“Die Narben bleiben”

Zum Weltflüchtlingstag: Interview mit dem Ugander Derreck Kayongo, der in den USA eine neue Heimat gefunden hat

Als er zehn Jahre alt war, floh Derreck Kayongo aus seiner Heimat Uganda vor dem Regime von Idi Amin. Er lebte zehn Jahre als Flüchtling in Kenia, bevor er in die USA auswanderte. Heute arbeitet Derreck bei CARE als Koordinator für Advocacy mit zivilgesellschaftlichen Gruppen daran, die Politik an ihren Auftrag zur Armutsbekämpfung zu erinnern.

1.) Am 20. Juni gedenkt die Welt den Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Was bedeutet dieser Tag für Sie, der selbst einmal ein Flüchtling war?

Als ehemaliger Flüchtling bringt mir der 20. Juni sowohl gute als auch schlechte Erinnerungen an meine Zeit in Kenia. Einerseits ist es berührend, dass ein Land wie Kenia meine Familie und mich aufgenommen hat und wir aus Uganda dorthin fliegen konnten. So wurden wir vor dem grausamen Regime von Idi Amin gerettet.

Andererseits kämpft man als Flüchtling mit einer ganz bestimmten Trauer, die von mehreren Seiten kommt. Zum einen ist da ein profundes Gefühl von Verlust – des Landes, der Familie, der Freunde, des Eigentums. Dazu kommt Hoffnungslosigkeit. Und dann auch Angst, die langsam in einem hochsteigt. Die Erinnerung daran, wie man vor den Schüssen, der Gewalt und dem Tod davonrennt, dieses Gefühl bleibt für immer.

Die Emotionen werden ein Teil des Lebens, wie ein Paket, das man mit sich trägt. Die Narben bleiben. Aber am 20. Juni haben wir die Möglichkeit, unsere Erfahrungen bewusst wieder in Erinnerung zu rufen. Und mit ein bisschen Mut können die Angst und die Narben in den Hintergrund treten und man beginnt eine neue Reise. Für mich bedeutete das, in den USA eine Familie zu gründen. Gleichzeitig bemühe ich mich, meine Brüder und Schwestern in Uganda zu unterstützen. Diese Arbeit ist für mich eine Art Vergebung für all die Verletzungen, die mir und anderen Ugandern damals zugefügt wurden.

2.) Wenn Sie gefragt werden, wie Sie in die USA gekommen sind, wie lautet Ihre Antwort?

Ich bin mit der Hilfe Gottes in die USA gekommen! Ich wurde in Kenia von Missionaren erzogen und sie halfen mir dabei, ein Stipendium für eine Schule in Amerika zu bekommen. So kam ich hierher.

3.) Was sind Ihre lebhaftesten Erinnerungen an das Leben als Flüchtling in Kenia?

Am deutlichsten bleibt das Gefühl, nicht in seiner eigenen Kultur zu sein. Ich musste bestimmte soziale Umgangsformen lernen, die in Kenia üblich waren. Das hat eigentlich auch viel Spaß gemacht. Schwieriger war die Tatsache, dass wir kaum Geld hatten. Meine Familie gehörte in Uganda zu der privilegierten Gesellschaftsschicht. Ich wusste damals nicht, dass viele Menschen ohne die selbstverständlichsten Dinge leben müssen, wie Seife, Zucker, Schulgeld und so weiter. Ich sah, wie hart meine Mutter arbeiten musste, um essen auf den Tisch zu bringen und uns auf diesem sinkenden Schiff über Wasser zu halten. Nachts hörte ich oft, wie sie weinte und dann kamen mir selbst die Tränen. Denn ich konnte ihren Schmerz und ihr Leid nicht lindern.

4.) Können Sie Geschichten von anderen Flüchtlingen und/oder Familienangehörigen erzählen? Welche Unterstützung hat ihnen am meisten geholfen und wo gab es Schwierigkeiten?

Flüchtlinge in Kenia (Foto: CARE/Courbet)

Für uns Flüchtlingsfamilien war es immer besonders schwierig, wenn jemand starb. Wir mussten einen Platz finden, um die Person zu beerdigen und genügend Geld auftreiben, um die Beerdigung zu bezahlen. Wenn jemand schwer erkrankte, machte sich die Gemeinschaft immer große Sorgen, dass sie die Medikamente nicht bezahlen kann und der Erkrankte sterben muss. Wir wurden oft diskriminiert, weil wir fremd waren, und manchmal waren die Spannungen so groß, dass wir uns als Kenianer ausgegeben haben. Das Gefühl der Unsicherheit ähnelte dann unseren Erfahrungen in Uganda auf erschreckende Weise. Wir hatten furchtbare Angst, entdeckt zu werden und mussten noch vorsichtiger sein.

5.) Sind Sie jemals in Ihre Heimat zurückgekehrt und wenn ja, was haben Sie dort angetroffen?

Als ich das erste Mal in meine Heimatstadt Kampala zurückgekommen bin, wurde mir kurz vor der Landung richtig schlecht. Ich musste weinen, denn der Krieg hat so tiefe Wunden in unserem schönen Land hinterlassen. Die Armut hat mich damals am schwersten getroffen und das ist bis heute so geblieben. Ohne Organisationen wie CARE würden die meisten Menschen überhaupt kein Sicherheitsnetz haben.

6.) Heute arbeiten Sie für CARE daran, Armut zu bekämpfen und Nothilfe zu leisten. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von einer neuen Flüchtlingskrise irgendwo auf der Welt hören?

Es ist unglaublich deprimierend, sich vorstellen zu müssen, dass diese Menschen zu Flüchtlingen werden. Nachdem ich amerikanischer Staatsbürger geworden bin, fand ich allerdings auch heraus, dass Krieg nicht der einzige Grund zur Flucht ist.

Heute zwingt der Klimawandel viele Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Naturkatastrophen machen Menschen zu Flüchtlingen, genauso wie extreme Armut. Ich habe auch gelernt, dass die globale Gemeinschaft etwas für diese Menschen tun kann, und zwar auf vielen Ebenen. Zum Beispiel hat CARE sich darauf spezialisiert, Menschen in einer humanitären Krise mit dem Notwendigsten zu versorgen. Und wenn dann alles gut läuft, kehrt ein Stück Normalität in das Leben der Menschen zurück. Dazu ist finanzielle Hilfe notwendig: Unsere Unterstützer helfen uns mit Geld, und wir kümmern uns dann um die Betroffenen. CARE hat in Haiti gezeigt, was möglich ist, wenn fähige Mitarbeiter vor Ort sind. Also ist mein Gefühl gespalten: Der Anblick von Flüchtlingen macht mich unheimlich traurig, gleichzeitig ermutigt mich aber die Arbeit von Hilfsorganisationen.

7.) Was bedeutet das Wort “Heimat” für Sie?

Wenn ich irgendetwas Positives daraus gezogen habe, ein Flüchtling gewesen zu sein, dann ist es das: Ich habe gelernt, jeden Ort, an dem ich aufgenommen werde, als Heimat zu betrachten. Wenn meine ursprüngliche Heimat mir keine Geborgenheit mehr gibt, dann kann das kein Zuhause sein. Heimat ist dort, wo man sich willkommen, sicher und respektiert fühlt. Und wo man die Chance bekommt, sein Leben in die Hand zu nehmen. Wir müssen uns alle am 20. Juni dafür einsetzen, dass die Welt für jeden Menschen eine Heimat bietet.