"Die Klinge an meinem Hals"

Gewalt an Frauen in Haiti: Die Geschichte einer Überlebenden

übersetzt von Johanna Mitscherlich

Seit dem Erdbeben gibt es kein fließendes Wasser mehr. Da Tania das älteste von vier Kindern ist, muss sie deshalb jeden Tag Wasser vom Brunnen holen, der etwa einen halben Kilometer entfernt ist.  
Einmal, als sie sich vom Brunnen entlang der einsamen Straße auf den Weg nach Hause machte, fühlte sie eine scharfe Klinge an ihrem Hals. Sie drehte sich um und lächelte, in der Annahme, dass sich jemand einen schlechten Witz erlaubt. Vor ihr stand der Freund einer Freundin – doch es war ihm todernst. Er drohte ihr: „Wenn du dich auch nur einen Zentimeter bewegst oder einen Ton von dir gibst, dann schneide ich dich in Stücke. Ich will jetzt Sex, und zwar mit dir. Entweder lässt du mich, oder du bist tot.“

„Er hat mir mein T-Shirt vom Leib gerissen und meine Handgelenke damit gefesselt“, erzählt Tania. „Er hat so lange mit dem Griff seiner Machete auf mich eingeschlagen, bis ich ohnmächtig geworden bin.“

„Ich will mich nicht erinnern“

„Ich kann mich nicht mehr erinnern, was danach passiert ist. Ich will mich auch nicht daran erinnern. Als er fertig war, hat er mir die Fesseln abgenommen. Er hat mich immer noch mit der Machete bedroht und mir befohlen, aufzustehen. Alles um uns herum war dunkel. So schnell ich konnte, bin ich weggelaufen.“

Tanias Mutter, die sich Sorgen machte, war losgezogen um ihre Tochter zu suchen. Tania rannte in ihre Arme. Gemeinsam gingen sie sofort zur Polizei.

„Nachdem er meine Aussage aufgenommen hat, riet der Polizist mir, mich nicht zu waschen und sofort im nächsten Krankenhaus einen Test machen zu lassen, um den Vergewaltiger überführen zu können. Der Polizist hat mir zu meinem Mut gratuliert.“

Die darauffolgende Nacht war der reinste Albtraum für Tania. Jedes Mal, wenn sie ihre Augen schloss, fühlte sie die Eisenklinge an ihrem Hals, den Atem ihres Peinigers und das Gewicht seines Körpers.

„Sag, dass unser Sohn unschuldig ist!

Das schwerste, so erzählt Tania, war der Besuch der Eltern ihres Vergewaltigers. Sie boten ihr Geld an, boten ihr alles an, nur damit sie den Richter bittet, etwas milder mit ihrem Sohn zu sein. „Sie haben mir tatsächlich gesagt, ich solle dem Richter sagen, es sei nicht die Schuld ihres Sohnes gewesen!“

Es dauerte lange, bis Tania verstanden hat, dass sie keine, aber überhaupt keine Schuld trifft. Ihre Eltern waren dabei eine große Hilfe. „Ich dachte, ich wäre die Einzige, die so etwas Schreckliches durchleben musste. Aber im Krankenhaus gab es viele Mädchen, denen genau das Gleiche passiert ist. Erst da habe ich verstanden, warum der Polizist so sehr darauf bestanden hat, dass ich den Mann anzeige.“

Tania hat den Mann angezeigt. Und sie wird vor Gericht ziehen. Sie möchte erreichen, dass kein anderes Mädchen auf dieser Welt von ihrem Vergewaltiger noch einmal belästigt werden kann. „Ich will, dass meine Aussage anderen Mädchen hilft, die in der gleichen Situation sind. Sie sollen wissen, dass sie nicht alleine sind, und dass Schweigen gefährlicher sein kann, als für seine Rechte einzustehen.

 

Lesen Sie hierzu auch unser Dossier rund ums Thema Gewalt an Frauen

Inhalte des Dossiers:

Sambia: Geschlagen, nicht gebrochen

Burundi: Von der Rebellin zur Geschäftsfrau

Georgien: Die entführte Braut

Sambia: Eine Geschichte mit Happy-End

16 Fakten zu Gewalt an Frauen

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