Ecuador: „Wie kommen wir hier raus?“

CARE-Mitarbeiter berichten von den dramatischen Minuten während des Erdbebens.

Nubai Zambrano Mendoza, CARE Mitarbeiterin in Esmeraldas:

„Als die Erde bebte, war ich mit 40 Kollegen  im Ort Las Penas in der Provinz Esmeraldas zu einem Workshop. Plötzlich spürten wir einen starken Luftzug. Er dauerte nur ein paar Sekunden, aber wir werden uns unser ganzes Leben lang daran erinnern. Die Erde bewegte sich, als ob sie das Meer verschlucken wollte. Alle um mich herum beteten; wir umarmten einander und weinten.

Ich erinnere mich an einen ohrenbetäubenden Lärm. Die Erde klang wie Millionen pulsierende Herzen. Ich sah einen Vater, der seinen Sohn gleich zu Beginn des Bebens in die Arme nahm und nicht mehr los ließ, bis es vorbei war. Sie hielten sich ganz fest. Trotz all der Horrorszenarien tat es gut zu sehen, wie sich die Menschen gegenseitig halfen. Der Vater schaute zunächst, ob es seinem Kind gut ging und erklärte ihm anschließend: „Jetzt müssen wir den anderen helfen und sie beruhigen.“

Unser CARE-Team schnappte sich seine Koffer und eilte von der Küste ins Landesinnere. Die Stille der Nacht empfing uns. Dann hörten wir die Sirenen der Krankenwagen und angsterfüllte Schreie. Es begann stark zu regnen. Schließlich kamen wir zu einer Tankstelle, aber dort gab es nichts mehr zu kaufen. Jemand verteilte Wasser und Kräcker. Es war die längste Nacht, die ich je erlebt habe. Der absolute Horror. Als es endlich dämmerte, blieb die große Erleichterung aus, weil wir uns nun den Ausmaßen der Zerstörung stellen mussten. Ich würde gerne vergessen, was ich erlebt habe, aber das wird nicht möglich sein.“

 

Doris Guerra, CARE-Mitarbeiterin in Quito:

„Ich war gerade mit meinem Mann und meinen kleinen Töchtern zu Hause in Quito, als plötzlich die Erde bebte. Es wurde immer stärker und stärker. Dinge fielen aus den Regalen, Möbel wackelten und die Fenster machten schreckliche Geräusche. Meine Tochter weinte bitterlich. Der Lärm war kaum zu ertragen. „Mama, es hört nicht auf!“, rief die Kleine. „Wie kommen wir hier raus?“

Ich schnappte mir meine Kinder und unseren Hund und rannte aus dem Haus. Sogar die Autos auf der Straße wackelten. Ich sah, dass einige unserer Nachbarn beteten. Meine Angst wurde immer größer und ich hatte die ganze Zeit nur einen Gedanken: Hoffentlich geht es meiner Familie gut. Ich hatte keine Zeit gehabt, mein Handy mitzunehmen, und auch die kleine Notfalltasche, die ich immer im Haus hatte, musste ich zurücklassen. Die Unsicherheit darüber, ob alle in Sicherheit waren, machte mich fast verrückt. Deswegen beschlossen wir, zum Haus zurückzugehen, obwohl es noch Nachbeben gab.

Ich musste an meine CARE-Kollegen denken, die zur Zeit des Erdbebens an einem Workshop in der Nähe des Epizentrums teilnahmen. Ganze 40 Kollegen waren dort! Als ich hörte, dass alle wohlauf waren, fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen. Ich stand die ganze Zeit in Kontakt zu ihnen, denn ich musste einfach wissen, wie es ihnen ging. Sie sagten uns, dass sie evakuiert werden mussten und fürchterliche Angst hatten.

Bei einem Erdbeben ist es beinahe unmöglich, ruhig zu bleiben. Alle brechen in Panik aus, sogar Stunden nach dem Beben hört man noch Menschen schreien. Jedes kleinste Wackeln lässt einen wieder zusammenschrecken. Das Erdbeben mag vorbei sein. Doch die Angst, dass noch etwas passieren könnte, bleibt. Besonders für Kinder ist die Situation schwierig und sie haben starke Angst vor dem Beben. Sie verstehen nicht, was da gerade passiert. Sie weinen und lassen sich kaum beruhigen. Manche Kinder haben ihre Eltern verloren. Sie brauchen dringend psychologische Hilfe, um sich von dem Schock zu erholen und über den Verlust hinweg zu kommen. Doch das wird sicher noch sehr lange dauern.“