„Das ist ein völlig anderes Kenia…"

CARE-Mitarbeiterin Betty Kweyu schildert ihre persönlichen Eindrücke aus Kisumu

Im Zuge der Präsidentschaftswahlen in Kenia wurden weite Teile des Landes in einen Strudel aus Gewalt gerissen. Insbesondere im Westen Kenias kam es zu blutigen Unruhen zwischen den Stämmen. Unzählige Menschen waren gezwungen zu fliehen und ihre Häuser zu verlassen. Die CARE-Mitarbeiterin Betty Kweyu (30) ist derzeit in Kisumu, um die Hilfe für diese Binnenflüchtlinge zu koordinieren. Hier schildert sie ihre persönlichen Eindrücke.

„Ich arbeite seit Mitte Januar hier in Kisumu. Die Stadt liegt westlich des Rift Valleys und in der Nähe des Viktoriasees. Kisumu ist das Zentrum der Luo, die die drittgrößte Ethnie Kenias bilden. Hier kochte die Wut zwischen den Stämmen besonders hoch. Die Bewohner der Stadt flohen vor den Ausschreitungen. Sie fanden meist Zuflucht bei Freunden oder Verwandten außerhalb des Rift Valleys. Doch viele von ihnen stehen jetzt vor dem Nichts. Ihre Häuser sind niedergebrannt und ihre Geschäfte geplündert. Sie leben meist von nicht mehr als einer Mahlzeit pro Tag. Um das Überleben der Flüchtlinge zu sichern, werden sie von CARE mit Wasser, Nahrungsmitteln, Decken, Seife und Küchenutensilien versorgt. In den Slums von Nairobi und Kisumu sind es etwa 200.000 Vertriebene, die CARE unterstützt.

Die Menschen haben immer noch Angst

In den letzten Tagen habe ich eine Menge Trauer, Leid und Wut gesehen. Die Menschen haben immer noch Angst vor Randalierern, die das Eigentum anderer niederbrennen oder zerstören. Sie fürchten sich davor, nach Einbruch der Nacht noch auf der Straße zu sein. Es gab Menschen, die in ihren eigenen Häusern oder an ihrem Arbeitsplatz überfallen wurden. Solange ich mit Kollegen zusammen bin, fühle ich mich sicher. Aber sobald ich alleine bin, habe auch ich Angst. Die Menschen hier gehen unterschiedlich mit der Anspannung um. Einige haben Netzwerke gebildet, um sich zu warnen, wenn erneut Unruhen ausbrechen. Sobald eine neue Versammlung angekündigt wird, geht diese Information von Mund zu Mund. So ist ein regelrechtes „Frühwarnsystem" aufgebaut worden.

Hoffnung auf Frieden

Ich habe große Bitterkeit und Hass zwischen den verschiedenen Stämmen erlebt. So war es in der Vergangenheit nicht. Die Menschen von Kisumu haben die Angehörigen der anderen Stämme immer willkommen geheißen. Viele haben zu Ehren ihres Stammes einen speziellen Namen bekommen. Mein Nachname „Kweyu" weist darauf hin, dass ich nicht zu den Luos gehöre, die hier in Kisumo ansässig sind. Daher fühle ich mich oft nicht wohl, wenn ich mich Fremden gegenüber vorstelle. Nun heißt es, sie gegen uns. Viele Menschen, die seit Jahrzehnten in ihren Gemeinden leben, fürchten sich nun dort länger zu bleiben. Doch die Unsicherheit und mangelnde Perspektive hindern sie daran ihr Heimatdorf zu verlassen. Sie bleiben und hoffen darauf, dass sich ihre Nachbarn nicht gegen sie wenden.

Dies ist ein völlig anderes Kenia als das, was es noch vor 30 Jahren war. Ich war gewohnt mich frei und sicher überall bewegen zu können. Diese Zeiten sind leider vorbei. Nun muss ich vorsichtig sein. Auf dieses Kenia kann ich nicht mehr stolz sein. Manchmal bin ich deswegen sehr frustriert, denn ich kann nur einen kleinen Anteil leisten, um die herrschenden Zustände zu verändern. Vor ein paar Tagen machte sich eine kleine Delegation von CARE-Mitarbeitern in Nairobi auf, um an der Gedenkstätte Freedom Corner im Uhuru Park zu beten und Blumen niederzulegen. Dieser Ort steht für die Kenianer als ein Symbol für Frieden und Redefreiheit. Mein Kollege, James Gatere, fasste das zusammen, was wir hier alle hoffen: „Lasst uns gemeinsam für das Kenianische Volk einstehen - für das, was uns eint und nicht das was uns trennt!"