Die Welt nach der Apokalypse

CARE-Mitarbeiter Robert Laprade berichtet von der Zerstörung und den Notunterkünften in der japanischen Krisenregion

Nach einer ersten, frühmorgendlichen Sitzung bei japanischem Frühstück, machten wir uns auf den Weg in die Küstenregion der Iwate Präfektur. In der kleinen Stadt Miyako angekommen, fuhren wir entlang einer ganz normal aussehenden Straße. Als wir um die Ecke bogen, war die Normalität jedoch vorbei. Es war, als wenn wir in der Hölle gelandet wären, alles war zerstört, Autos lagen verkehrt herum auf dem Dach, überall lagen Metalle und andere Baumaterialien verteilt auf der Straße herum. 

Es war verrückt: Auf der einen Seite der Straße stand – vollkommen intakt – ein Supermarkt, ohne einen Makel, ohne einen Kratzer. Auf der anderen Seite der Straße: totale Zerstörung. Es wurde noch schlimmer, als wir nach Yamada fuhren, wo die gesamte Innenstadt einfach wie weggefegt war. Yamada ist ein Fischerdorf, in dem manche Menschen Seetang und Austern gefischt haben. Zwischen dem ganzen Schutt und Matsch fanden wir Angeln, Netze und kleine Boote. Professionelle Fischernetze sahen jetzt aus wie Girlanden auf Weihnachtsbäumen, nur, dass es keine Weihnachtsbäume, sondern Teile von zerstörten Häusern waren. 

 

Bauschutt und Geröll türmen sich bis zu zehn Meter hoch

Haufenweise steckten Möbel, Kleidung, Bücher – also eigentlich alles, was Menschen an persönlichen Dingen besitzen – im Schlamm fest. Die Zerstörung zog sich über beinahe vier Quadratkilometer – ein Ende war nicht in Sicht. Ich war vollkommen beeindruckt von der Schnelligkeit, mit der die japanische Regierung die Straßen wieder frei gemacht hat. In Yamada fuhren wir durch vollkommen saubere, asphaltierte Straßen. Aber an beiden Seiten der Straße türmten sich Bauschutt und Geröll bis zu zehn Meter hoch. 

Während wir uns wie durch ein Labyrinth durch die Straßen kämpften, fiel mir auf, dass alle Häuser, die 20 Meter über dem Meeresspiegel gebaut wurden, vollkommen unberührt von den Wellen waren. Die Stadhalle, die auf einem kleinen Hügel steht, hat keinen einzigen Kratzer abbekommen. Aber direkt davor ist ein großes Feld aus Autos, Häuserteilen, ausgebrannten Maschinen – schwarze, verbrannte Haufen Schutt. 

 

"Die Straße - Eine Welt nach der Apokalpyse"

Ich erinnere mich noch gut an die Fernsehbilder, die gezeigt haben, wie der Tsunami auf Häuserteilen - wie auf einem Floß -  brennenden Müll transportierte. Was ich jetzt sah, war dasselbe Material – einmal angespült blieb es liegen, nach dem das Wasser wieder zurückging. Viel von dem, was ich sah, erinnerte mich stark an das Buch „Die Straße - Eine Welt nach der Apokalypse“ von Cormac McCarthy, das letztes Jahr mit Charlize Theron und Viggo Mortenson verfilmt wurde.

Wir gingen in die Stadthalle und suchten Beamte, denen wir unsere Arbeit erklären könnten um eine Genehmigung für unsere weitere Arbeit zu bekommen. Im Erdgeschoss fanden wir ein schwarzes Brett, an dem Leute kleine Mitteilungen für ihre Freunde und Familien hinterlassen hatten, falls sie doch – wie ein Wunder – wieder auftauchen sollten. In einem anderen Zimmer hatten die Suchtrupps nasse und zerfetzte Fotoalben aufgereiht, die sie in all dem Schutt gefunden hatten. Für viele Leute sind das alle Erinnerungen, die ihnen geblieben sind. 

 

Es ist nicht das erste Mal, dass Yamada zerstört wurde

Im zweiten Stock fanden wir den Bürgermeister, ein sehr freundlicher Mann, der uns mit einem sehr gastfreundlichen Lächeln berichtete, dass er sein Zuhause verloren hat: Zum Zweiten Mal. Vor gut 50 Jahre hat ein Erdbeben in Chile mehrere Riesenwellen ausgelöst, die die Küste Yamadas zertrümmerten.

Er berichtet uns, dass von 21.000 Einwohnern rund 7.000 kein Zuhause mehr haben, dass sie in circa 30 Notunterkünften wohnen, in Schulen, Tempeln und Gemeindezentren. Fast 1.500 Familien wohnen jedoch immer noch in ihren zerstörten Häusern, sie kommen nicht weg, da es an Benzin fehlt und weil die Straßen teilweise immer noch vom ganzen Müll, den der Tsunami herangeschwemmt hat, blockiert sind. Die Lebensmittelgeschäfte in Yamada sind schon vollkommen leer gekauft.

 

Das Haus ist zerstört. Alle Nachbarn sind tot.

Nachdem wir den Bürgermeister getroffen hatten, gingen wir in eine Grundschule, in der ungefähr 100 Leute Unterschlupf gefunden haben. Abends, so erzählen uns die Menschen, kommen Einwohner aus den umliegenden Dörfern, mit denen die Evakuierten ihre Mahlzeiten teilen, weil man nirgends mehr Essen kaufen kann. In einem der Zimmer wird gebrauchte Kleidung sortiert, Spenden, die darauf warten, verteilt zu werden. Man berichtet uns, dass Nahrungsmittel knapp sind, dass die Mahlzeiten meistens nur aus Reis bestehen. Wir sprachen mit einer Gruppe Frauen, die alle auf ihren Matratzen saßen. 

Eine der Frauen berichtete uns, dass sie und ihre Familie den Tsunami überlebt haben. Aber ihr Haus wurde vollkommen zerstört. Alle ihre Nachbarn sind tot. Sie war um die 60 Jahre alt, und damit die jüngste der kleinen Gruppe. Sie berichtete, dass sie von der Fischerei leben, aber jetzt, wo sie alle ihre Boote und Netze verloren haben, wissen sie nicht mehr, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen sollen. Sie war sich nicht sicher, ob die Versicherung für den Schaden aufkommen würde – schließlich sind auch all ihre Unterlagen weg. „Das Leben, was wir kannten, gibt es nicht mehr.“

 

Die Notunterkünfte sind überfüllt. Es ist kalt.

Auf dem Weg in die nächste Notunterkunft begann es zu schneien. Riesige Schneeflocken fielen vom Himmel. Es ist immer noch sehr kalt hier. In dem Gymnasium leben 800 Menschen. In der Turnhalle reiht sich eine Matratze an die andere, die Turnhalle ist vollkommen überfüllt. Die Bühne der Turnhalle wird nun als Büro benutzt. In der Küche arbeiten die Evakuierten in drei Schichten und kochen, was auch immer zu Kochen da ist. Nothilfe und Spenden kommen aus ganz Japan. Das Militär hilft mit der Verteilung der Hilfsgüter, auch die Truppen kochen Reis für die betroffenen Menschen. 

 

Es bedarf warmer Mahlzeiten. Auch für die Seele.

Morgen wollen wir weiter in den Norden fahren, wo wir herausfinden wollen, wie wir am besten helfen können. Wir müssen wichtige Nothilfegüter verteilen, überlegen, wie wir sie am besten an die Menschen verteilen, die sie am meisten brauchen. Wir überlegen, ein Programm ins Leben zu rufen, mit dem wir nährstoffreicheres Essen an die Menschen in den Notunterkünften verteilen können, wie Gemüse, Fleisch oder Fisch. 

Die Behörden haben so viel damit zu tun, nach Überlebenden zu suchen, die Straßen frei zu räumen und nach Vermissten zu suchen – für viel mehr ist da kaum Zeit geblieben. Japaner sind aber gewöhnt, gutes, warmes Essen zu bekommen. Sie müssen so viel leiden, haben geliebte Menschen verloren, sind traumatisiert und kriegen nur ein bisschen Reis. Viele der Menschen in den Nothilfeunterkünften sind schon älter oder noch Kinder. Gute Ernährung ist jetzt besonders wichtig, damit sie in den überfüllten, kalten Notlagern nicht auch noch krank werden. 

In der Not muss CARE schnell handeln. Bitte helfen Sie uns, Japan zu helfen:

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