Die Klinik jenseits des Flusses

In den ländlichen Gebieten von Haiti entscheidet der Zugang zu medizinischer Versorgung über Leben und Tod.

Der süßliche Geruch von Krankheit liegt in der Luft, gemischt mit dem von feuchten Möbeln, Desinfektionsmittel und menschlichem Leid. Ein Krankenhausbesuch ist überall auf der Welt nur in wenigen Fällen ein schönes Erlebnis. In Haiti, wo es so gut wie kein öffentliches Gesundheitssystem gibt und wo Kliniken und Gesundheitszentren schlecht ausgerüstet sind, ist es eine besonders schwierige Erfahrung.

Den Kliniken ist es fast unmöglich, alle Patienten zu versorgen. Seitdem die Cholera im Oktober ausbrach und sich schnell im ganzen Land verbreitete, platzen die Krankenstationen aus allen Nähten. Es fehlt es an Personal und Zubehör, aber auch an ausreichendem Platz, um Patienten mit Cholerasymptomen zu behandeln. Damit sich andere Patienten nicht anstecken, sollten sie so wenig wie möglich mit anderen Patienten in Kontakt kommen.

Erna St. Louis ist die Oberschwester im Gesundheitszentrum in Arnaud. Ein breiter, passend Grande Rivière (großer Fluss) genannter Fluss, trennt diese Gemeinde vom Rest des Département Nippes. Wenn der Wasserpegel ansteigt, ist es völlig unmöglich, auf die andere Seite zu kommen. Nur an manchen Tagen können Autos, Esel und Menschen mit viel Mühe überhaupt noch den Fluss überqueren.

Es ist diese Abgelegenheit, die den Zugang zu medizinischer Behandlung schwierig macht und an der die Behandlung der Cholera so häufig scheitert.

CARE unterstützt die Gesundheitsbehörden mit medizinischen Hilfsgütern

Als die Zahl der mit Cholera infizierten Menschen in Nippes immer weiter anstieg, brauchten die Gesundheitsbehörden dringend Unterstützung. CARE half mit der Lieferung von medizinischen Hilfsgütern, die an besonders schwer erreichbare Gemeinden verteilt wurden. Wichtig zur Behandlung von Cholera sind orale Rehydrationssalze, sterile Nadeln, Wasserreinigungstabletten, Medikamente wie Antibiotika und anderes Zubehör wie zum Beispiel Gummihandschuhe. All das befand sich daher in den Cholera-Kits, die CARE auch nach Arnaud versendete.

„Viele Menschen wollen nicht wahrhaben, dass sie an Cholera erkrankt sind“, erklärt Schwester Erna und zeigt auf einen Patienten, der im Untersuchungsraum der Klinik liegt. „ Viele schieben ihre Beschwerden auf eine schlechte Verdauung, manche sprechen sogar von Durchfall-Zombies“.

Das soll bedeuten, dass die Menschen von bösen Geistern heimgesucht werden, die hinter den Symptomen stecken“, sagt sie. Am 16. November, einen Monat nach dem Ausbruch der Cholera in Haiti, wurde der erste Cholerafall in Arnaud gemeldet. In den darauffolgenden zwei Monaten verzeichnete das Gesundheitszentrum von Arnaud 118 Krankheitsfälle und sechs Tote. Diese Todesrate von fünf Prozent liegt damit weit über dem Landesdurchschnitt von zwei Prozent.

Viele Patienten wollen ihre Erkrankung nicht wahrhaben

Jean-Robert Emil ist erst 43 Jahre alt, aber sein magerer Körper scheint zwischen den weißen Laken des Krankenhausbetts zu verschwinden. Er ist zu schwach, um lauter zu sprechen und kann nur noch flüstern, während er ins Leere starrt.

Seine Schwester und seine Nichte haben ihn hergebracht. Dafür mussten sie die Nachbarn fragen, ihn auf einem Sessel fast zwei Stunden lang zur Krankenstation zu tragen. Hier ist er jetzt sicher und bekommt die lebensrettende Lactatlösung, die seinen geschwächten Körper mit der notwendigen Flüssigkeit versorgt. Aber dass er Cholera hat, will er immer noch nicht akzeptieren.“ Wir wollten ihn zu den anderen Cholerapatienten ins Zelt bringen, aber er hat sich geweigert“, sagt Erna. Ihre Kollegin Elma Féguière tauscht die leere Infusionsflasche aus. Jean-Robert wird noch einige Zeit brauchen, bis er sich wieder erholt hat. Hoffentlich wird er sich bis dahin auch mit seiner Krankheit abfinden.

Das Cholerazelt steht ganz hinten auf einem Feld hinter dem Krankenhaus, weit weg von den Blicken der Öffentlichkeit. Am Anfang war die Gemeinde strikt dagegen, dass das Krankenhaus ein Zelt aufstellt. Angst und Fehlinformationen zum Thema Cholera sind in vielen Teilen Haitis immer noch weit verbreitet. Die Menschen aus dem Dorf, Esel und Kinder benutzen den matschigen Weg, der zu den Zelten führt. Nachts ist es schwierig für die Krankenschwestern sich ohne Taschenlampe zurechtzufinden, aber das Krankenhaus kann die etwa 2,50 Dollar für die Lampen nicht aufbringen. Im Zelt liegen fünf Patienten auf einfachen Krankenbetten, auch sie bedeckt mit weißen Laken, auch sie schwach und ausgelaugt wie Jean-Robert. Jeder von ihnen hängt am Tropf.

Nur ein einziges Mal hat Hérlande nicht richtig aufgepasst

Dem jungen Mädchen ganz links scheint es schon wieder etwas besser zu gehen. Hérlande St. Louis ist 21 Jahre alt und vor drei Tagen fühlte sie die ersten Symptome. Am nächsten Tag suchte sie eine Dreiviertelstunde nach einem Motorrad, das sie zur Klinik fahren konnte. „Ich habe immer auf sauberes Wasser geachtet“, betont sie. „Aber an einem Tag habe ich mein Gesicht mit unbehandeltem Wasser gewaschen. Etwas davon muss mir in den Mund geraten sein.“

Ihre Mutter ist Hérlande seit ihrem Aufenthalt in der Krankenstation nicht von der Seite gewichen. Während sie darauf wartet, dass es ihrer Tochter wieder besser geht, erhält sie Informationen darüber, wie sie während der täglichen Hausarbeit der Cholera vorbeugen kann. Und auch Hérlande will ihren Teil dazu beitragen: „Wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich jedem erklären, wie ich mich angesteckt habe und wie wichtig es ist, sich die Hände zu waschen und das Wasser reinigen.“

CARE leistet besonders in ländlichen Gegenden medizinische Versorgung

Die CARE-Mitarbeiter arbeiten unter Hochdruck daran, auch in den abgelegenen Gegenden Haitis so viele Menschen wie möglich über Vorsorge- und Hygienemaßnahmen aufzuklären. CARE hat in einigen ländlichen Gebieten, wo der Zugang zu medizinischer Versorgung besonders schwierig ist, damit begonnen, so genannte ORS-Stationen aufzustellen. Diese Stationen werden von der Gemeinde gewartet und mit oralen Rehdrationssalzen (ORS) ausgestattet. Die Salze bewirken, dass Patienten mit Cholera-Symptomen ihren Flüssigkeitsverlust so schnell wie möglich wieder ausgleichen können, bis sie eine Klinik erreichen.

Doch so lange die medizinische Versorgung knapp bleibt, ist für die meisten Haitianer auf dem Land das Wissen darum, wie man eine Ansteckung verhindert, immer noch die wirksamste Waffe im Kampf gegen die Cholera.