DR Kongo: Im Krieg sind manche Wunden unsichtbar

Elisabeth Roesch über Frauen und Mädchen im Kongo.

Erneut besuchen wir die Flüchtlingslager in Goma und sammeln neue Geschichten von Vertriebenen. Wieder fragen wir uns, was die Menschen in Zeiten des Krieges wirklich brauchen. Manche Bedürfnisse sind offensichtlich, wie das Bedürfnis nach Obdach, sauberem Wasser, Nahrung und Kleidung. Aber andere Bedürfnisse erkennt man nur schwer. Dementsprechend hart ist es auf diese zu reagieren. Besonders schwer ist es im Fall von sexuellem Missbrauch.

In einer Kirche in Goma haben sich im Laufe der letzten Wochen mehr als 1000 Flüchtlinge eingefunden. Seit unserem letzten Besuch sind weitere Hunderte von Vertriebenen dazu gekommen. Die anderen Flüchtlingslager, die wir in Goma besuchen, sind kleiner. Dort leben nur ein paar Familien aus demselben Ort. Aber in der Kirche treffe ich auf Menschen aus sämtlichen Regionen, z.B. aus Masisi und dem Westen von Rutshuru. Viele von Ihnen kamen allein.

Auf sich allein gestellt, inmitten von Soldaten

Ein Mädchen, wahrscheinlich im späten Teenageralter, stammt aus Nyanzale. Mit dem Auto fährt man dorthin sechs Stunden. Im selben Ort bereitet CARE  bereits ein größeres Projekt für Opfer sexueller Gewalt vor. Diesen bietet CARE erste medizinische Versorgung, Einkommen schaffende Maßnahmen und psychologische Beratung.

Das Mädchen aus Nyanzale verließ ihre Heimat vor acht Wochen und verbrachte einen Monat im Wald. Mit Hilfe einer Tagelohnarbeit wollte sie sich am Leben halten, um nach Goma zu reisen. Sie ist allein und hat keine Ahnung, wo ihre Familie ist. Seit sie in Goma ist, hat sie bisher niemanden aus Nyanzale getroffen. Sie erzählte mir nur bruchstückhaft von ihrem Leben und ich kann mir vorstellen, dass das, was sie ausgelassen hat, verheerend ist. Eine Frau, die im Kongo alleine unterwegs ist, ist ein leichtes Opfer für Missbrauch, Ausbeutung und Vergewaltigung. Wie konnte dieses Mädchen einen Monat lang auf sich allein gestellt, in einer Gegend voller militärischer Gruppen überleben? Wie bringt sie sich in Goma über die Runden? Was braucht sie, außer den zur Verfügung gestellten Hilfspaketen noch, um mit ihrer Situation umzugehen?    

Ein Bezugssystem schaffen, an das sich Opfer wenden können

Es sind diese unsichtbaren Bedürfnisse, auf die man so schwer eingehen kann, die aber so kritisch sind, dass es wichtig ist, die vom Krieg Betroffenen auch physisch und mental zu unterstützen. Zum Glück gab es in der Kirche, die CARE besuchte, auch einige Frauen, die aussprachen, was häufig unausgesprochen bleibt. Sie wollten über die Frauen, die vergewaltigt wurden reden und über die, die ausgebeutet und missbraucht wurden. Eine Frau fragte, was sie dagegen unternehmen kann und ich versuchte herauszufinden, ob diese Frauen wissen, wo sie sich für medizinische und psychologische Hilfe hinwenden können. Keine von ihnen wusste es. Natürlich wussten sie es nicht, denn alle von ihnen sind gerade erst hier angekommen und haben noch keine Orientierung zu den vorhandenen Beratungsangeboten.   

Aus diesem Grund entwickelt CARE ein Bezugssystem, das überlebende Vergewaltigungsopfer über Beratungsstellen informiert. Außerdem ermöglicht CARE den Betroffenen einen leichteren Zugang zu Beratungsangeboten. Durch diese Informationen werden die Opfer von sexuellem Missbrauch wieder gestärkt. Sie geben Frauen, die durch diese schrecklichen Erfahrungen in all ihren Grundrechten verletzt wurden, die Kraft zu entscheiden, wie sie mit ihrer Situation umgehen wollen. CARE arbeitet mit lokalen Partnern und Gemeindemitgliedern, um rechtzeitig auf die medizinischen, psychologischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse der Frauen zu reagieren. In den Gemeinden stärkt CARE das Bewusstsein für die Gewalt an Frauen und versucht so ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Frauen sicher genug fühlen, um Hilfe zu suchen.

Dieses Projekt zeigt erneut, wie dringend Frauen Zugang zu diesen Beratungsangeboten brauchen. Angemessen auf die Gewalt an Frauen zu reagieren ist für CARE eine Priorität in Notsituationen. Es ist genauso wichtig, wie die Bereitstellung von Decken, um Frauen zu wärmen, Essen um diese zu ernähren und Unterschlupf, um sie vor den kalten Nächten in Goma zu schützen.