Balkan: Unaufhaltsame Batoul

Batoul reist allein mit ihrem Baby über die Balkanroute. Die junge Frau ist nicht aufzuhalten.

Im Februar 2016 packte Batoul eine Tasche, schnappte sich ihr vier Monate altes Baby und startete ganz allein ihre Reise ins Ungewisse. Sie kämpfte mit Schmugglern, entkam einem Feuer und ertrank beinahe. Tagelang hatte sie nichts zu essen, tagelang durchquerte sie einen klammen Wald. Nach tausenden von Kilometern – per Bus, per Boot und zu Fuß – erreichte sie im Juni 2016 Serbien.

Batoul ist 18 Jahre alt. In der Zeit vor dem Aufbruch hatte sie selten überhaupt nur ihr Haus verlassen, geschweige denn ihre Kleinstadt in Syrien. Die nur gut 1,50 Meter große Frau spaziert zielstrebig, ihr blauäugiges Baby umklammernd, mit der Zuversicht einer Weltenbummlerin durch das Flüchtlingscamp in Presevo an der serbischen Grenze zu Mazedonien. Ihr Ziel: Deutschland. Dorthin schafften es ihr Ehemann und ihr neunjähriger Bruder schon im August 2015. Batoul war damals im siebten Monat schwanger. Das Paar hatte nicht genügend Geld, gemeinsam zu reisen.

Seit 4 Monaten allein unterwegs

Ihr Mann brauchte nur 10 Tage, um Deutschland zu erreichen. Batoul jedoch ist seit vier Monaten unterwegs und weiß nicht, wie viel länger es noch dauern wird. Und ehe ihr Mann erstmals sein Kind zu Gesicht bekommt. 650 Euro sollten Batoul über die türkische Grenze bringen. Sie versuchte es mehrmals, doch scheiterte immer wieder. Sie wurde gezwungen, die einzige Tasche – alles was sie besaß – zurückzulassen. Es blieb nicht einmal mehr eine Windel für ihr Baby. Endlich, beim sechsten Versuch, schaffte es Batoul auf türkisches Gebiet. „Es war sehr dunkel und regnete in Strömen“, erinnert sie sich. „Der Fluss schwoll zu einem schlammigen Strom an und ehe ich mich versah, drohten mein Kind und ich im Dreck zu ertrinken.“

Batoul entschied sich, nur einen Tag in der Türkei zu bleiben und für 450 Euro schnell weiter Richtung Griechenland zu ziehen. Dort wurde sie drei Monate lang in einem Flüchtlingslager festgehalten und ernährte sich nur von Linsensuppe. Eines Nachts brach ein Feuer im Lager aus. Batoul und ihr Baby, das 40 Grad Fieber hatte, entkamen mit 200 anderen syrischen Flüchtlingen durch ein Loch im Zaun.

Immer weiter

In dieser Gruppe zogen sie sechs Tage lang durch einen Wald, um nach Mazedonien zu kommen. Schon nach drei Tagen waren Wasser- und Essensvorräte aufgebraucht. „Doch hätte ich die Frau zu meiner Linken gefragt, ob sie hungrig sei, so hätte sie nein gesagt“, entsinnt sich Batoul, „Und hätte sie mich gefragt, so wäre auch meine Antwort gewesen: Ich denke nicht einmal an Essen.“

Schließlich fand sie einen Schlepper, der sie und 53 andere Flüchtlinge in seinem Lastwagen nach Serbien schleusen wollte. Die Polizei stoppte sie jedoch, nahm den Schmuggler fest und brachte die Gruppe in das Lager in Presevo.

„Ich bleibe nur ein paar Stunden. Ich muss so schnell es geht an die ungarische Grenze kommen“, beschreibt die junge Frau ihre Pläne. An dieser Grenze, die seit 3 Monaten geschlossen ist, wird sie auf mehr als 300 gestrandete Flüchtlinge stoßen. Die ungarischen Behörden gestatten nur 15 Menschen am Tag den Übertritt. Batoul hofft, sie wird eine der wenigen Glücklichen sein.

„Das erste, was ich in Deutschland machen will“, sagt Batoul entschlossen, „ ist Englisch und Deutsch zu lernen. Ich werde meinen Sohn in eine Kita geben und einen Job finden, damit ich meinem Mann helfen kann, für unsere Familie ein gutes Leben aufzubauen.“ Auf die Frage, ob ihr konservativer Mann diese Pläne unterstützen würde – nach der Hochzeit in Syrien untersagte er ihr den Abschluss der weiterführenden Schule – antwortet die unaufhaltsame junge Frau selbstbewusst: „Das wird er. Wir Frauen sind stark und spielen eine wichtige Rolle.

Seit Sommer 2015 unterstützt CARE mit seinen Partnerorganisationen in Kroaten und Serbien Flüchtlinge und Migranten auf der westlichen Balkanroute. Trotz der Grenzschließungen passieren immer noch etwa 300 Menschen pro Tag die Grenze nach Serbien in der Hoffnung auf einen Zugang nach Nordeuropa. CARE und seine Partner stellen Essens- und Hygienepakete, warme Kleidung und Schuhe bereit. Flüchtlingszentren wurden mit Wasseranlagen und sanitären Einrichtungen, außerdem mit Betten und Heizungen ausgestattet. Zusätzlich bieten Partnerorganisationen von CARE Übersetzungsleistungen und Informationen für Familien an, die auf der Durchreise sind oder auch in Kroatien und Serbien bleiben wollen. Für diejenigen, die auf dem Balkan bleiben, bieten CARE und seine Partner auch Freizeitaktivitäten und psychosoziale Betreuung an. Bis heute hat CARE so knapp 125 000 Menschen erreicht.


Mehr Informationen zur Arbeit von CARE für Flüchtlinge auf dem Balkan finden Sie hier.