Eindrücke aus Myanmar

Dr. Wolfgang Jamann berichtet aus dem Irrawaddy-Delta.

Yangon. Dienstag, 22. Juli 2008

Knapp drei Monate nach dem Sturm Nargis, der schätzungsweise 180.000 Menschen das Leben gekostet hat, ist in Yangon, der ehemaligen Hauptstadt, von den Zerstörungen nichts mehr zu sehen. Aber die Stadt ist träge, fast ein wenig depressiv. Kein Vergleich mit den anderen Kapitalen Asiens, wo das Leben pulsiert und die Menschen immer auf der Jagd nach der nächsten Gelegenheit, dem nächsten Geschäft zu sein scheinen.

Es liegt sicher nicht nur am Dauerregen, dass die Menschen eine traurige Stimmung ausstrahlen. Myanmar ist ein schwieriges Land, vor allem für die, die hier leben. Aber schon einen Tag nach Ankunft hören wir auch sehr viel Ermutigendes. Die Beschränkungen der ersten Wochen für die humanitäre Hilfe sind fast völlig aufgehoben worden. CARE hat mittlerweile ein Dutzend internationale Helfer im Einsatz und über 250 Lokalkräfte zusätzlich unter Vertrag.

Und diese versorgen die Menschen mit Moskitonetzen, Wasser, Handtraktoren, Bambus und tausenden Kleinigkeiten für das tägliche Überleben. Unter schwierigsten logistischen Bedingungen, wie man uns versichert. Ab morgen sind wir im Irrawaddy Delta unterwegs, mit Auto, Boot und Helikopter. Aber die Kollegen strahlen, wenn sie uns berichten, wie viel möglich gemacht wurde - auch wenn es am Anfang nicht so aussah.

Und unsere lokalen Mitarbeiter sind beeindruckende Zeugen für den Durchhaltewillen der Birmesen. Zum Beispiel Angela, die CARE-Köchin, deren gerade neu gedecktes Dach vom Wirbelsturm zerstört wurde. Seit über zwei Monaten lebte sie mit ihren Geschwistern und vier Kindern in einem teilzerstörten Haus, bis sie letzte Woche endlich dazu kam, es abzudichten.

Zuviel war zwischenzeitlich zu tun, um die noch stärker Betroffenen im Süden des Landes zu unterstützen. Sie lachte, als man ihr anbot, einen kleinen Zuschuss von CARE anzunehmen. „Den brauchen andere dringender“, sagt sie. Wir sind beeindruckt, und fast sicher, dass wir in den nächsten Tagen viele ähnliche Geschichten hören. Und dass wir hier im schwierigsten Katastrophengebiet der letzten Monate endlich einmal gute Nachrichten hören. Von der Hilfe, die funktioniert, den Behörden, die Verantwortung für ihre Bürger entdecken, und Menschen, die Solidarität leben. In einem Land, das schon fast wieder vergessen ist.

Irrawaddy Delta. Mittwoch, 23 Juli 2008

Der erste Tag im Irrawaddy-Delta hat vor allem eines gezeigt: die Situation der Menschen hat sich stark verbessert. Hier war alles zerstört, ganze Dörfer wurden niedergewalzt. In Khalauk Tayar standen nur noch sieben von 153 Häusern, es gab 43 Tote. Doch statt auf Hilfe zu warten, die hier erst zehn Tage nach der Katastrophe eintraf, half sich jeder so gut er konnte. Und auch dem Nachbarn.

Ma Y San, die vor einigen Jahren schon ihren Mann verlor, erzählte uns wie man aus drei Haushalten kurzerhand einen machte - sie lebt jetzt mit 15 Menschen unter einem Behelfsdach. Gemeinsam versucht man, die Grundstücke zu räumen und Häuser wieder zu decken. Denn Hilfe ist eingetroffen, Plastikplanen, 200.000 Bambusstangen, die CARE aus dem Landesinneren in einem 300 Meter langen Floß über den Fluss hierhin brachte. Auch eine Übergangsschule gibt es - die Lehrerin hat bestimmt selbst viel Leid erlebt, aber sie steht wieder jeden Morgen vor der Klasse.

Am Abend fanden wir auf einer dunklen Straße einen verunglückten Motorradfahrer. Auch ihm half das CARE Team selbstverständlich - im Pickup wurden der junge Mann und das Motorrad nach Hause gebracht. Die schlimmen Strassen, engen Wasserwege und das Fehlen jeglicher Infrastruktur macht auch die Arbeit oft zur physischen Qual. Das, was unsere Kollegen hier an Gefahren Strapazen erleben, taucht in den Projektberichten nur als 'schwierige Logistik' auf.

SetSan. Donnerstag, 24 Juli 2008

Am dritten Tag in Myanmar sind wir nach SetSan gefahren, dem 'Aussenposten' der CARE-Operationen im Delta. Viele Stunden Bootsfahrt waren nötig und haben uns noch näher an den Mittelpunkt der Katastrophe gebracht. Aber wirklich nachzuvollziehen ist es nicht, dass alleine hier 20.000 Menschen gestorben sind und ganze Inseln verwüstet wurden. Viele Dorfbewohner erzählten uns von der langen Nacht von Wirbelsturm Nargis. Davon, dass man vorgewarnt wurde, die Gefahr aber unterschätzte. Dann aus dem Haus in den Tempel, in die Kirche, das Lagerhaus floh. Dort immer höher kletterte, und trotzdem viele ins Wasser fielen. Und am nächsten Morgen sah man die totale Zerstörung. Und dann suchte man Reis zusammen, der ein paar Tage reichte, bis dann irgendwann die Hilfe kam.

Wir waren in Deutschland und anderswo in den ersten Tagen nach Nargis frustriert und verärgert, weil die Hilfe nicht in Gang kam. Aus politischen und logistischen Gründen. Wir ahnten wie dringend geholfen werden musste. Und jetzt, zweieinhalb Monate später sind wir erleichtert, denn es ist Unglaubliches geleistet worden. Dächer sind mit Planen gedichtet, Decken und Kleidung verteilt, die Lebensmittel-Pipeline läuft und man kann sich um sauberes Wasser, Schule und Hygiene kümmern. Dass die Hilfe aus Deutschland angekommen ist, davon haben wir uns überzeugt. Selbst der überflutete Fußballplatz in Mya Piang wird jetzt mit Reis bepflanzt; Saatgut und Handtraktor wurde von CARE gestellt wurde. Damit vom Erlös der Ernte in der Trockenzeit ein neuer Fußball für die Dorfjugend gekauft werden kann. Denn auch das ist wichtig hier, genau wie die Spielplätze der Kinder, von denen schon wieder fröhlicher Gesang kommt. Allein dafür hat sich die Reise gelohnt.