"Das Erdbeben verändert nicht das Schreiben, aber die Wirklichkeit"

Interview mit Gary Victor, einem der meist gelesenen Autoren Haitis

 

Sie schreiben auf sehr satirische und surreale Art. Woher kommt das?

Das Leben in Haiti ist an sich schon sehr surreal. Und hier hat man schon immer das Imaginäre mit der Realität vermischt. In Haiti befindet man sich eigentlich ständig im Reich der Vorstellung. Und weil es hier so viel Leid gibt, brauchen die Menschen Humor, um sich in diesem schwierigen, feindlichen Umfeld aufrecht zu halten. Alle Haitianer haben diesen Sinn für Humor. Und der hilft ihnen dabei, zurecht zu kommen. Und häufig ist der Humor auch ein Mittel, um die Mächtigen zu kritisieren. Nicht nur in der Politik, sondern auch in den religiösen Institutionen und der Wirtschaft. Man sieht das bei Molière in Frankreich und bei Autoren in vielen anderen Ländern, wie der Humor einen bestimmten Blick, einen sehr scharfen Blick auf die Realitäten erlaubt.


Wie werden Ihre Bücher in Haiti aufgenommen, insbesondere "Der Blutchor"?

Der Blutchor ist eine Sammlung von Erzählungen, die großen Erfolg hatte, vor allem, weil es sehr satirische und scharfe Geschichten sind, mit einem teilweise – ich möchte beinahe sagen – gewalttätigen Blick. Zum Beispiel die Geschichte vom Schwanz des Corneille Soisson, das ist vielleicht die satirischste Erzählung von der haitianischen Gesellschaft, von Haiti allgemein. Oft werde ich gefragt, ob ich nach so einer Geschichte nicht beunruhigt gewesen sei. Aber ich glaube eben an die Kraft des Humors. Das ist übrigens eine Erzählung, die man auf verschiedenen Ebenen lesen kann. Man braucht gewisse hellseherische Fähigkeiten, um zu verstehen, was in dieser Geschichte vor sich geht. Viele Leute haben sicher gar nicht verstanden, was hinter der Erzählung steht. Für mich ist das eine meiner Lieblingsgeschichten. Eine weitere Lieblingsgeschichte ist "Elias und der Mann mit den großen Hörnern". Sie erforscht zum einen die haitianische Fantasie, aber ist gleichzeitig auch eine philosophische Abhandlung über das Verhältnis zwischen Gott und Teufel, und auch zwischen dem Menschen, Gott und dem Teufel. Diese Geschichten werden in Haiti viel gelesen und wir diskutieren viel darüber. Zum einen, weil sie eine sehr spielerische Art haben, gleichzeitig aber auch – ich möchte fast sagen – auf gewisse Art anklagend, denunzierend sind.

Wie stellt sich Ihre Situation momentan dar? Gibt es in Haiti derzeit überhaupt Raum für Kunst und Literatur unter den jetzigen Umständen?

Es gibt immer einen Platz für Literatur. Ich habe immer geschrieben, denn das ist es, was mich am Leben hält. Egal in welchem Land ich bin, ich kann durch die Literatur existieren, das ist mein Leben. Und Haiti ist übrigens ein Land der Kunstschaffenden, ob es die Literatur ist, die Musik, die Malerei oder die Bildhauerei : In diesem Land ist die Gestaltung, das Kreative sehr präsent. Und die Kunst erlaubt es, zu fliehen, sie erlaubt es, zu beobachten, und Kunst kann einen durch Stürme geleiten. Es ist die Kunst, die es uns erlaubt, zu leben.

Wie hat sich Ihr Werk, Ihr Schreibstil nach dem Erdbeben verändert und wird das Auswirkungen auf Ihr neues Buch haben?

Wissen Sie, ich glaube in allen Gesellschaften haben die großen Katastrophen, die großen Kriege... es ist nicht so, dass sie das Schreiben an sich beeinflussen. Aber da die Katastrophen die Wirklichkeit verändern, wird die Literatur natürlich diese Veränderung auch widerspiegeln. Aber die Katastrophen verändern nicht das Schreiben an sich. Wenn ich zum Beispiel Port-au-Prince beschreibe, die Stadt, die sich durch das Erdbeben so verändert hat. Also sobald ich eine Geschichte erzählen will, die in Port-au-Prince spielt, dann ist es klar, dass ich nicht mehr die gleichen Dinge beschreiben werde. Aber ich glaube nicht, dass das Erdbeben die Literatur verändert. Es hat die Wirklichkeit verändert, und wenn ich über die Wirklichkeit schreibe, wird sich das natürlich darin widerspiegeln. Ich kann Port-au-Prince nicht mehr so beschreiben, wie es vorher war, ich muss ein anderes Port-au-Prince in Worte fassen. Also verändert das Erdbeben zwar nicht das Schreiben, aber die Wirklichkeit. Und diese spiegelt sich dann in der Literatur wieder.


Wenn Sie den Menschen, die das Hörbuch "Der Blutchor" kaufen, eine Nachricht übermitteln könnten, was würden Sie sagen ?

Der Blutchor ist eine offene Tür zu einem fremden Ort, hinein in eine andere Vorstellungswelt. Aber an diesem Ort findet man dieselben, bekannten Gefühle. Ob man nun die Geschichte des Kindes nimmt, das missbraucht wird, dieser kleine Junge, der von seinem Vater verlassen wird und sich in seiner Einsamkeit wiederfindet, ich denke, das ist eine universelle Geschichte, und jeder kann sie verstehen. Ich erzähle von menschlichen Gefühlen. Und "Elias und der Mann mit den großen Hörnern", das ist auch eine sehr menschliche Geschichte. Also ist es eine Tür, die sich zu einem anderen Ort öffnet, aber dort findet man dieselbe Menschlichkeit wie überall. Ich biete den Hörern eine Reise an, und die wird sie, wenn ich das so sagen kann, zu bekannten Gefühlen an einem unbekannten Ort führen.