Balkan: Found in Translation

Amira und Milica übersetzen für Flüchtlinge auf der Balkanroute.

Amira Halilovic kommt aus Sarajevo in Bosnien. Milica Katitc kommt aus Serbien. Die beiden haben so viel gemeinsam, dass eigentlich kein Gedanke mehr an die blutige Fehde ihrer zwei Länder noch vor wenigen Jahren bleibt.

Beide sind 23 Jahre alt und entdeckten schon als Kinder ihre Liebe zu Sprachen. Neben ihrem Sprachstudium engagieren sie sich nun als Übersetzerinnen für Flüchtlinge.

Schicksalsschläge bewältigen, Vorurteile überwinden

Amira entdeckte ihre Liebe speziell zu orientalischen Sprachen als junges Mädchen. Ihr Vater arbeitete in diversen Ländern des Nahen Ostens und fesselte sie mit Geschichten über die Region. An der Universität in Sarajevo studierte sie bald Farsi, ehe sie im Dezember 2015 einen Anruf vom Balkan Center for Migration, einem Partner von CARE, erhielt. „Sie fragten mich, ob ich mir vorstellen könnte, als Übersetzerin für afghanische Flüchtlinge in Serbien zu arbeiten“, erinnert sich Amira. Sie ergriff die Gelegenheit, obwohl ihre Eltern sehr zurückhaltend reagierten und sie selbst sich unsicher fühlte, mit Afghanen in einem Dialekt zusammenzuarbeiten, der anders war als jener iranische, den sie gelernt hatte.

Gleich an ihrem ersten Tag in Belgrad sah Amira eine weinende Frau. Ihr Baby war im Meer ertrunken. „Ich wusste nicht, was ich ihr sagen sollte“, sagte Amira, „Ich hätte ihr sagen können, dass es mir Leid tut. Aber was hätte das geholfen? Der Schmerz bliebe.“ Dennoch ermutigte Amira die Frau, stark zu sein – hatte sie doch zwei weitere Töchter, die auf die Hilfe ihrer Mutter angewiesen waren.
Auch nach dieser Begegnung war Amiras erster Tag von den Schicksalsschlägen der Flüchtlinge geprägt: Noch am gleichen Tag sollte sie als Übersetzerin die Bestattung einer afghanischen Frau mitorganisieren.

Zum Glück sind seither nicht alle Begegnungen so traurig. Amira erinnert sich zum Beispiel an einen Vorfall in einem provisorischen Notkrankenhaus an der Grenze. Eine Frau war in Ohnmacht gefallen und ihr Mann war sehr besorgt. Als Amira ihm mitteilte, dass seine Frau schwanger sei, bestritt er das beschämt; sie hatten doch verhütet. Amira aber verdeutlichte ihm die Unbeirrtheit des Arztes und daraufhin kannte der Ehemann kein Halten mehr. Er rannte im Lager umher und rief aus „Es ist ein Wunder. Ich werde Vater! Ich werde Vater!“

Ihr Alltag mit den afghanischen Flüchtlingen brachte auch Vorurteile ins Wanken: „Afghanische Männer lieben und respektieren ihre Frauen wirklich“, stellte sie anerkennend fest. „Ich sehe, wie sie ihre Frauen lieben und verwöhnen, auch wenn sie schon seit über 20 Jahren verheiratet sind.“

Engagement statt Uni

Im benachbarten Serbien besuchte Milica gerade die siebte Klasse, als sie Fan einer brasilianischen Telenovela wurde, in der sich ein einheimischer Junge in ein syrisches Mädchen verliebte. Gebannt verfolgte sie deren verbotene Liebe und verliebte sich auf diesem Wege selbst – in die arabische Sprache und alles, was mit arabischer Kultur zu tun hatte. Also begann sie, mit 18 Jahren privaten Arabischunterricht zu nehmen und die Sprache anschließend an der Universität in Belgrad zu studieren.

„Ich hatte eigentlich schon alles durchgeplant, um einen Master in Internationaler Sicherheit zu beginnen, als ich von der Flüchtlingssituation hörte“, sagte Milica. Ihre Pläne änderten sich und im Januar 2016 begann Milica, syrischen und irakischen Flüchtlingen bei der Flucht durch ihr Land zu helfen. Und so kam auch sie zum Balkan Center for Migration in Belgrad.

Genau wie Amira hat Milica viele aufwühlende Situationen mit den Flüchtlingen erlebt und durchgestanden. „Da war dieses 13-jährige syrische Mädchen im Rollstuhl, das von ihrer Mutter ins Krankenhaus gebracht wurde“, so Milica. Das Mädchen war gelähmt. Was Milica jedoch zunächst nicht verstand war, wieso die Mutter die Füße ihrer Tochter nicht auf das Fußbrett des Rollstuhls stellte. Doch diese wiederholte stets nur ihre Bitte: die Ärzte mögen die shash (Bandagen) wechseln. Erst da bemerkte Milica die offene Wunde auf dem Rücken des Mädchens. „Es war wie ein großes Loch und noch frisch“, beschreibt sie die Verletzung des Mädchens, welche von einer Bombe in Syrien verursacht und verantwortlich für die Lähmung war.

Diese Mutter und ihre stets lächelnde Tochter warteten auf Dokumente, die ihren medizinischen Notfallstatus belegten. Nach der plötzlichen Schließung der mazedonischen Grenze versuchten viele Flüchtlinge solche Papiere zu bekommen, weil sie dachten, das würde ihren Grenzübergang erleichtern. In den meisten Fällen erfüllten sich solche Hoffnungen nicht. „Flüchtlinge haben nur ein Zeitfenster von 72 Stunden, um registriert zu werden und weiterzuziehen“, kommentiert Milica die Situation in Serbien, das den 300 tagtäglich eintreffenden Flüchtlingen mit ihren Hoffnungen auf ein besseres Leben in der EU nicht viel anzubieten hat.

Gefragt, an welchen der vielen Flüchtlinge sich Amira besonders erinnert, sagt sie: „Ich werde mich an jeden von ihnen erinnern. Du weißt, du bist Teil der Geschichte, die in 100 Jahren einmal in Schulen unterrichtet werden wird. Ich hoffe, diese Geschichte wird gut enden und all diese Menschen werden Frieden und Sicherheit finden.“


CARE und seine Partner-Organisationen in Serbien und Kroatien unterstützen Flüchtlinge und Migranten auf der westlichen Balkanroute seit Sommer 2015. Trotz der Grenzschließungen passieren immer noch etwa 300 Menschen pro Tag die Grenze nach Serbien, in der Hoffnung auf einen Weg nach Nordeuropa. CARE und seine Partner stellen Essens- und Hygienepakete, warme Kleidung und Schuhe bereit. Flüchtlingszentren wurden mit Wasseranlagen und sanitären Einrichtungen, außerdem mit Betten und Heizungen ausgestattet. Speziell beheizte Zelte bieten Kindern zusätzlichen Schutz vor Witterung. Außerdem bieten Partnerorganisationen von CARE Übersetzungsleistungen und Informationen für Familien an, die auf der Durchreise sind oder auch in Kroatien und Serbien bleiben. Für diejenigen, die auf dem Balkan bleiben, bieten CARE und seine Partner nun auch Freizeitaktivitäten und psychosoziale Betreuung an. Bis heute hat CARE so knapp 125 000 Menschen erreicht.

Mehr Informationen zur Arbeit von CARE für Flüchtlinge auf dem Balkan finden Sie hier.