Bangladesch: Das Wasser kommt

Folge 4 der Serie: Wie erleben CARE-Mitarbeiter aus aller Welt den Klimawandel?

Das Klingeln des Telefons reißt mich in den frühen Morgenstunden des 31. Juli 2007 aus einem tiefen Schlaf. Ich kann den Regen auf dem Fensterbrett hören. Der Anruf kommt von Nabinur, der Kampagnen-Koordinator für CARE. „Didi (Schwester)“, sagt er, „wir müssen den Workshop absagen.“ Damit meint er den Workshop zum Thema Zugang zu natürlichen Ressourcen in Rangpur, der heute im Regionalbüro von CARE Bangladesh stattfinden soll. Nabinur fährt fort: „Vermutlich werden einige unserer Projektgebiete entlang des Flusses von Überschwemmungen betroffen sein. Um sieben Uhr gibt es im Büro ein Treffen. Ein erstes Team soll vorbereitet werden, um die Situation vor Ort einzuschätzen.“

Einige Stunden später fahren wir mit dem CARE-Auto nach Gaibandha und nehmen von dort ein Boot nach Fulchari. Wir haben gehört, dass die Bewohner dieses Distrikts am stärksten betroffen sind. Das „chug chug chug“ des Schiffsmotors ist sehr viel langsamer als mein Herzschlag. Der schnell fließende Fluss ist dunkelbraun gefärbt - ein Zeichen dafür, dass die Situation flussaufwärts nicht gut aussiehr. Der Geschäftsführer unserer Partnerorganisation SKS Foundation, Rassel Ahmed Liton, informiert uns, dass seine Organisation auf die Katastrophe gut vorbereitet ist. „Hat nicht Bangladesch den zweifelhaften Ruf, eines der am stärksten von Naturkatastrophen betroffenen Länder zu sein?“ frage ich Liton bhai (Bruder). „Ja, das ist wahr“, antwortet er. „Aber in den letzten Jahren treten Überschwemmungen immer häufiger auf.“

Ein Reichtum an Wasser

Die „Jahrhundertfluten“ treten nun alle fünfzehn Jahre auf. Er fügt hinzu: „Wir Bangladescher sind zwar für unsere Widerstandsfähigkeit bekannt. Aber auch wir können die zunehmende Last der immer wiederkehrenden Gefahr für unser Leben und unsere Existenzgrundlage nicht viel länger ertragen.“ 92 Prozent des Wassers, das durch Bangladesch fließt, entspringt Quellen außerhalb des Landes. Bangladesch liegt am Golf von Bengalen. Dieser Golf stellt mit seinen unzähligen natürlichen Ressourcen eine wahre Schatzkammer dar. Doch er bringt mit seinem sehr aktiven Wettersystem auch immer wieder tropische Wirbelstürme und Zyklone hervor. Wenn diese über das Land fegen, zerstören sie die Ernte, die Existenzgrundlage und das Leben vieler Bangladeschis.

Die Szenerie, die wir passieren, ist sehr grauenvoll. Gerade schwimmt ein ausgewachsener Bananenbaum am Boot vorbei. Wir können die strohgedeckten Dächer einiger Häuser in den Fluten erkennen. Das Boot hält in der Nähe einer Insel. Aber ist es wirklich eine Insel, oder nur ein Stück Land, das nicht überschwemmt wurde? Ich kann drei Hütten erkennen, die hier stehen. Um sie herum drängen sich eine große Menge Erwachsene, Kinder, Ziegen und Hühner. „Gehren sie alle zu einer Familie?“ frage ich mich. Wir legen an der Insel an, doch es herrscht abwartende Stille. Liton bhai bricht sie, indem er sich erkundigt, ob alle Familienmitglieder in Sicherheit sind. Eine junge Frau, Rabeya, erkennt unser Boot als Sanitätsschiff der SKS Foundation, die Ärzte und Medikamente zu diesen entlegenen Dörfern bringt. Sie informiert uns, dass ihre Nachbarn und deren Vieh bei ihrer Familie Unterschlupf gesucht haben.

Laut Rabeya sind viele Menschen von der Überschwemmung betroffen, aber ihrer Familie geht es gut. Im letzten Jahr sah es anders aus. Ihr Wohnhaus wurde überschwemmt und ein großer Teil ihres Besitzes ging verloren. Aber in diesem Jahr kamen sie glimpflich davon, da ihr Haus inzwischen auf hohe Stelzen gebaut wurde und so über dem Wasser steht. Dies wurde im Rahmen des SHOUHARDO-Programms finanziert. SHOUHARDO ist eins der weltweit größten Programme zur Nahrungssicherheit. Es unterstützt 400.000 Familien in 18 der am stärksten gefährdeten und abgelegenen Distrikte in Bangladesch. Rabeya hat in einem neuen Dachboden Essen gelagert und kann so ihre Familie und ihre Gäste für vier bis fünf Tage versorgen. Aber sie fragt uns: „Kann das Programm nicht auf alle Familien ausgeweitet werden, die ähnlich gefährdet sind wie wir?“ Auf diese Frage haben wir keine Antwort. Zumindest nicht im Moment.

Katastrophen in Theorie und Realität

In den zwei Jahren seit der Überschwemmung von 2007 haben drei tropische Wirbelstürme – Sidr, Bijli und Aila – die Länder Südostasien verwüstet. Sie haben einige der Erkenntnisse verdeutlicht, die der Weltklimarat (IPCC) in seinem Bericht aus dem Jahr 2007 veröffentlicht hat. Dazu gehört, dass Bangladesch bis 2050 acht Prozent seiner Reis- und 32 Prozent seiner Weizenproduktion verlieren wird. Wenn der Meeresspiegel um einen Meter steigt, wird Bangladesch 17 bis 20 Prozent seiner Landesfläche verlieren und über 20 Millionen Menschen müssen umgesiedelt werden. Das bringt uns zu der Frage von Rabeya zurück, ob wir nicht mehr leisten können, um diesen Menschen eine Anpassung zu erleichtern. Warum sind jene Länder, die für diese Katastrophen verantwortlich sind nicht bereit, für die Folgen zu zahlen?

Vor der Klimakonferenz in Kopenhagen hat sich die Zivilgesellschaft in Bangladesch intensiver als jemals zuvor mit diesem Thema auseinander gesetzt. Veranstaltungen wurden geplant und die Delegierten, die Bangladesch bei der Konferenz vertreten, vorbereitet. Auch ich sehe täglich die Probleme, die der Klimawandel mit sich bringt. Ich fordere daher die Führer dieser Welt und insbesondere die Führer der Entwicklungsländer auf, für ein verbindliches Abkommen zu sorgen. Damit die Bürger aller Staaten die Einhaltung dieses Abkommens nach der Ratifizierung von ihren Regierungen einfordern können.

CARE-Serie zur Klimakonferenz in Kopenhagen:

Folge 1 - Indonesien: Die Zukunft unserer Kinder
Folge 2 -
Peru: Klimawandel bedeutet Hunger
Folge 3
- Kenia: Rückschritt durch den Klimawandel
Folge 4 - Bangladesch: Das Wasser kommt
Folge 5 - Tansania: An die Staatsoberhäupter der Welt

Folge 6 -
Nepal: Was Du heute kannst besorgen...
Folge 7 -
Thailand: Der hohe Preis der Anpassung
Folge 8 -
Guatemala: Die Geschichte von Graciela Cabrera de Lopez
Folge 9 - Vietnam: Der Klimawandel findet JETZT statt
Folge 10 - Bangladesch: "Im letzten Jahr nahm sich die Flut unsere Ernte"