DR Kongo: Vergewaltigungen nehmen kein Ende

CARE-Mitarbeiterin Elisabeth Roesch berichtet aus dem Kongo

Elisabeth Roesch ist Mitarbeiterin von CARE im Kongo. Sie betreut ein Projekt für traumatisierte Frauen, die physische oder sexuelle Gewalt erlebt haben. Hier schreibt Sie über ihre tägliche Arbeit.

„Ich lebe seit einem Jahr in der Demokratischen Republik Kongo und betreue Frauen, die sexuell missbraucht wurden. Sie erzählen mir oft von diesen schrecklichen Erlebnissen und deren Auswirkungen auf ihr tägliches Leben. Bevor ich nach Afrika kam, hatte ich in unzähligen Nachrichtenartikel über die Situation der Frauen im Kongo gelesen. Doch ich war keineswegs vorbereitet auf das, was ich hier erlebe und worüber die Frauen mir berichten. Jedes Mal, wenn ich mit ihnen über ihre Erlebnisse spreche, überkommt mich eine erschütternde Traurigkeit. Denn ich habe das Gefühl, als würden die furchtbaren Fälle von Vergewaltigungen, Folter und Verstümmelung kein Ende nehmen.“   

„’Vergewaltigung als Kriegswaffe’ ist mittlerweile ein bekannter Ausdruck. Wenn man einmal mit Überlebenden der Gewalt redet, erfährt man, wie diese Waffe funktioniert. Vergewaltigungen zerstören nicht einfach nur Frauen. Sie reißen ganze Familien und Gemeinden auseinander. Manchmal werden Frauen sogar vor ihren Familienmitgliedern und Nachbarn angegriffen, öffentlich bloßgestellt und gefoltert. Das alles hinterlässt bei ihnen tiefe physische und emotionale Wunden. Ihre Ehemänner fühlen sich machtlos. Sie können ihre Frauen und Kinder vor der andauernden Gewalt nicht schützen und schämen sich dafür.  Kinder und Ältere, normalerweise am stärksten von der Familie beschützt, werden zu Opfern. Der Krieg zerstört soziale Werte, die Gewalttaten hinterlassen einen bleibenden Abdruck in der Seele der Menschen. Die Arbeit bei CARE im Kongo zeigt mir, dass Vergewaltigung selbst nach Ende des Krieges Alltag ist und ein Hemmnis für die Entwicklung des Landes darstellt.“

„Vor einigen Tagen traf ich ein junges Mädchen, das vor den neu aufgeflammten Kämpfen in ein Waisenhaus in Goma flüchtete. Ich fragte sie, wann sie in ihre Heimat zurückkehren möchte. Sie antwortete: ‚Solange es Krieg gibt, werden wir nicht zurückgehen. Wie können wir nach Hause zurückkehren und dabei riskieren, bei jeder Gelegenheit vergewaltigt zu werden? Wenn wir Wasser holen und in die Felder gehen, haben wir Angst!’ Andere Frauen nickten zustimmend. Und plötzlich verstand ich, wie erfolgreich Vergewaltigungen Gemeinden terrorisieren.“

„Das bloße Gerücht über mögliche Angriffe versetzt Menschen in enorme Angst. Sie fliehen und lassen meist allen Besitz zurück. Die Frauen, die mit dem Mädchen im Waisenhaus Unterschlupf fanden, waren so verärgert darüber, dass niemand sie beschützt. Oft sprechen Frauen und Mädchen ihre Vergewaltigung nicht an. Sie haben Angst, ihre bewaffneten Schänder könnten sich rächen. Doch die Frauen und Mädchen, die ich jetzt in Goma traf, machten lautstark und nachdrücklich auf ihre schmerzhaften Erfahrungen aufmerksam. Sie verlangten Schutz und ein Ende der Kämpfe.“

„CARE geht in der Arbeit im Kongo auf die kritischen Bedürfnisse der betroffenen Frauen ein. Das sofortige Reagieren auf sexuelle Gewalt in Notsituationen sehen ich und meine Mitarbeiter als oberste Priorität an. CARE unterstützt Gesundheitszentren, in denen vergewaltigte Frauen medizinische Hilfe bekommen. Wir regen die Gemeinden in Flüchtlingsgebieten dazu an, öffentlicher über sexuelle Gewalt zu diskutieren und die Menschen über Anlaufstellen zu informieren. Das alles ist notwendig, damit meine Arbeit im Kongo irgendwann beendet ist und die Frauen nicht mehr täglich mit Angst und Horror leben müssen.“