Der Laune des Flusses ausgesetzt

Nach dem Wirbelsturm in Vietnam: Eine Familie vor den Trümmern ihrer Existenz

In unseren Breitengraden wünscht sich jeder ein Haus mit Seeblick. In Vietnam kann genau das tödliche Konsequenzen haben.

Am frühen Nachmittag des 29. September fegte der Wirbelsturm Ketsana über die Provinz Quang Nam in Vietnam hinweg, er erreichte eine Geschwindigkeit von über 150 Stundenkilometern. Die Straße des Küstenortes Danang ist voller Schutt und Müll, der Asphalt rissig und Werbetafeln zerrissen wie von einer großen Klaue.

Ein Leben mit dem Wasser

Nguyen Thu Tung spricht darüber, wie Ketsana ihr Hab und Gut zerstört hat. Sie trägt einen spitzen Hut mit breiter Krempe und um ihren Mund herum sieht man die Spuren davon, dass sie ihr Leben lang Betelnüsse gekaut hat. Sie ist 69 Jahre alt und sehr schmal und drahtig, gekennzeichnet von einem Leben harter Arbeit. Ihr kleines Haus liegt direkt am Fluss, dort wohnt sie mit ihrem Sohn und sechs anderen Familienangehörigen.

Fluten gehören hier zum Alltag. Auch wenn das Wasser ruhig ist, schwappt es regelmäßig an Thu Tungs Hauswand. Ketsana sei aber das Schlimmste, was ihnen je passiert ist, so berichtet die Familie.

Der Wirbelsturm brachte drei Tage starken Wind und Regenfall, der die Häuser noch weiter zerstörte und den Fluss aus seinem Bett treten ließ. Thu Tung und ihre Familie hatten kaum Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Sie kletterten auf ein Bett auf Stelzen in ihrem Haus, eine Art Floß, an dem sie sich dann einen Tag und eine Nacht festgehalten haben. Zu Essen hatten sie nur Erdnüsse und getrocknete Nudeln. Der Wasserpegel stieg weiter an und der Wind rüttelte heftig am Dach. Thu Tung zeigt auf einen kleinen Flecken an der Wand, wie ein Abdruck in einer Badewanne. Bis hierhin stieg das Wasser, fast 2,50 Meter hoch.

Bilanz: 21 Hühner und drei Schweine sind verloren

Inzwischen ist der Flusspegel wieder gesunken und das trübe braune Wasser verrät nichts über die Zerstörung, die es gebracht hat. Durch das beschädigte Dach sieht man blaue Flecken am Himmel, denn die Regenwolken sind weitergezogen. Es ist ein typisches Haus für diese Region: Ein kleiner Raum und ein Hinterhof, gut gepflegt von den Bewohnern aber kaum geschützt vor der Umwelt. Thu Tung und ihre Familie leben von der Hand in den Mund. Sie haben ein kleines Stückchen Land von der Regierung bekommen, auf dem sie Reis anpflanzen. Es ist ein täglicher Kampf um ausreichend Nahrung, einer ihrer Enkel verdient zusätzlich knapp 30 Euro als Hilfsarbeiter. Vier Hühner laufen im Hof herum. Vor dem Taifun waren es 25, dazu drei Schweine. Insgesamt hat die Familie Besitz im Wert von mehr als 400 Euro verloren. Das ist ein Vermögen in diesen Breitengraden.

Die Nachbarn helfen aus

Seit fünf Tagen gibt es keinen Strom, aber die Familie kann mit Holz kochen. Trinkwasser kommt noch aus der Leitung, aber der Brunnen für Nutzwasser ist verseucht. Thu Tungs Enkel schöpft Wasser in einen Eimer und zeigt, wie verdreckt es ist. Die Regierung wird wohl kommen und es mit Chemikalien säubern, aber solange helfen die Nachbarn aus. Es ist dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, dass der Familie gerade besonders hilft. „Gemeinsam werden wir die Schäden des Wirbelsturms reparieren.“