Bangladesch: Mehr als ein Reisebericht

CARE-Vorstandsmitglied Karin Kortmann berichtet von ihrem Besuch eines CARE-Projekts in Bangladesch

Eine Woche bin ich für CARE Deutschland-Luxemburg mit dessen Vorsitzendem Heribert Scharrenbroich, Staatssekretär a.D. und der CARE-Länderreferentin Jennifer Bräutigam auf Projektbesuch. Hier leben knapp unter 40 % der Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Ein Land, das die Zusammenarbeit sucht, wie uns der Deutsche Botschafter gestern Abend nochmals bestätigte. CARE Deutschland-Luxemburg ist mit eigenen Projekten dort vertreten.
Ich möchte Sie einladen, ein wenig an meinen Tagen in Bangladesch teil zu nehmen. Weniger an den Ergebnissen der offiziellen Termine, sondern an zufälligen Begegnungen mit Menschen. Unverhofft und überraschend.

17. Mai 2011
Heute ist ein buddhistischer Feiertag in Bangladesch.
Es ist ein freier Tag. So werden die Feiertage der einzelnen Religionen zum Festtag für Alle.
90% der 164 Millionen Menschen sind Muslime; etwa 9% Hindus; 0,6% Buddhisten; 0,3% Christen.
Bis zum ersten offiziellen Termin bleibt noch etwas Zeit. Ich verlasse das Hotel und gehe ein paar Straßen weiter. An Baustellen vorbei. Hier in den Seitenstraßen werden Ziegel gestapelt, Straßenränder begradigt, Holzstämme abgeladen. Kinder spielen in Regenpfützen und die daneben sich auftürmenden Abfallberge stinken Ekel erregend.

Männer tragen große runde Körbe auf den Köpfen. Voll geladen mit Bananen. Einige Frauen nicht erkennbaren Alters schauen mich neugierig an. Sie lächeln und zeigen ihre schlechten Zähne. Ich schaue dem geschäftigen Treiben zu und bin nicht sicher, ob ich meine Fotokamera auspacken und einige der bunten Bilder aufnehmen darf. Ich bleibe stehen und schaue einem Mann zu, der ein langes Zuckerrohr durch eine Presse schiebt.

Faserig kommt das Rohr auf der anderen Seite heraus. Wird geknickt und mehrmals durch die Presse geschoben. Unten wird der frische Saft aufgefangen, gesiebt und schon bekomme ich ein großes Glas des schaumigen Getränks gereicht. Plötzlich steht eine kleine Menschenmenge um mich herum und beobachtet aufmerksam ob es mir
schmeckt. Lachend reichen mir einige die Hand. So als habe ich die Bewährungsprobe bestanden.
Das Foto ist dann nur noch obligatorisch.

18. Mai 2011
In der Hauptstadt Dhaka leben etwa 15 Millionen Menschen. Vollgepackte Busse in einem nicht gerade vertrauenserweckenden Zustand schieben sich durch die vollen Straßen, Autos die keine Fahrspuren zu kennen scheinen. Und dazwischen das Volkstransportsystem: Rikschas. Mit ihren bunten Farben sind sie ein Hingucker. Sie schlängeln sich geschickt durch Verkehrslücken und scheinen damit weitaus effektiver voran zu kommen, als manch ein PKW.

Schätzungsweise 500.000 Rikschafahrer verdienen damit in der Hauptstadt ihr Geld. Sie haben einen bestimmten Betrag pro Tag zu er-fahren und an den Eigentümer der Rikscha zu entrichten. Alles was sie darüber hinaus einnehmen ist ihr Verdienst. Hart erworben zwischen Abgasen, Lärm und Schmutz.

Perspektivwechsel.
Nach mehr als siebenstündiger Autofahrt von Dhaka über Sirajgari erreichen wir Gobindagonj in Gaibandha. Wir bekommen Einblick in das Projekt "Rural Sales Program". Daraus ein kleiner aber interessanter Einblick:
Wir treffen Soiful Islam Mondal. Er ist der Zentrums-Manager, um Produkte wie Hygieneartikel, Schuhe und anderen Kleinbedarf an die ländlichen Haushalte zu verkaufen. Sein kleiner Laden an der Hauptstrasse misst gerade mal etwa zehn Quadratmeter.  Die Regale sind voll geladen. Er beschäftigt mehrere Fahrradkuriere, die als sogenannte Zwischenhändler die wichtigsten Produkte an Frauen in den zum Teil schwer zugänglichen Gemeinden bringen. Diese übernehmen die Kommissionsware und verkaufen sie von Haus zu Haus, häufig in einem Umkreis von fünf Kilometern, die sie zu Fuss aufsuchen.

Soiful Islam Mondal ist ein junger Mann, verheiratet, Vater und erfolgreicher Geschäftsmann. Er managt den Einsatz von ungefähr 32 Personen. An der Wandtafel vermerkt er, wer welche Produkte bekommt und wie sich der Umsatz der einzelnen Fahrradkuriere und der Frauen entwickelt. Er fragt nach, wenn er Schwankungen erkennt.Er gehört zu den sehr gut Verdienenden: 15.000 TAKA, umgerechnet 150 Euro Monatseinkommen sind seine Erfolgsbilanz.

Der Fahrradkurier, den wir treffen, fährt täglich bis zu acht Stunden die Ware aus. Mit seiner Arbeit ist er zufrieden. Als ungelernter Arbeiter hat er hier eine Beschäftigungsperspektive bekommen. 2000 TAKA, 20 Euro sind sein Monatsgehalt. Davon ernährt er seine kleine Famillie.

In einem der Dörfer lernen wir Morzina kennen. Seit acht Jahren Witwe hat sie lange auf einen Job gewartet, der sie und ihre zwei Töchter und ihren Sohn ernähren kann. Stolz zeigt sie uns ihre Tasche mit den Verkaufswaren. In einer Plastiktüte sind loser Reis und einige Geldscheine. "Nicht jede Frau kann die notwendigen Dinge des Alltags mit Geld bezahlen. Ich bekomme dafür auch Reis, Eier oder Obst und Gemüse."

Wie sie, gehen weitere 29 Frauen dieser Verkaufstätigkeit nach. Aparajitas werden sie genannt, "women who never accept defeat". Frauen, die sich nicht geschlagen geben. Die ihre Armut überwinden wollen.
Zweimal in der Woche wird sie vom Fahrradkurrier beliefert. Ist sie mal krank helfen die Kinder oder Nachbarinnen aus. Sie verdient um die 2800 TAKA, 28 Euro, die sie stolz machen. Sie ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, sie hat es geschafft. Das gibt ihr Selbstvertrauen, Anerkennung und eine Existenzsicherung.

19. Mai 2011
Letzte Woche in Düsseldorf war ich in einem Laden von KiK, um mir einen gewebten Teppich zu kaufen. Made in Bangladesh für 2,99 Euro. Ware, die am Eingang hängt, und so wenig über ihre Herkunft verrät. Deshalb schauen wir uns heute einige der Produktionsstätten an, in denen KiK 1,5 Millionen dieser Flickenteppiche für den deutschen Markt fertigen lässt.

5000 Textilfabriken gibt es in Bangladesch. Ein boomender Markt. Mehr als zwei Millionen Menschen, vorwiegend Frauen, arbeiten dort; weitere 15 Millionen Arbeitsplätze sind direkt oder indirekt von dem größten industriellen Sektor Textil abhängig. Immer mehr Unternehmen wollen hier fertigen lassen. Deshalb steigen sie ein in die Ausbildung, Schulung und Qualifizierung. Sie legen mehr Wert auf Gesundheitsversorgung, Hygiene und Arbeitsschutzmaßnahmen. CSR - Corporate Social Responsibility - ist zum Maßstab guten Unternehmertums geworden. Da aber immer noch was anderes darunter verstanden wird, sind einheitliche Regelungen und Evaluierungen Pflicht.

20. Mai 2011
Gesundheit ist nicht für alle finanzierbar
Heute fahren wir nach Nilphamari. Anderthalb Stunden Autofahrt von Rangpur entfernt. Dort hat KiK ein Gesundheitssystem aufgebaut, um die Arbeiterinnen in der Teppichproduktion ärztlich zu versorgen. Denn nach wie vor fehlt es an einer staatlichen landesweiten Gesundheitsversorgung. Alle zehn Wochen wird die Teppichproduktionsstätte geschlossen und in eine mobile Arztpraxis mit Wartebereich, Anmeldung, Untersuchung und Medikamentenausgabe verwandelt.

Ab 9 Uhr sind die Ärzte da: zwei Männer und eine Frau und weitere Assistenten.  Etwa 20 Frauen, einige Männer und viele Kinder warten bereits. Ihre Daten werden zunächst in der Patientenkartei schriftlich festgehalten. Die Blutgruppe bestimmt, der Blutdruck gemessen. Die meisten Beschwerden sind Muskel- und Rückenschmerzen bei den Arbeiterinnen und Vitaminmangel bei den Kindern. Das System wird angenommen. Der Mehrwert, in dieser Firma beschäftigt zu sein, zeigt sich in der Gesundheitsversorgung für die Beschäftigten und ihre Familienangehörigen. Sie werden aufgeklärt, beraten, behandelt und für die Hygiene zu Hause gibt es noch ein Stück Seife.

Ein einfaches Angebot mit großer Wirkung!

20. Mai 2011
Zum Abschluss unseres Bangladesch-Aufenthaltes sind wir wieder in Dhaka.
Heute Abend setzte ein Gewitter die Stadt unter Wasser. Fehlende Wasserablaufkanäle und unbefestigte Straßen verwandelten sich innerhalb von wenigen Minuten in schlammige, zum Teil mit dem Auto nicht mehr passierbare Wege.
Wir sind in einem Slum verabredet. Hier werden junge Textilarbeiterinnen geschult. Sie lernen lesen und schreiben, lernen Englisch. Ihre Lehrerin dolmetscht für uns zwischen Bangla und Englisch. Sie sitzen auf Bastmatten im Kreis, auf dem Schoß Bücher und Hefte.  Sie alle haben schon einen Arbeitstag von acht bis zehn Stunden hinter sich. Und sie haben Hunger.

Mehrmals in der Woche kommen sie hier abends um 20.30 Uhr für anderthalb Stunden Unterricht zusammen. Es ist mehr als ein reines Lernen.
An ihrem Lebensbaum, den sie gemeinsam gestaltet haben, erläutern sie uns, wo ihre Wurzeln sind, wem sie sich verbunden fühlen.

Auf den Blättern haben sie die Früchte ihrer Arbeit aufgeschrieben und in den Sternen ihre Visionen, ihre Ziele, festgehalten. "Ich wünsche mir, dass ich meinem Sohn eine gute Bildung bezahlen kann", sagt eine der drei Mütter.
Eine andere Frau erzählt von ihrem fünfjährigen Sohn, der von ihrer Mutter auf dem Land erzogen wird. Das ist das Schicksal vieler Frauen.

Sie verlassen die ländlichen Gegenden, um in der Stadt Arbeit und Einkommen zu bekommen. Sie lassen Familie und Geborgenheit zurück. Die Lerngruppe ist für sie ein kleiner sozialer Ausgleich in der Millionenstadt Dhaka.
Deshalb sind die Projekte von CARE so wichtig. Sie legen den Schwerpunkt auf ländliche Entwicklung. Unterstützen Unternehmen, die sich dort ansiedeln und sorgen für Bildung und Ausbildung der Landbevölkerung,vor allem junger Frauen.