„Der Hungertod ist eine fürchterlich schmerzhafte Agonie“

Jean Ziegler stellt neues Buch vor / Interview mit CARE affair Hunger

Bei einer Buchvorstellung in Berlin diskutierten Rita Süssmuth, die Schirmherrin von CARE Deutschland-Luxemburg und der Vorsitzende Heribert Scharrenbroich mit dem Träger des CARE Millenniumspreises Jean Ziegler über dessen neues Buch "Der Hass auf den Westen". Vor über vierzig interessierten Journalisten führte Rita Süssmuth in das Thema Zieglers ein, anschließend leitete Heribert Scharrenbroich eine teils lebhafte Diskussion auf dem Podium der Berliner Bundespressekonferenz. Ziegler ist ein international angesehener und respektierter Kämpfer für das Recht auf Nahrung, er führte lange Zeit das Amt des UN Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung aus.


Interview mit Jean Ziegler im aktuellen CARE affair:

„Der Hungertod ist eine fürchterlich schmerzhafte Agonie“


Herr Ziegler, unsere Welt ohne Hunger: Eine Utopie?
Keine Utopie, gar nicht. Unser Planet quillt über vor Nahrung und Reichtum. Der Ernährungsbericht der Welternährungsorganisation (FAO) nennt schreckliche Zahlen: Alle 5 Sekunden verhungert ein Kind; über 20.000 Menschen sterben jeden Tag am Hunger; 963 Millionen Menschen sind permanent schwer unterernährt. Doch derselbe Report sagt aus, dass die Weltlandwirtschaft in der heutigen Entwicklung ihrer Produktionskräfte zwölf Milliarden Menschen, also das Doppelte der Weltbevölkerung, normal ernähren könnte. Ein Kind, das jetzt, während wir reden, an Hunger stirbt, wird also ermordet.

Sie waren Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen. Was machen Sie heute?
Ich war acht Jahre lang Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen (UNO) für das Recht auf Nahrung, vom Jahre 2000 bis 2008. Jetzt bin ich gewählt worden in den beratenden Ausschuss des UNO-Menschenrechtsrates, der kontrolliert, dass keiner der 192 Staaten der UNO die universellen Menschenrechte verletzt. Dort bin ich speziell für die wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechte zuständig.

Sie sind weit gereist, haben den Hunger mit eigenen Augen gesehen. Können Sie ihn uns beschreiben?
Die Art und Weise, wie Menschen an Hunger sterben, ist überall auf der Welt gleich. Die sozialen und wirtschaftlichen Gründe aber, die zur Zerstörung eines Menschen durch den Hunger führen, sind vielfältig. Ein Mensch kann, sei es in der Mongolei, in Guatemala oder im Niger, etwa zehn Tage, vorausgesetzt er hat etwas Wasser, ohne Nahrung überleben. Doch dann setzt die Agonie ein. Zuerst bricht das Immunsystem zusammen. Dann kommt der Muskelschwund, die Infektionen in den Atemwegen, dann fallen die Menschen hin, können sich nicht mehr aufrecht erhalten, liegen da im Staub, komplett wehrlos. Und dann kommt der Tod. Der Hungertod ist eine fürchterlich schmerzhafte Agonie. Es ist kein Verlöschen, sondern der Körper kämpft mit seinem Nerven-, Muskel-, Immunsystem gegen den Zerfall. Dieser Kampf ist ein wirklich schmerzhafter Todeskampf. Was jedoch besonders schlimm ist beim Hunger, ist die biologische Reproduktion.

Können Sie das genauer erklären?
Auf dem Hunger lastet ein historischer Fluch. Millionen unterernährte Frauen gebären jedes Jahr Millionen durch die Unterernährung schwerstgeschädigte Kinder. Diese Kinder sind schon im Mutterleib unterernährt, denn sie bekommen keine Nährstoffe und nach der Geburt keine Milch. Wenn Sie oder ich in der Sahara einen Unfall haben, so können Sie bis zu zehn oder zwölf Tage mit Wasser überleben. Wenn dann ein Helikopter oder eine Tuaregkarawane Sie rettet, so können Sie mit intravenöser Ernährung wieder zu einem normalen Leben zurück kehren. Ein Kind aber, das bis zu seinem fünften Lebensjahr keine adäquate Ernährung bekommen hat, ist ein Krüppel fürs Leben.
Selbst wenn in seiner späteren Entwicklung etwas Großartiges passiert, wenn etwa der Vater plötzlich Arbeit findet und es mehr Geld für Essen gibt; das Kind käme nicht mehr zu einem normalen Leben zurück. Denn nur in den ersten fünf Lebensjahren entwickeln sich die Gehirnzellen. Wenn die Gehirnzellen nicht richtig entwickelt sind, hat das Kind kein Leben, es kennt nur Diskriminierung und Schmerz. Im Jargon der UNO heißt das „silent hunger“, der „stille Hunger“. Keiner sieht ihn. Er ist keine plötzliche Hungersnot, sondern ein Fluch, der sich von Generation zu Generation fortsetzt. Diese schreckliche Kette der Verdammung muss unterbrochen werden.
 
Was sind die Gründe für den weltweiten Hunger?
Die Kausalitäten, die zum Hunger führen sind sehr vielfältig. Man muss auch unterscheiden zwischen zwei Kategorien von Menschen. Zwischen denjenigen, die Nahrungsmittel produzieren und denjenigen, die ihr Essen kaufen müssen, um zu überleben. Die ländliche Bevölkerung ist immer noch in der Mehrheit auf unserem Planeten. Für die Bauern ist die Auslandsverschuldung ihres Heimatlandes eine ganz schlimme Geißel. Im Dezember 2008 betrug die kumulierte Auslandsschuld der 122 Länder der dritten Welt 2100 Milliarden Dollar. Das heißt, dass die ärmsten Länder, auch wenn sie etwas beim Export verdienen, fast alles an die Gläubigerbanken und die Industriestaaten als Zinszahlungen und Amortisation abgeben. Es bleibt kaum Geld für Investitionen, beispielsweise in die Landwirtschaft.
Vier Prozent des Bodens in Schwarzafrika sind bewässert, in Asien sind es 38 Prozent. Die meisten Agrarvölker in Afrika oder auch im Andenhochland Südamerikas sind vom Regen abhängig und somit der Meteorologie komplett ausgeliefert. Sie haben selten Zugtiere, keinen Dünger, keine Bewässerung, sie leben wie im Neolithikum. Und deswegen ist auch die Produktivität so gering. Ein Beispiel: In der Sahelzone gibt ein Hektar etwa 600 oder 700 Kilo Getreide. In Baden-Württemberg sind es zehn Tonnen. Das liegt aber nicht daran, dass der afrikanische Bauer weniger arbeitet oder weniger kompetent ist als der deutsche Bauer. Sondern weil der deutsche Bauer Traktoren, gutes Saatgut und Dünger hat. Doch diese Dinge können sich viele afrikanische Staaten aufgrund ihrer Verschuldung nicht leisten.

Inwiefern ist die europäische Agrarpolitik schuld am Hunger?
Die Europäische Union (EU) macht eine arrogante, mörderische Agrarpolitik. Letztes Jahr haben die Industrienationen im Schnitt 349 Milliarden Dollar ausgeben, praktisch eine Milliarden pro Tag, für Produktions- und Exportsubventionen an ihre Bauern. Wenn Sie jedoch heute einen afrikanischen Markt besuchen, beispielsweise den Sandaga-Markt im Senegal, der größte, schönste, farbigste, lärmigste Markt in Westafrika, so können Sie dort deutsches, italienisches, portugiesisches Gemüse und Früchte zur Hälfte oder zu einem Drittel der Preise entsprechender afrikanischer Agrarprodukte kaufen. Und ein paar Kilometer weiter rackert sich der senegalesische Bauer mit seiner Frau und seinen Kindern unter brennender Sonne, zwölf Stunden täglich, auf seinem Feld ab und hat nicht die geringste Chance auf ein Existenzminimum. Von 53 Staaten Afrikas sind 37 reine Agrarstaaten. Das Agrar-Dumping der EU ist absolut mörderisch. Und dann wundert sich die EU und mobilisiert Kriegschiffe, um die Hungerflüchtlinge, die über den Atlantik oder durchs Mittelmeer kommen, abzuwehren. Die Menschen versinken zu Hunderten im Meer. Da ist eine unglaubliche Arroganz, ein Zynismus der EU-Kommission am Werk.

Was ist die Lösung für diese Ungerechtigkeit?
Die große Hoffnung ist die Zivilgesellschaft, sind Organisationen wie beispielsweise CARE. Die Kinder, die im Darfur oder anderen Teilen der Welt sterben, stimmen nicht in unseren Wahlen ab, sie sterben schließlich nicht am Kurfürstendamm. Da kann nur die Zivilgesellschaft, die nach dem moralischen Imperativ funktioniert, zur Stimme der sterbenden Kinder werden. Ich will ein Beispiel nennen: Am Sonntagnachmittag den 12. Oktober 2008 sind Kanzlerin Merkel und der französische Präsident Sarkozy in Paris mit den Vertretern der 15 Euro-Länder zusammengekommen. Merkel und Sarkozy verkündeten anschließend in der Pressekonferenz, sie hätten 1.700 Milliarden Euro freigestellt für den Interbankenkredit der Euroländer. In derselben Woche hat Frankreich etwa die Hälfte seiner Beiträge für die humanitäre Soforthilfe gestrichen. Andere europäische Staaten haben das gleiche getan. Demgegenüber stehen 2,2 Millionen Menschen, die in den Flüchtlingslagern im Darfur leben, dort, wo ein schrecklicher Völkermord herrscht. Die UNO hat völkerrechtlich die Verpflichtung, diese Menschen am Leben zu halten. Doch sie verteilt jetzt Rationen, die pro Tag 700 Kalorien unter dem von ihr selbst definierten Existenzminimum liegen. Die UNO organisiert die Unterernährung, die langsame Agonie von Frauen, Kindern, Männern. Das Welternährungsprogramm der UNO hat wegen der Wirtschaftskrise, die die Industriestaaten geschwächt hat, über 40 Prozent seiner Kaufkraft verloren. Die Ackermanns dieser Welt und all die Spekulanten, die die Finanzwelt ruiniert haben, sind direkt verantwortlich für den Tod der Kinder im Darfur. Deshalb brauchen wir einen Strafgerichtshof für internationale Wirtschaftsverbrechen.

Was können wir, kann jeder Einzelne, konkret unternehmen?
Deutschland ist die größte und lebendigste Demokratie Europas. Es ist dazu die drittgrößte Wirtschaftsmacht dieser Welt. Alle Kausalitäten, die zum Hunger führen, sind von Menschen gemacht. Sie können also auch umgestoßen werden durch demokratische Mobilisation. Der deutsche Stimmbürger kann vom Finanzminister verlangen, dass er bei der nächsten Generalversammlung des Weltwährungsfonds (IWF) in Washington für die sterbenden Kinder, also für die Entschuldung der ärmsten Länder, und gegen die Interessen der Gläubigerbanken in Berlin, Zürich, London, Frankfurt stimmt. Deutschland hat einen großen Einfluss im IWF. Das können wir, als Wähler, verlangen. Das Agrar-Dumping, die Zerstörung der afrikanischen Agrarlandschaft durch Exportsubventionen der EU wird beschlossen und alle sechs Monate bekräftigt vom EU-Ministerrat. Da hat die deutsche Landwirtschaftsministerin eine ganz wichtige Stimme. Wir können demokratisch von ihr verlangen, dass Deutschland für die sofortige, ersatzlose Abschaffung der Exportsubventionen stimmt. Hunderte Millionen Tonnen Getreide und Mais werden jährlich von den Industrienationen – insbesondere den USA – zur Herstellung von Bioethanol und Biodiesel verbrannt. Wir können die Umwandlung von Nahrungsmitteln in Treibstoff für unsere Autos per Gesetz verbieten. Alles hängt von uns ab, in der Demokratie gibt es keine Ohnmacht. Es gibt auch keine Ausreden.

Was treibt Sie an in Ihrem unermüdlichen Kampf? Sie könnten doch sicher ein viel geruhsameres Leben als Universitätsprofessor genießen.
Wenn man sieht was ich sehe, wenn man die halb verhungerten Kinder sieht, wenn man die Frauen sieht, die mit 30 aussehen als wären sie 80 Jahre alt, mit ausgestorbenen Blicken, zermürbt, und man hat ein UNO-Mandat und eine analytische Vernunft, die ausgebildet wurde weil man in Europa geboren ist, dann muss man doch kämpfen. Sonst kann man sich ja nicht mehr im Spiegel ansehen.

 

Gerne können Sie CARE affair herunterladen oder bestellen bei:

Sandra Bulling
Stellv. Pressesprecherin
bulling(at)care.de
0228 – 975 63 464

Hier finden Sie alle vier Ausgaben AIDS, Wasser, Lernen und Hunger.