Das Schweigen brechen: Eine Äthiopierin gegen weibliche Genitalbeschneidung

Am 6. Februar ist der Internationale Tag gegen Mädchen- und Frauenbeschneidung. Die Geschichte von Abay aus Äthiopien.

Abay war das erste Mädchen in ihrer Gemeinschaft, das „Nein" zur Genitalbeschneidung sagte.

Das Leben der Afar in Äthiopien dreht sich um Rinder, Schafe und Ziegen. Wenn die Tiere Wasser benötigen, ziehen die Menschen weiter durch die staubigen, trockenen Ebenen. Frauen sind oft den ganzen Tag auf den Beinen, sie laufen Kilometer weite Strecken auf der Suche nach Trinkwasser und Materialien für den Bau ihrer Wohnhütten. Die Trockenheit kann tödlich sein, sie richtet über Leben und Tod der Afar. Krankenhäuser gibt es nur wenige, auch Schulen können die Kinder aufgrund des wechselnden Wohnortes nur unregelmäßig besuchen. Ein Drittel aller Kinder erlebt das fünfte Lebensjahr nicht. Etwa 90 Prozent aller Kinder im Pflichtschulalter - vor allem Mädchen - gehen nicht zur Schule.

Von den Älteren beschimpft

Eine Frau hat sich jedoch dazu entschlossen, die Situation der Afar zu verbessern. Abay entwickelt gemeinsam mit CARE ein Bildungs- und Gesundheitsprogramm für ihr Volk. Haben die Älteren der Gemeinschaft die 28-Jährige noch vor einiger Zeit wegen ihres Versuchs, traditionelle Normen zu brechen, verhöhnt, so bringen sie der Pionierin heute Hochachtung entgegen. Denn Abay hilft Frauen, mit ihren Männern offen über Gesundheit und Wohlbefinden zu sprechen. Aber das ist nur ein Teil ihrer Geschichte. Am meisten ist Abay stolz darauf, dass sie Mädchen zu ihrem Recht auf Bildung verhelfen kann.

Abay ist im Wüstengebiet des Awash-Tals aufgewachsen, wo sie die Schafe ihrer Familie beaufsichtigte und ihrer Mutter im Haushalt half. Bis zum Zeitpunkt des wichtigen Beschneidungsrituals verlief ihr Leben wie das aller Frauen in ihrer Gemeinschaft. In der Kultur der Afar ist die Beschneidung von Mädchen fester Bestandteil. Jedes Mädchen musste bislang diese schmerzvolle Tradition über sich ergehen lassen, um die Jungfräulichkeit bis zur Heirat zu garantieren. Oft sind die Mädchen nicht älter als 12 Jahre. Auch Abays Mutter bestand auf die Beschneidung ihrer Tochter. Mit der Unterstützung ihres Taufpaten, der die Gefahren der Beschneidung erkannte, konnte Abay als erstes Mädchen in ihrer Gemeinschaft „Nein" zu diesem traditionellen Ritual sagen.

Verpflichtung und Mut zur Veränderung

Abay verließ daraufhin ihre Familie und zog zu ihrem Taufpaten in die Hauptstadt Addis Ababa. Dort konnte sie die Schule besuchen. Zehn Jahre nachdem sie ihre Mutter verlassen hatte, kehrte sie gemeinsam mit CARE nach Awash zurück. „Zusammen mit CARE wollte ich vor allem Schulen, Wasseraufbereitungsanlagen und Gesundheitseinrichtungen bauen", sagt die Mutter zweier Kinder. Gemeinsam mit lokalen CARE-Mitarbeitern und Gemeindeführern plant sie die Eröffnung von Schulen mit flexiblen Unterrichtszeiten, damit die Kinder sowohl in ihren Familien mithelfen und als auch den Unterricht besuchen können. Doch Abay hat noch eine weitere wichtige Aufgabe: "Ich fühle mich verpflichtet, andere davon zu überzeugen, dass die Beschneidung von Mädchen und Frauen ein furchtbarer Prozess ist", sagt sie. „Ich muss etwas tun, um dieses schreckliche Ritual zu beenden."

Morddrohungen und Prügel

Da sich jahrtausende alte Traditionen nicht so einfach ändern lassen, wurde Abay mehrmals bedroht und sogar geschlagen. Aber sie gab nicht auf. Sie filmte eine Beschneidung und zeigte jedes Detail des blutigen Eingriffes. Als die Älteren die Aufnahme sahen, waren sie schockiert. Männer nehmen nicht an dem Ritual teil – die meisten wissen nicht, was während der Beschneidung mit ihren Töchtern geschieht. Zwei Wochen später traf der Ältestenrat zusammen und stimmte für ein Ende der Beschneidung in ihrem Dorf. Derselbe Mann, der Abay aufgrund ihres Engagements geschlagen hatte, entschuldigte sich daraufhin und bat sie um Vergebung.

Ein weiterer Verdienst von Abay ist die Gründung einer Anti-Beschneidungs-Gruppe. Diese hat heute 100 Mitglieder, die auf die Gefahren der Beschneidung aufmerksam macht und ermutigt, gegen dieses furchtbare Ritual anzukämpfen. Gemeinsam mit CARE hat Abay gezeigt, dass es möglich ist, das Schweigen zu brechen und einen effektiven Dialog über die Abschaffung von genitaler Beschneidung mit den Mitgliedern der Gemeinschaft zu führen. Für die Mädchen, die sich diesem schmerzhaften Ritual täglich unterwerfen müssen, kann diese Diskussion das ganze Leben verändern.