Der Bruder bestimmt, die Schwester gehorcht

Lage afghanischer Frauen 7 Jahre nach dem Sturz der Taliban

Kabul, Oktober 2008- Die 15-jährige Nasrin (wir nennen sie Nasrin, denn wie viele Frauen in Afghanistan, wollte sie ihren richtigen Namen nicht preisgeben) musste die Schule zu Beginn der fünften Klasse abbrechen. „Es ist eine Schande für uns Afghanen unsere Schwester oder Tochter zur Schule gehen zu lassen“, antwortete Nasrins Bruder auf deren Bitte weiter zu  studieren. Als sie ihre Mutter um Rat fragte, wurde Nasrin enttäuscht. „Du solltest akzeptieren, was dein Bruder sagt. Ich kann nichts daran ändern“, war die Antwort ihrer Mutter

Auch die Siebtklässlerin Razia hat Angst vor der Zukunft. „Meine Mutter liegt im Krankenhaus und mein Onkel wird mir und meiner Schwester sicher verbieten weiterhin zur Schule zu gehen, wenn sie stirbt“, befürchtet sie. Ihr Onkel macht sich Sorgen über das Getratsche der Leute. „Für die Dorfbevölkerung ist es eine Schande, dass Mädchen zur Schule gehen”, sagt sie.   

Sicherheitsrisiken, Lehrerinnenmangel und eine hohe Analphabetenrate

In vielen Gegenden Afghanistans werden Mädchen aus der Schule genommen, sobald sie die Pubertät erreichen. Die Ursachen für die schlechte Bildungslage der Mädchen sind tief in der afghanischen Kultur verwurzelt. Viele Eltern lehnen den Gemeinschaftsunterricht von Mädchen und Jungen nach der dritten Klasse ab. Sie fürchten um die Sicherheit der Mädchen im Unterricht wie auch auf dem Schulweg. Außerdem mangelt es an weiblichen Lehrkräften, ohne die Mädchen ab einem bestimmten Alter nicht mehr unterrichtet werden können. Lediglich 18 Prozent der Frauen zwischen 15 und 24 Jahren können lesen und schreiben. Während die Zahl der Grundschulkinder stark steigt, stagniert die Zahl der Schülerinnen.

All diese Faktoren beschränken den Schulbesuch afghanischer Mädchen- und damit ihr Recht auf Bildung.

Soziale Benachteiligung in Familie und Gesellschaft

Auch im Familienleben werden Mädchen und Frauen im Vergleich zu männlichen Familienmitgliedern benachteiligt. Sie bekommen weniger zu Essen, besitzen kein Recht auf das Erbe und haben ein dreimal so niedriges Einkommen wie männliche Verwandte. Frauen sind traditionell Teil der Privatsphäre. Ihre Familie schreibt vor, wann und aus welchem Grund sie das Haus verlassen dürfen. Demzufolge können sie nicht oder nur sehr eingeschränkt am sozialen Leben teilnehmen.  

 „Ich würde so gerne in den Ferien picknicken, aber mein Vater verbietet es mir, weil es nicht sicher genug ist“, berichtet ein 13-jähriges Mädchen. „Ich wünsche mir, dass ich mich eines Tages überall frei bewegen kann, ganz ohne Risiken“, ergänzt sie.

CARE engagiert sich seit einiger Zeit für die Verbesserung der Lebenssituation von Frauen und Mädchen in Afghanistan. In dem Bildungsprojekt von CARE und lokalen Partnern werden derzeit 17,138 Studenten (70 Prozent Mädchen) unterstützt.  Außerdem verschafft CARE Frauen, die als Haupternährer der Familie gelten, Zusatzeinnahmequellen durch Aus- und Weiterbildungen und Viehzuchtprojekte.