Chile: „Es ist eine Mammut-Aufgabe“

Interview mit CARE-Mitarbeiter Marten Mylius: Wie ist die Lage vor Ort drei Monate nach dem Erdbeben?

1.) Vor drei Monaten erschütterte ein schweres Erdbeben Chile. Was berichten Ihre einheimischen Kollegen, wie sie den Tag erlebt haben?

Es geschah völlig überraschend mitten in der Nacht. Um genau 3:38 Uhr am Samstagmorgen, den 27. Februar trat eines der stärksten Beben in der Geschichte der Menschheit auf, das sein Epizentrum 100 Kilometer vor der Küstenstadt Concepcion hatte. In der Millionenmetropole Santiago de Chile hatte das Beben immerhin noch eine Stärke von 8 auf der Richterskala. Vielen Menschen und natürlich auch unseren Kollegen hier in Santiago ist das unheimliche Grollen und Knirschen der Erdplatten in lebendiger Erinnerung geblieben. Wie auf hoher See hat sich die Erde unter den Füßen zweieinhalb Minuten bewegt. Wer konnte, ist hinaus gerannt oder hat sich ein sogenanntes "Triangle of Life" im Haus gesucht – also zum Beispiel unter einem Türrahmen Unterschlupf gesucht.

In einer deutschen Großstadt hätte ein ähnliches Beben verheerende Ausmaße gehabt, hier allerdings haben aufgrund der angepassten disziplinierten Bauweise nur wenige Gebäude der Erschütterung nachgegeben. Unsere Kollegen haben wie die meisten Menschen die Nacht im Freien verbracht, da noch mehrere heftige Nachbeben die Stadt erzittern ließen. Weite Teile des betroffenen Gebietes blieben ohne Strom, Telefon oder sogar Wasser und es dauerte Tage und Wochen, bis die Versorgung wieder überall hergestellt werden konnte.

Es sollte allerdings auch nicht unerwähnt bleiben, dass das Erdbeben einen heftigen Tsunami verursacht hat, dem viele Menschen in der betroffenen Küstenregion zum Opfer gefallen sind.

2.) Was war Ihr erster Eindruck, als Sie Anfang April nach Santiago gekommen sind?

Santiago ließ sich äußerlich wenig anmerken, lediglich alte Gebäude wie Kirchen hatten offensichtlich Schaden genommen. Die chilenische Gesellschaft und Politik ächzte allerdings gewaltig unter dem Trauma des Bebens und den Anstrengungen, das Land wieder auf die Füße zu stellen. Vielerorts fanden sich chilenische Fahnen und Schriftzüge, die die Widerstandskraft der Bevölkerung beschwören. (Fuerza Chile! Kraft, Chile!)

Südlich von Santiago in Richtung des Epizentrums konnte man die Zerstörung, die das Beben hinterlassen hat, allerdings nicht mehr übersehen. Straßen und Brücken offenbarten tiefe Risse oder waren komplett unbenutzbar geworden. Ganze Ortschaften hatten sich in Schutthaufen verwandelt. Plastikplanen und Holzverschläge, die sich die Menschen notdürftig zusammengebaut hatten, sah ich in vielen Dörfern.   

3.) CARE hat im Dorf Sauzal unmittelbar nach dem Erdbeben mit der Nothilfe begonnen. Was wurde am Nötigsten gebraucht?

Das Dorf Sauzal befindet sich in einer abgelegenen ländlichen Gegend rund 50 Kilometer vom Epizentrum entfernt. Die Region gehört zu den am stärksten betroffenen Gebieten in Chile. Die meisten der Häuser waren aus einfachen Lehmziegeln gebaut und sind entweder völlig eingestürzt oder nicht mehr bewohnbar. In der unmittelbaren Nothilfephase wurde dringend Nahrung gebraucht, außerdem Gegenstände des täglichen Lebens, die unter dem Schutt der zusammenbrechenden Hauser begraben wurden: Seife, Zahnpasta und -bürsten, Shampoo und Reinigungsmittel aber auch Töpfe, Teller und Besteck.

4.) Chile ist im Vergleich zu anderen Ländern in Lateinamerika weit entwickelt. Braucht das Land überhaupt Hilfe von außen?

Das ist eine höchst interessante Frage, da sie eines der zentralen Probleme in Chile beleuchtet. In der Tat wird Chile als pazifischer Tigerstaat angesehen, der durch stetiges ökonomisches Wachstum in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten den Lebensstandard seiner 17 Millionen Einwohner entscheidend verbessert hat. Mittlerweile führt der Human Development Index Chile als hoch entwickeltes Land. Allerdings werden Ungleichheiten innerhalb eines Landes nicht erfasst. International anerkannte Formen der Berechnung der Einkommensungleichheit innerhalb eines Landes (der sogenannte GINI Koeffizient) zeigen deutlich, dass viele Regionen in Chile von der Entwicklung nur wenig profitieren und die Schere zwischen Arm und Reich erheblich auseinanderklafft.

Zudem gehört das Erdbeben im Februar zu den fünf stärksten, die jemals aufgezeichnet worden sind. Das schiere Ausmaß der Zerstörung hat die Regierung veranlasst, Hilfe von außen zu erbeten. Mehr als 370.000 Häuser sind zerstört oder stark beschädigt worden. Man muss sich vor Augen führen, dass über Nacht mehr als 1,5 Millionen Menschen obdachlos geworden sind. Tausende Schulen sind eingestürzt, Hunderttausende Kinder müssen nun zu Hause von ihren Eltern beaufsichtigt werden.

Es ist eine Mammut-Aufgabe für jeden Staat, solch eine Katastrophe zu meistern. Die chilenische Regierung und ihre Bevölkerung haben eine unglaubliche Energieleistung erbracht und in den ersten drei Monaten nach dem Desaster viel erreicht. Internationale Unterstützung wird aber weiterhin nötig sein.

Verteilung von Hilfsgütern in Sauzal (Foto: CARE/Schwarz)5.) Woran arbeitet CARE in den kommenden Wochen und Monaten?

Wir arbeiten derzeit mit Hochdruck, um den Menschen zu helfen, eine sichere und würdige Unterkunft für den harschen chilenischen Winter im Süden zu erhalten. Temperaturen um den Gefrierpunkt, Regen und starker Wind sind in der Region in den kommenden Monaten zu erwarten, besonders in diesem Jahr, da El Nino mehr Regen als üblich nach Chile bringen wird. Hauptsächlich wird CARE Material zur Verfügung stellen, um Notunterkünfte, die von der Regierung und anderen Organisationen gebaut werden, besser zu isolieren und damit auf die klimatischen Bedingungen im chilenischen Süden abzustimmen.    

6.) Die Partnerorganisation Fundacion Alemana para el Desarrollo war schon vorher in Chile aktiv. Wie funktioniert die Zusammenarbeit? 

Die Zusammenarbeit ist im Grunde eine Wiederbelebung einer langjährigen Partnerschaft, die CARE mit der Fundacion verbindet. Ohne die Hilfe der Fundacion hätte die humanitäre Hilfe nicht in einem derartigen Tempo anlaufen können. Die professionelle Arbeitsweise, die Erfahrung und die tiefe Verwurzelung der Fundacion in der Projektgegend haben unsere Arbeit wesentlich effektiver, schneller und kulturell adäquater gemacht.

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Stichwort: Nothilfe: Chile Erdbeben
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