Böse Geister

Jede Nacht bringt Angst und Schrecken für die Frauen in Haiti

Die Nacht bricht über die Camps herein und Kerzen flammen auf, eine nach der anderen. Winzige Lichtpunkte in einer in Dunkelheit getauchten Stadt. Während die Sonne verschwindet, hört man die ersten erstickten Schreie. Die Frauen ziehen sich tiefer in ihre Unterschlüpfe aus Bettlaken und Plastikplanen zurück, sie warten ängstlich auf den Morgen. Sie flüstern sich die Worte zu: “mauvais esprits”, böse Geister, die die Überlebenden des zerstörerischen Erdbebens verfolgen. So nennen sie die Männer, die sich nachts an ihnen vergreifen.

Wie ein Lauffeuer verbreiten sich Geschichten über Vergewaltigungen in den Camps, in denen hunderttausende Menschen eng in notdürftigen Unterkünften leben. “Es passiert in der Nacht”, erzählt Hannah . Sie ist Krankenschwester und lebt seit dem Erdbeben in einem selbstgebauten Zelt im überfüllten Lager Pacot, einem der gefährlichsten Camps in Port-au-Prince. Sie spricht leise und senkt den Kopf, damit niemand hören kann, was sie sagt. “Junge Männer kommen mit Waffen und vergewaltigen die Frauen. Sie werden nicht angezeigt, denn den Staat gibt es hier nicht mehr. Die Krankenhäuser, die Polizei – alles wurde durch das Erdbeben zerstört.“

Nacht für Nacht beginnt der Terror von Neuem


Schon vor dem Beben gab es in Haiti viele Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe. Nach früheren Naturkatastrophen ist die Zahl der Gewaltdelikte stets gestiegen. Stromausfälle, die die Straßen verdunkeln, überfüllte, unorganisierte Lager sowie ungeschützte Waschgelegenheiten und Latrinen erhöhen das Risiko sexueller Gewalt und Belästigung. Ehemänner und Brüder versuchen Schutz zu bieten, die Frauen tauschen geflüsterte Warnungen aus. Aber Nacht für Nacht beginnt der Terror von Neuem.

“Wir weinen. Wir schlafen. Aber es ist nur ein Halbschlaf. Stets warten wir darauf, dass irgendwas passiert“, sagt Hannah. „In meiner Familie hält immer jemand draußen Wache, während die anderen schlafen. Ich habe eine fünfjährige Tochter und ich fürchte mich um sie. Sie kennen keine Gnade. Es gibt hier Männer, die schon sechs Monate alte Mädchen vergewaltigen.“

In den ländlichen Gebieten um Léogâne geht unter den Frauen zusätzlich die Angst vor entkommenen Straftätern aus dem zerstörten Gefängnis um. „Nachts haben wir Angst. Wir haben Geschichten über Vergewaltigungen im Nachbarcamp gehört”, sagt die 23jährige Rachelle und wirft einen verstohlenen Blick über ihre Schulter. „Es gibt nichts, was wir tun könnten. Es gibt keinen Schutz. Es gibt Männer, die uns auf die Straße folgen, um uns beim Waschen zuzuschauen. Wir haben Angst, dass sie nachts wiederkommen.“

Sicherheit für Frauen


Die Frauen haben einfache Forderungen: Sichere Unterkünfte, Waschgelegenheiten für Frauen an gut beleuchteten Plätzen, getrennte Toiletten für Männer und Frauen. CARE unterstützt diese Forderungen und setzt sie in den Projekten um. Aber es ist auch die langfristige Bekämpfung sexueller Gewalt, die für die Frauen Haitis ebenso wichtig ist. “Kurzfristig müssen wir vertrauliche Dienste für Betroffene von Vergewaltigungen anbieten, etwa medizinische und psychologische Unterstützung. Die Frauen müssen wissen, an wen sie sich wenden können“, erklärt Janet Meyers, CARE-Expertin für sexuelle Gesundheit in Katastrophenfällen. „Gleichzeitig müssen wir alles tun, damit es gar nicht erst zu Vergewaltigungen kommt. Sexuelle Gewalt war schon vor dem Beben ein Problem in Haiti und wir wissen, dass die Zahl der Vorfälle in solchen Situationen steigt.“

CARE hilft derzeit dabei, ein System zur Strafanzeige von Vergewaltigungen wieder herzustellen und vertrauliche Unterstützung für die Opfer anzubieten. Dazu gehören die medizinische Betreuung der Betroffenen, Notfallverhütung und psychologische Betreuung. Doch unterdessen bekommen Frauen wie Hannah und Rachelle keinen Schlaf – aus Angst vor den mauvais esprits, die um ihre Zelte schleichen.

Bitte unterstützen Sie den Wiederaufbau in Haiti:
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Stichwort: Nothilfe Haiti
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