Ein Tag in der "Cité de CARE"

Haiti: Jennifer, Gynal und Marie sind drei von über einer Millionen obdachlosen Menschen

Der Platz “St. Pierre” ist gerade einmal zwei Minuten Fußmarsch vom CARE-Büro entfernt. Früher war er der Mittelpunkt eines ruhigen Wohngebiets, beliebt bei Angehörigen der haitianischen Mittelschicht und Ausländern. Nun leben hier 1.200 Familien im Freien, kaum geschützt vor der Sonne und dem Schmutz des Stadtlebens. Nach dem Erdbeben vom 12. Januar haben sie sich hier niedergelassen, zwischen einer Polizeistation, einem Hotel, einer Kirche und einem Supermarkt. Es ist eine unwirkliche Umgebung für diese riesige Ansammlung gestrandeter Menschen. Mehrere Hilfsorganisationen versorgen die Familien mit Nahrung, frischem Wasser, medizinischer Versorgung und anderen Hilfsgütern.

Am 19. Februar organisierte CARE die Verteilung von Plastikplanen, MatratzenAnita André vom lokalen Kommittee (Foto: CARE/Wilke) und Kochutensilien. „Seitdem nennen wir dieses Camp „Cité de CARE“, erklärt Anita, die Präsidentin des lokalen Bürgerkomitees, das bei der Verteilung geholfen hat. Am Vortag kamen Mitarbeiter von CARE in das Camp, um die Zahl der Familien zu schätzen und Gutscheine für die Hilfsgüter zu verteilen. Am nächsten Tag standen dann schon um fünf Uhr morgens die ersten Menschen vor der Polizeistation an. CARE verteilt die Hilfsgüter auch an diesem Tag an Frauen - eine Strategie, die sich in der letzten Zeit als sehr erfolgreich herausgestellt hat.

Bei einer der Unterkünfte bleiben wir stehen. 14 Menschen leben hier unter Plastikplanen. Es kann etwas eng werden, aber wenigstens werden alle trocken bleiben, wenn in ein paar Wochen die starken Regenfälle beginnen. Drei Matratzen liegen auf dem Boden und einige Küchenutensilien sind an der Rückwand des Zeltes gelagert. Yverna Milie schaut zu, wie ihre zehn Monate alte Tochter Jenny über den Plastikboden tanzt. Alle lachen über die lustigen Gesichtsausdrücke und die Neugier der Kleinen. Wie hat ihre Mutter das Erdbeben erlebt? Yverna lacht und beschreibt gestikulierend, wie sie auf den Schock reagiert hat: „Ich bin nach links gelaufen, nach rechts, ich habe geschrien …“
Gynal, Lycile und Farenal leben unter einer Plastikplane (Foto: CARE/Wilke)

Gynal Syné ist 14 und in seinem Schoß sitzt seine 15 Monate alte Schwester Lycile. Er füttert sie mit ein paar Bananen. Was würde er gerne machen? „Zur Schule gehen“, sagt er leise. Für das Foto steht er auf und holt seinem jüngeren Bruder Farenal ein T-Shirt, damit dieser seinen nackten Oberkörper bedecken kann.

Der gebrochene Fuß liegt auf einem Hocker, sie selbst hat auf einem wackeligen Holzstuhl Platz genommen. Marie Francel Jean-Louis sieht zu, wie ein weiterer Tag in der Cité de CARE zu Ende geht. Früher hat sie für eine Versicherungsgesellschaft gearbeitet, nachdem sie aus den USA zurück kam, wo ihr Mann heute noch lebt. Jetzt lebt sie mit ihrer Mutter, ihrem Sohn und zwei Schwestern unter den Plastikplanen nicht weit von ihrem einstigen Büro. Als das Beben kam, waren sie zu Hause und konnten zum Glück entkommen, bevor das gesamte Gebäude zusammenbrach. Doch ihr Fuß ist gebrochen und sie hat einen tiefen Schnitt am Kopf. Als sie nach sechs Tagen endlich eine medizinische Versorgung erhielt, war die Wunde schon infiziert.


Marie (links) mit ihrer Mutter vor der Unterkunft aus Plastikplanen (Foto: CARE/Wilke)Maries Kopf ist entlang der Narbe rasiert und sie macht Witze über ihre ungewöhnliche Frisur. Wenn man sie fragt, was sie heute gegessen hat, lächelt sie wieder: „Bulgur“, antwortet sie, eine lokale Getreidesorte. Ohne Frage ist dies ihre einzige Mahlzeit am heutigen Tag. Was könnte sie sich in einer solchen Situation wünschen? „Ich will ein Stipendium für meinen Sohn, damit er zur Schule gehen und Arzt werden kann“, sagt Marie mit fester Stimme. Und als sie sich die Fotos anschaut, die wir von ihr gemacht haben, lacht sie. „Trotz aller Probleme sind sie sehr schön geworden.“

Bevor wir die Cité de CARE verlassen, fragen wir das Bürgerkomitee, ob sie noch Fragen haben. „Ja“, sagt Israel. „Was genau heißt eigentlich CARE?“ Im Moment heißt CARE ein trockener Platz zum Schlafen. Hoffentlich werden die vier Buchstaben in Zukunft für diese Menschen noch viel mehr bedeuten können.

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