Ich habe an einem Besuch verschiedener Distrikte mit dem Bildungsministerium teilgenommen und gesehen, dass zwar einige Schulen im Zentrum des Distrikts offen sind, aber zwei oder mehr Kilometer entfernt, sind sie geschlossen. In den ländlichen Gegenden von Kandahar ist Bildung absoluter Luxus.
Als eine erfahrene Lehrerin in einer Konfliktregion in Afghanistan rufe ich die afghanische Regierung und die internationale Gemeinschaft dazu auf, ihre Anstrengungen zu verdoppeln. Wir müssen Schulen wieder öffnen, für Sicherheit sorgen und die Schüler und die Lehrer in den ländlichen Regionen brauchen auch zusätzliche Unterstützung.