Auf der Reise ins Krisengebiet

Anders Nordstoga, Medienreferent für Katastrophen für CARE Liberia berichtet über seine Begegnungen mit Flüchtlingen aus der Elfenbeinküste

Während wir Liberias Hauptstadt Monrovia in einem klimatisierten Auto in Richtung Nordosten verließen, waren tausende von Flüchtlingen zu Fuß in die entgegenliegende Richtung unterwegs. Wir sollen die Situation in Dörfern in der Grenzregion zur Elfenbeinküste für CARE einschätzen, die Menschen flohen um ihr Leben. Der sich immer weiter verschärfende Konflikt in der Elfenbeinküste und die Folgen für die Menschen dort haben in den internationalen Medien kaum Aufmerksamkeit erhalten; die dramatischen Entwicklungen in Libyen dominierten die Schlagzeilen. 

„Anfang 2011 bohren wir nach Öl“

Nicht einmal zehn Kilometer außerhalb Monrovias glich das Fahren einem Hochgeschwindigkeitsslalom zwischen Schlaglöchern. Die Straßen verschlechterten sich zusehends. „Warum lässt die Präsidentin diese Straße nicht reparieren?“, fragte unser Fahrer, nachdem wir Saclepea erreicht hatten, eine kleine Stadt sechs Stunden von Monrovia entfernt. Er wies darauf hin, dass es eine internationale Straße war, die „bis zur Elfenbeinküste und nach Guinea führt“. Die Infrastruktur, da hat er Recht, ist wichtig, wenn man die Entwicklung eines Landes vorantreiben will.

In Liberia gibt es viele Schilder, die auf Projekte hinweisen, die von der Regierung oder internationalen Hilfsorganisationen bezahlt werden. Sie geben Aufschluss über die Herausforderungen Liberias. In dem Land, das sich noch immer vom jahrzehntelangen, 2003 beendeten Bürgerkrieg erholt, gibt es viele Herausforderungen. „Stimmzettel, keine Waffen“, steht auf einem Poster. „Zahl Deine Steuern – für bessere Bildung, Gesundheitsversorgung, Straßen und Sicherheit“, steht auf einem anderen. Wieder andere warnen: „Korruption führt ins Gefängnis – denk an Deine Familie“. Große Plakate verkünden „Echte Männer vergewaltigen nicht“. Und einige Plakate versprechen große Veränderungen: „Ein neuer Tag für Liberia – Anfang 2011 bohren wir nach Öl“.

Raumduft und Desinfektionsmittel

Wir hatten Mühe, in Saclepea ein Gästehaus zu finden. Andere Hilfsorganisationen hatten fast alles ausgebucht, um ihre Mitarbeiter unterzubringen. Letztlich fand jedoch unsere regionale Partnerorganisation noch ein Zimmer für uns. Kein Wunder, dass hier niemand wohnen will… Als ich widerwillig eintrat, stieg mir zuerst ein unangenehmer Geruch in die Nase, dann bemerkte ich, dass ich nicht aufrecht stehen konnte ohne mir den Kopf an der Decke zu stoßen. Der Mitarbeiter unser Partnerorganisation, der das Hotel für uns gefunden hatte, bewertete die Unterkunft: „Sie ist sicher“, sagte er.

An diesem Abend sahen wir in der einzigen Bar der Stadt, die passender Weise „The Place to be“ heißt, ein englisches Fußballspiel auf einem winzigen Fernseher an. Ich war auf jeden einzelnen Spieler auf dem Bildschirm neidisch, weil ich mir die Häuser und Hotelzimmer vorstellte, in die sie zurückkommen würden, nachdem sie geduscht hatten – und zwar nicht direkt neben einer Toilette, deren Spülung aus einem Eimer Wasser bestand.

Der Besitzer und Geschäftsführer des Lokals, ein groß gewachsener Mann mit einem breiten Lächeln, wollte wissen, ob alles zu unserer Zufriedenheit war. Ich dankte ihm und bejahte. Als ich in Richtung Toilette ging, kam er mit. Gnädig schüttete er einen Spritzer Desinfektionsmittel in die gelbe Flüssigkeit und versprühte etwas Raumduft.

Tausende fliehen in der Nacht bei strömendem Regen

Ich will mich über diese Kleinigkeiten gar nicht beschweren, aber ich glaube, dass das hilft, um die Lage der Flüchtlinge zu verstehen. Den verzweifelten Neid auf materiellen Komfort, den ich empfand, als ich in Saclepea vor dem Fernsehapparat saß, kenne ich eigentlich nicht von mir. In dem abgelegenen Dorf, in dem wir die nächste Nacht verbrachten, fragte ich mich, ob die Flüchtlinge dasselbe mir gegenüber empfanden. Sie hatten dazu allen Grund. Sie hatten keinen gebuchten Rückflug wie ich.

Sie hatten keine Vorstellung davon, was die nächsten Wochen und Monate für sie bringen würden. Während ich einen Raum für mich hatte, schliefen 60 von ihnen in einem Gebäude neben mir, das wahrscheinlich nicht viel größer ist. Tausende anderer Flüchtlinge verbrachten die Nacht bei strömendem Regen unter freiem Himmel, weil sie auf dem Weg über die Grenze waren – im Gepäck nur, was von ihrem Hab und Gut übriggeblieben ist.

Was muss man empfinden bei soviel Leid?

Ich kam mir tapfer vor, weil ich ein paar Tage lang mit ein paar Nüssen und getrockneten Früchten überleben musste, bis ich mich mit einer Frau unterhielt, die einige Stunden vor uns im Dorf angekommen war. Sie war einen Tag lang durch den Busch gelaufen und hatte dabei ihr acht Monate altes Baby getragen. „Meine einzige Nahrung ist das, was ich noch in meinem Magen hatte, als ich von zu Hause weglief“, sagte sie mir. Ich musste daran denken, wie hungrig ich bin, wenn ich nach dem Joggen keine vernünftige Mahlzeit bekomme. Ihr Kind hatte sie sich auf den Rücken gebunden, es sah lethargisch aus.

Ich gab ihr eine Banane, die ich noch in meiner Tasche hatte. Es ging mir danach nicht viel besser, aber ich hätte mich noch schlechter gefühlt, wenn ich sie selbst gegessen hätte. Ich weiß nicht, was man fühlen soll, wenn man Menschen in einer solchen Situation trifft. Aber ich bemerkte, dass mein stärkstes Gefühl nicht Mitleid war, weil sie keine Nahrung oder Wasser hatte – ich hoffe und glaube, dass sie dies bald bekommt. In erster Linie fühlte mich privilegiert, weil ich meinen Leben selbst kontrollieren kann.