Der globale Patient

Der Nachhaltigkeitsgipfel in Rio darf nicht bei der Diagnose stehenbleiben, sondern muss die Behandlung beginnen

Meinungsbeitrag von Karin Kortmann, stellv. Generalsekretärin CARE Deutschland-Luxemburg

Die Diagnose ist simpel, aber alarmierend: Unserem Planeten geht es sehr schlecht. Wir sind heute sogar noch weiter von den Zielen der Nachhaltigkeit entfernt als vor über 20 Jahren. Damals, 1992, fand die erste Konferenz für Nachhaltige Entwicklung in Rio de Janeiro statt, der so genannte „Erdgipfel“. Die Herausforderungen und Lösungen waren bereits bekannt. Und sie sind es bis heute.

Also was hält uns zurück? Es ist weder die Wissenschaft noch die Ressourcen. Um es deutlicher zu sagen: Unsere politischen und wirtschaftlichen Systeme sind maßgeblich daran gescheitert, soziale Ungerechtigkeit zu beseitigen, Armut zu überwinden und Umweltzerstörung zu verhindern. Es fehlt an politischem Willen und Ehrgeiz, um die Lebenszustände von Millionen armer Menschen zu verbessern und die Umwelt zu schützen.

„Nachhaltigkeit passt nicht in Legislaturperioden“

Unser Wirtschaftsmodell, das sich nur auf Wachstum konzentriert, bringt lediglich einer globalen Minderheit Wohlstand: Menschen, die in bereits entwickelten Ländern leben. Wirtschaftliches Wachstum basiert bis heute auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen, und das hat zunehmend zerstörerische Konsequenzen für unsere Umwelt. Macht und Zugang zu Rohstoffen sind auf der Welt sehr ungleich verteilt. Zusammen mit übermäßigem Konsum der industrialisierten Wirtschaft verschärfen sich damit die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit, aber auch die Umweltzerstörung: Lokal durch Rohstoffabbau und Verschmutzung, global durch die Erderwärmung und den daraus folgenden Klimawandel. Nachhaltigkeit aber bedeutet, weit in die Zukunft zu blicken und mögliche Konsequenzen wahrzunehmen, die vielleicht nicht mehr in die eigene Lebenszeit fallen werden, aber zukünftige Generationen betreffen werden. Dieses Denken passt leider nicht in unsere kurzfristigen, von Legislaturperioden geprägten politischen Systeme.

Die Natur als Lebensversicherung

Was Hilfsorganisationen wie CARE besonders besorgt: Die Umweltzerstörung macht viele der bisher erreichten Fortschritte der Armutsbekämpfung rückgängig. Klimawandel, Verlust an biologischer Vielfalt und Zerstörung von Ökosystemen gefährden die Gesundheit des Planeten und sein „natürliches Kapital“, von dem wir Menschen abhängig sind. Man mag es in unserer Gesellschaft, wo Nahrung im Supermarkt scheinbar unendlich verfügbar ist und die Energie sauber aus der Steckdose kommt, ab und zu vergessen: Aber die natürlichen Ressourcen sind für Milliarden von Menschen weltweit die einzige Lebensversicherung. Sie brauchen fruchtbaren Boden, um Getreide anzubauen, Wasser, um sich und ihre Nutztiere zu versorgen und Brennholz, um zu kochen und ihre Wohnräume zu wärmen. Und die größte Arbeitslast fällt dabei Frauen und Mädchen zu. An Entscheidungsprozessen können sie hingegen kaum teilnehmen, häufig bleiben ihnen Landrechte verwehrt.

Wir brauchen also einen radikalen Wandel hin zu einer gerechten und nachhaltigen Entwicklung. Ein solcher Übergang muss die Bedürfnisse der Armen in den Mittelpunkt stellen und unsere Umwelt bewahren. Es mag wie eine unlösbare Aufgabe erscheinen: Den Klimawandel bekämpfen, eine wachsende Bevölkerung ernähren, die Gleichstellung von Frauen und Männern voranbringen.

Aber die Staats- und Regierungschefs, die sich nun bei Rio+20 treffen, dürfen nicht resignieren und den Patienten Erde aufgeben. Auf dem Gipfel steht die vielzitierte „Green Economy“ im Mittelpunkt, also das umweltfreundliche Wirtschaften. Das ist ein Anfang. Aber wir müssen weiter Druck auf unsere Politiker ausüben und sie für ihr Handeln zur Rechenschaft ziehen. Gleichzeitig müssen wir sie darin unterstützen, neue Chancen und Ideen zu nutzen. Eine grünere Wirtschaft ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Aber auch die Medizin begnügt sich nicht mehr mit Teildiagnosen, sie betrachtet den Patienten ganzheitlich. In diesem Sinne sollten wir uns endlich trauen, die richtigen Weichen zu stellen: Wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich – und vor allem solidarisch. Nur so kann die Behandlung des Patienten erfolgreich sein.