„Alles stand still“

Interview mit dem Präsidenten und Geschäftsführer von CARE Japan

Takanori Kazuhara, der Präsident von CARE Japan, und Katsuhiko Takeda, (Geschäftsführer) über den besonderen Nothilfeeinsatz in ihrem eigenen Land und die deutsche Hilfsbereitschaft nach der Katastrophe.
Vor drei Monaten bebte die Erde in Japan – und löste einen Tsunami aus, der weite Teile der Ostküste zerstörte. Der Präsident und der Geschäftsführer von CARE Japan waren in Bonn zu Besuch und berichteten im Interview über die Hilfe von CARE Japan, die aktuelle Lage vor Ort, die Planungen und ihre Eindrücke.


Sie leisten seit der Katastrophe in Japan vor Ort aktiv Hilfe. Wie genau hilft CARE Japan den betroffenen Menschen und vor welchen Herausforderungen stehen Sie? 

Takanori Kazuhara (TK): Wir haben unmittelbar nach der Katastrophe damit begonnen, Nothilfeartikel an bedürftige Menschen in der Iwate Präfektur zu verteilen und Menschen in Evakuierungszentren mit warmen Mahlzeiten zu versorgen. Heute, drei Monate nach der Katastrophe, konzentrieren wir uns darauf, gezielt soziale Einrichtungen zu unterstützen. Vor allem möchten wir Menschen in Gegenden erreichen, zu denen die Hilfe nicht durchdringt. Die Regierung ist zwar sehr gut organisiert – aber sie kann nicht alles leisten. CARE versucht deshalb, Lücken zu füllen. 

Eine große Herausforderung ist im Moment, dass ganze Industriebereiche brach liegen. Vor allem an der Küste haben viele Menschen von der Fischerei gelebt. Die meisten Boote sind jetzt allerdings zerstört. Deswegen unterstützen wir Fischereifachbetriebe – unter anderem mit dem Kauf eines neuen Bootes oder mit Fahrzeugen. Wir stimmen uns hierbei sehr eng mit der Regierung ab.

Das Erdbeben und der Tsunami im März haben ganze Landstriche verwüstet. (Foto: CARE/Miyako)
Katsuhiko Takeda (KT): Ein anderes großes Problem ist natürlich, dass viele Menschen in Japan von den Ereignissen traumatisiert sind. Sie haben Schreckliches erlebt und häufig nicht nur ihr Hab und Gut sondern auch Bekannte oder Verwandte verloren. Die Plätze in den Notunterkünften wurden in einer Art Losverfahren vergeben, so dass Nachbarn und Freude auseinandergerissen wurden. Wir fördern deshalb Feste wie das Kinder- und das Erntedankfest, um gesellschaftliche Strukturen und Bindungen wiederaufzubauen. Gerade für ältere Menschen ist das besonders wichtig. 


Japan ist ein reiches Land, eine der größten Industrienationen weltweit, mit einer funktionierenden Regierung. Warum ist es Ihrer Meinung nach trotzdem nötig, dass NGOs wie CARE sich vor Ort einsetzen?

KT: Die Regierung ist sehr aktiv. Wir sprechen alle unsere Hilfsaktivitäten mit den lokalen Regierungen ab, sie koordinieren die Hilfe und das ist auch gut so. Wir waren jedoch auch in Städten, in denen es gar keinen Bürgermeister oder andere offizielle Vertreter mehr gab. Sie waren alle beim Tsunami ums Leben gekommen. 

Die lokalen Regierungen hatten zum Beispiel kaum mehr Kapazitäten, die Aktivitäten der Freiwilligen, die häufig extra von ihren Betrieben freigestellt wurden, zu koordinieren. Sie mussten sich darauf konzentrieren, Überlebende zu retten und Tote zu bergen, die Versorgungswege frei zu räumen und die Infrastruktur wieder in Gang zu bekommen. Die Kapazitäten reichten einfach nicht aus. Deswegen haben wir einen Teil dieser Aufgaben übernommen.


Wie haben Sie selbst das Erdbeben erlebt?

KT: Als die Erde bebte, war ich im CARE-Büro. Die heftigen Erschütterungen und die Nachbeben haben die komplette Infrastruktur Tokios zum Erliegen gebracht. Alles stand still. Weder die öffentlichen Verkehrsmittel fuhren, noch funktionierten die Telefon- und Stromnetze. Ich wollte meine Familie anrufen um zu hören, ob alles in Ordnung ist. Aber es konnte keine Verbindung hergestellt werden. Kollegen aus Vietnam riefen mich an, um zu hören, ob wir alle unversehrt sind. Die Kollegen konnten dann von dort aus meine Frau anrufen und ihr mitteilen, dass ich lebe und mir nichts passiert ist. Gott sei Dank erfuhr ich dann auch, dass es meiner Frau und meinem Sohn gut ging. Auf diese Nachricht zu warten, fühlte sich an wie eine Ewigkeit. 

Taka lud mich ein, die Nacht bei seiner Familie zu verbringen, weil die Bahnen zu mir nach Hause nicht fuhren. Am nächsten Tag konnte ich endlich zu meiner Familie. Lange erholen konnte ich mich allerdings nicht. Wir mussten sofort damit beginnen, die Nothilfemaßnahmen für CARE zu planen und zu koordinieren. 


Würden Sie sagen, dass sich die Menschen in Japan durch die Katastrophe verändert haben?


KT: In Japan gibt es schon immer eine sehr aktive Bewegung von Freiwilligen. Viele Menschen möchten außerhalb ihrer Jobs etwas Gutes für die Gemeinschaft tun. Um nach dem Erdbeben und dem Tsunami zu helfen, wurden viele japanische Angestellte von ihren Firmen freigestellt, damit sie helfen können. 
Nichtregierungsorganisationen wie CARE hingegen waren bis zur Katastrophe in Japan nicht sehr bekannt. Es ist sicherlich auch eine Chance, dass sich das jetzt ändert. Die Zivilgesellschaft in Japan hat – eben weil die Regierung nicht mehr alles alleine machen konnte – einen anderen Stellenwert bekommen. Fundraising-Aktivitäten werden immer wichtiger. 
Die Strukturen ändern sich, man verlässt sich nicht mehr so sehr auf die Regierung und versucht, in den Gemeinden selbstständiger zu arbeiten. Diesen Trend müssen wir jetzt nutzen.


Was bedeutet es für Sie, dass in Deutschland so viele Spenden gesammelt wurden, um mitzuhelfen, Not und Leid in Ihrem Land zu mildern?


Das Heinrich-Heine-Gymnasium organisierte einen Spendenlauf für Japan. (Foto: CARE/Mosler)TK: Es gibt uns so viel Hoffnung. Es geht nicht nur um das Geld. Sicher, das brauchen wir auch, damit wir Menschen helfen können. Aber der Schock, der nicht nur die Leute in den Erdbebengebieten getroffen hat, sondern auch uns, sitzt tief. Viele von uns haben Angehörige und Freunde bei der Katastrophe verloren. Viele von uns sind sehr mitgenommen. Gerade deswegen tut es so gut, die Solidarität und das Mitgefühl aus der ganzen Welt zu spüren. Diese Unterstützung macht uns sehr stark. 

Deutschland ist soweit weg von Japan. Aber trotzdem habe ich hier bei einem Spendenlauf deutscher Schüler erleben dürfen, wie sie das Leid der japanischen Kinder teilen. Das ist so ermutigend, so viel Solidarität und Mitgefühl. Davon möchte ich den japanischen Kindern berichten. 


Was ist anders daran, im eigenen Land zu helfen?

KT
: In erster Linie hat es natürlich gewisse organisatorische Vorteile, in einem Land zu helfen, dessen Sprache man spricht, deren Kultur und Traditionen man versteht. Aber genau das macht es gleichzeitig so schwierig, weil wir das Leid so sehr nachvollziehen können. Es geht uns sehr nahe, wenn wir mit unseren Landsleuten sprechen, denen so schreckliches Leid widerfahren ist. Aber die Hilfe der CARE-Familie hat uns sehr unterstützt. Die Tatsache, dass Kollegen aus Deutschland, aus den USA und aus anderen CARE-Mitgliedern zu uns kamen, um zu helfen, hat gezeigt, wofür wir als internationales Netzwerk stehen: Solidarität mit Menschen in Not, egal wo.

Sehen Sie hier auch die Fotogalerie zu Japan: Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe und hören die O-Töne der Schüler und Lehrer des Heinrich-Heine-Gymnasiums.