"Buen vivir" - ein gutes Leben für die Quechua

Im Interview: Gerardo Chacon, Gründer der CARE-Partnerorganisation Yachachic in Ecuador

Gerardo Chacon gründete die Organisation Yachachic, die in Zusammenarbeit mit CARE Gemeinden in der Region Chimborazo in Ecuador unterstützte. Mehr als zehn Jahre lang wurden Projekte dort gemeinschaftlich umgesetzt. Das bedeutet, dass die Menschen in den Dörfern, die vorwiegend zur indigenen Bevölkerungsgruppe der Quechua gehören, selber darüber entscheiden, was in ihren Dörfern gebaut und entwickelt wird.

Die verschiedenen indigenen Gruppen in Ecuador werden auf Spanisch Indigenas genannt. Daneben gibt es die sogenannten Mestizen, die Nachfahren der europäischen Siedler in Lateinamerika. Jahrhunderte lang kontrollierten sie die Wirtschaft und Politik der Länder. In den letzten Jahren haben die Indigenas jedoch große Fortschritte im Kampf gegen die Armut und für mehr Selbstbestimmung gemacht. Um diese Anstrengungen zu ehren und auf die weiter bestehenden Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen den 9. August zum Tag der indigenen Bevölkerung erklärt.


1.) Gerardo, wie kamen Sie dazu, sich in Ihrem Heimatland Ecuador für indigene Gemeinschaften einzusetzen?

Ich habe in Deutschland Pädagogik studiert und meinen Doktor über emanzipatorische pädagogische Theorie geschrieben. Das Wissen wollte ich gerne in die Praxis umsetzen. Einer meiner Professoren aus Bielefeld half mir zu Beginn dabei, die Organisation aufzubauen. Zunächst haben wir Kindern von Bauern Stipendien für die Schulausbildung gegeben. Dann kam die Zusammenarbeit mit CARE. Über 60 Prozent der Bevölkerung in der Provinz Chimborazo, wo wir arbeiten, gehört zur Volksgruppe der Quechua. Als erstes gründeten wir deshalb ein Haus der Kulturen, eine Begegnungsstätte für Indigenas und Mestizen. Der Name der Organisation, Yachachic, ist Quechua und bedeutet „Zusammen lernen“. Und genau darum geht es uns.


2.) Wie sah es damals in der Provinz Chimborazo aus, als Sie mit Yachachic anfingen, dort zu arbeiten?

Wenn man in die Gemeinden kam, gab es oft nur Hütten und einen Platz. Nirgends sah man Schulgebäude, Gemeindezentren oder andere öffentliche Einrichtungen. Auch die landwirtschaftliche Produktion war schlecht organisiert. Es gab also viel zu tun.


3.) Gab es Konflikte bei den Entscheidungen, was wo unterstützt werden sollte?


Wir haben zunächst Versammlungen abgehalten mit allen Einwohnern. Wir wollten eben nicht, dass die Leute denken, da kommen sogenannte Experten und entscheiden alles für sie. Natürlich ist es schwierig, Prioritäten zu setzen – gerade am Anfang, wenn überall alles fehlt. Aber den Menschen war klar, wie viel Geld zur Verfügung stand und dass sie entscheiden mussten, was als erstes gemacht werden sollte.

 
Auch das gehört zum Erfolg eines Projektes: die Verwaltung der Unterlagen (Foto: CARE/Harth)

Durch mein Studium der Pädagogik und Philosophie kannte ich viele Theorien zur Konfliktvermeidung und Verständigung. Die habe ich dann häufig angewendet. Allerdings war es meistens genau andersrum: Uns fehlten die Konflikte und die Diskussionen! Die Menschen kannten nur paternalistische Strukturen, das heißt sie waren es nicht gewohnt, ihre Position zu artikulieren und waren bei den Versammlungen oft sehr schüchtern. Ich erinnere mich noch mit Schrecken daran, wie mir einmal ein älterer Mann die Hand küsste und von mir als "dem großen Patron" sprach. Genau diese Unterwürfigkeit wollten wir überwinden.


4.) Wie haben Sie das gemacht?

Indem wir immer wieder offen diskutiert haben und den Menschen die Möglichkeit gegeben, zu argumentieren. Wir haben auch eine Referentin für Frauenfragen engagiert, die immer direkt mit den weiblichen Mitgliedern der Gemeinden gesprochen hat. Die Frauen haben sich anfangs bei den Versammlungen hinten versteckt, auch die Kinder blieben stumm. Nach einiger Zeit merkte man die Fortschritte. Die Kinder wurden frecher und die Frauen haben angefangen, sich einzubringen. Leider haben wir auch einige mögliche Führungspersönlichkeiten verloren, wenn Frauen geheiratet haben. Dann konnten sie sich oft nicht mehr engagieren.


5.) Auf welche Erfolge sind Sie besonders stolz?


Es ist toll zu sehen, wie "Dirigenten", also Mitglieder der Gemeinde, die Führungsaufgaben übernommen haben, sich auch politisch engagiert haben. Einige sind sogar bei den Kommunalwahlen angetreten und hatten Erfolg – das macht mich sehr stolz. Andere Mitarbeiter wechselten nach einiger Zeit bei uns auch zu größeren Organisationen. Das zeigt, dass sie qualifiziert sind und durch die Arbeit bei Yachachic viele Kompetenzen erlernt haben.

Auch die verbesserte Lebensqualität in der Region macht mich stolz. Wenn ich heute übers Land fahre, sehe ich Dörfer und erinnere mich: früher waren da nur wenig Häuser, es gab keine Schulen, keine Kirche. Oder ich fahre an grünen Flächen vorbei, wo früher nur Wüste war. Ein Wassergraben kann so viel zum Guten verändern!


Bewässerung für die Landwirtschaft hilft der Gemeinde (Foto: CARE/Harth)


6.) Was gibt es für Schwierigkeiten bei der Programmarbeit?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Entwicklungszusammenarbeit oft zu kurz greift. Nicht unbedingt im Bezug auf die Menge des Geldes, das zur Verfügung steht. Eher hinsichtlich der Zeit. Wir haben zehn Jahre in Chimborazo gearbeitet und viel erreicht. Aber uns fehlten noch ein paar Jahre, um die vielen einzelnen Projekte wirklich miteinander zu verbinden. Die Ungerechtigkeiten gegenüber den Indigenas sind Jahrhunderte alt. Projekte laufen aber selten länger als zehn Jahre.


7.) Sie blicken auf zwanzig Jahre Arbeit für indigene Gemeinschaften in Ecuador zurück, davon zehn Jahre mit CARE. Was erhoffen Sie sich für 2029, also zwanzig Jahre in der Zukunft?

Wir müssen weiter in die Richtung arbeiten, dass alle gleich werden. Das bedeutet gleiche Behandlung, gleiche Möglichkeiten für alle Bevölkerungsgruppen in Ecuador. Wenn ich nach Deutschland komme und in dörfliche Gebiete reise, dann sehe ich, dass es dort alles gibt. Schulen, Telekommunikation und so weiter. Das gleiche wünsche ich mir für die dörflichen Gemeinden der Indigenas, dass sie alles haben, was sie für ein gutes Leben brauchen. Heute gehen alle in die großen Städte auf der Suche nach Arbeit. Auf dem Land bleiben dann nur die Frauen mit den kleinen Kindern. Sie können dann oft nur ein kleines Stück Land bewirtschaften und davon kaum überleben. Es wäre ideal, wenn es auch in den Dörfern irgendwann alles geben würde.


Hintergrund: CARE Deutschland-Luxemburg arbeitet seit mehr als fünfzehn Jahren im Bereich der Gemeinwesenförderung für indigene Gruppen in Lateinamerika. Das besondere daran: Die Gemeinden erarbeiten die Projekte selbst und setzen sie eigenständig durch. So lernen sie auf praktische Weise Fähigkeiten wie Organisationsentwicklung, Rechnungswesen und Evaluierung. Daneben gibt es Rhetorikkurse und Trainings zu politischer Bildung. Mit den Erfolgen in der eigenen Gemeinde steigt auch das Selbstbewusstsein und die Politikbeteiligung der häufig diskriminierten Minderheiten.
Nach Yachachic in Ecuador unterstützt CARE derzeit die Organisation Accíon Andina in Peru.