Ein sicherer Hafen, ein offenes Ohr

Janet Ndoti Ndila ist CARE-Helferin im Flüchtlingslager Dadaab und betreut Flüchtlinge, die Gewalt und Traumata durchleben mussten

Janet ist eine toughe Frau mit weichem Herz. Sie ist für die Beratung der neu angekommenen Flüchtlinge im Camp Dagahaley des Flüchtlingslagers Dadaab im Norden Kenias verantwortlich. Janet und ihre Kollegen sind die erste Anlaufstelle für tausende erschöpfte und entmutigte Somalier, die aus ihrer Heimat in das weltweit größte Flüchtlingslager Dadaab fliehen. Derzeit beherbergen die drei Camps von Dadaab über 430.000 Menschen. Die Schicksale, mit denen Janet Ndoti Ndila konfrontiert ist, halten die optimistische und resolute Frau zwar nicht zurück. Aber an manchen Tagen kann es einfach zu viel sein.

“Ich habe an schlimmeren Orten gearbeitet – Orten, an denen es ständiges und andauerndes Blutvergießen gibt. Hier gibt es das zwar nicht, aber was die Menschen, die hier ankommen, durchgemacht haben…“ ihre Stimme stockt.

Mehr als Hunger und Durst

Janet zeigt uns den Weg zum Empfangszentrum für Neuankömmlinge: hier steht ein großes Zelt, in dem die Flüchtlinge ihre erste Nahrungsmittelration erhalten, um die Zeit bis zur Registrierung im Camp zu überstehen. Ein eingespieltes System führt sie durch das Zelt, wo sie Plastikmatten, Wasserkanister, Maismehl, Bohnen, Salz, Öl und andere Dinge bekommen. In der Nähe versorgt eine Reihe von Wasserhähnen die Menschen mit sauberem Wasser zum Trinken und Waschen.

Aber hier geht es um mehr als nur um Hunger und Durst. Janet und ihre Mitarbeiter führen die erschöpften und orientierungslosen Familien in das Empfangszentrum und setzen sie erstmal auf Holzbänke im Schatten einer Zeltplane. Hier bekommen sie ihre erste Einführung in Dadaab: Wie findet man sich im System der angebotenen Hilfe zu Recht, wie registriert man sich für die Lebensmittelverteilung und für einen Wohnplatz und wo bekommt man medizinische Hilfe für die Schwachen, die Unterernährten, die Kranken und die Verletzten?


Unsichtbare Wunden, besonders bei Frauen

Aber Janets wichtigster Aufgabenbereich, das sind die unsichtbaren Wunden, die man auf den ersten Blick nicht sieht. Die meisten Flüchtlinge haben auf dem Weg nach Dadaab schreckliche Dinge erlebt. Nicht nur Armut, Hunger und Gewalt zu Hause in Somalia, sondern auch das Trauma, aus der  Heimat vertrieben zu werden und seine Liebsten zu verlieren. Alte, Gebrechliche, Kinder: viele wurden von Banditen überfallen, ausgeraubt, misshandelt. Und wie so häufig trifft es die Frauen am schwersten: Von Massenvergewaltigungen wird berichtet, von brutaler Gewalt durch Wegelagerer und Milizen, die die wehrlosen Flüchtlinge überfallen.

Das CARE-Team besteht aus 18 Betreuern, und alle von ihnen nehmen es in Sachen Energie und Tatendrang mit der Chefin Janet auf. Die meisten dieser Helfer sind selbst Flüchtlinge, die von CARE in den Camps angestellt und für die psychosoziale Betreuung ausgebildet wurden. Sie sind selbst Somalier, sprechen dieselbe Sprache und können verstehen, was die Flüchtlinge durchgemacht haben. Die Betreuer richten sich gezielt an diejenigen Frauen, denen sexuelle Gewalt widerfahren ist, und an andere schutzlose Menschen.

CARE hilft dabei, dass sie zügig Nahrungsmittel und Haushaltgegenstände bekommen und leitet sie an die richtigen Stellen weiter, falls sie medizinische Versorgung oder polizeilichen Beistand benötigen. Frauen, die direkt von häuslicher Gewalt bedroht sind, werden in geschützten Bereichen untergebracht.


Eine schreckliche Geschichte

In nur drei Monaten sind knapp 4.700 Flüchtlinge zu CARE gekommen und haben Beratung und Unterstützung gesucht – allein 1.111 in der Woche vom 28. August und 3. September. Die Frauen, die Janets Hilfe brauchen, haben in einigen Wochen mehr gelitten, als irgendjemand in seinem ganzen Leben ertragen sollte.

Heute hat Janet eine Frau getroffen, die vor zwei Monaten angekommen ist und ihr Lager, eine einfache Hütte aus Pappkartons und ein paar Zweigen, in den Randbezirken des Dagahaley Camps aufgeschlagen hat. Bevor sie Somalia verlies, schrumpfte die schon kleine Farm ihrer Familie immer weiter, bis nichts mehr übrig war. Und sie musste mit ansehen, wie zwei ihrer drei Kinder an Hunger und Krankheit starben. Als sie die Wüste zu Fuß durchquerte, wurde ihr alles geraubt – sogar vor ihrem wertvollen Wasservorrat machten die Banditen nicht halt - und dann wurde sie von mehreren Männern vergewaltigt. Es ist ein unvorstellbares Martyrium, aber die Frau spricht mit gleichmäßiger Stimme.

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Die eigenen Albträume

Auch die Männer durchleiden ihre eigenen Albträume. Zuerst blieben viele in Somalia zurück, um über das Haus und die Herde zu wachen. Aber als ihre letzten Rinder verhungerten, mussten sich auch die Männer auf den Weg nach Dadaab machen. Viele Somalis gehören einem stolzen und alten Hirtenvolk mit langer Tradition an. Wohlstand wird darin gemessen, wie viele Rinder jemand besitzt. Stirbt das Vieh, stirbt auch die eigene Identität.

“Aus kulturellen Gründen kommen nicht ganz so viele Männer wie Frauen zu unseren Beratungszelten, aber sie kommen,” berichtet CARE-Helfer Sharif Ahmed Abdulahi. Er und seine Kollegen achten darauf, die Tradition zu respektieren und im Einklang mit den Gemeinderegeln zu arbeiten. „Manchmal fragen mich Menschen, was sie tun sollen. Ich sage ihnen: Ich kann dich beraten, aber ich kann dir keine Empfehlung geben. Wenn du das willst, musst du zu einem der Gemeindeältesten gehen.“


„Das sind sicher einige Jahre“

Janet hat momentan alle Hände voll zu tun. Sie will mehr weibliche Berater einstellen und ausbilden – weniger als die Hälfte der Flüchtlinge, die im Camp arbeiten, sind Frauen – aber es ist schwer, geeignete Bewerber zu finden, die lesen und schreiben können. Viele junge Mädchen sind auch schon mit 14 Jahren verheiratet.

Aber Janet gehört nicht zu den Menschen, die  leicht aufgeben. Eins ist klar: Sie wird so schnell nirgendwo anders hingehen. „Ich will so lange hierbleiben, wie mir die Arbeit hier Freude macht. Das sind sicher noch einige Jahre.“ Und leider ist auch genauso sicher, dass die Menschen von Dadaab in einigen Jahren weiterhin Hilfe benötigen werden.