Eine Schippe, ein Rechen und eine offene Tür

"Cash-for-Work" Projekte in Haiti ermöglichen neues Einkommen und helfen beim Wiederaufbau

Das erste, was einem bei der Ankunft in Carrefour auffällt, ist ein riesiges Schlagloch, voller Wasser und Abfall. Früchte und Gemüse stapeln sich auf dem Boden, der aussieht wie ein improvisierter Markt. Auf beiden Seiten der Straße stehen Gebäude– die meisten von ihnen sind allerdings zerstört, oder gerade erst wieder hektisch aufgebaut worden.

Nach dem Erdbeben am 12. Januar, das den größten Teil der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince und die umliegenden Gegenden zerstört hat, platzt die Nachbarschaft von Carrefour sprichwörtlich aus allen Nähten. Auch vor dem Erdbeben war diese Gegend schon völlig überbevölkert. Aber jetzt haben viele Menschen ihre Notunterkünfte an den Berghängen errichtet. Mitten auf der Hauptstraße sind Siedlungen entstanden, es fehlt an Platz für Latrinen oder Müllentsorgung.

Alle, die hier leben, sind erleichtert, dass sich Krankheitsausbrüche nach dem Erdbeben in Grenzen gehalten haben. „Seit den ersten Tagen der Katastrophe haben uns CARE Teams aufgeklärt, vor allem über wichtige Hygienemaßnahmen. Das hat einiges dazu beigetragen, dass es unmittelbar nach dem Beben zu keiner sanitären Katastrophe oder Epidemie gekommen ist.“ Dieulène St. Vildor ist Mutter und Großmutter. Sie lebt mit ihrer Familie in dem Camp „Mon Repos“. Und sie weiß, dass Durchfall ein Kind innerhalb weniger Stunden töten kann. Wie viele andere Frauen in dieser Gegend ist sie aktives Mitglied des „Clubs der Mütter“, der von CARE ins Leben gerufen wurde.

„Unsere Kinder sollen nicht im Dreck spielen müssen“

Die Verantwortung der Mütter ist es, die Camps sauber zu halten. „Wir konnten unsere Kinder schließlich nicht einfach in diesem Dreck, in Schutt und Asche spielen lassen. Aber es war auch klar, dass wir das wenige Geld, das wir haben, nicht für Besen oder Putzmittel ausgeben konnten. Deswegen haben wir eben das getan, was in unserer Macht lag. Und unser Einsatz hat schließlich CARE dazu bewogen, uns zu unterstützen.“

Was als Aufklärungskampagne zu Hygienemaßnahmen begann, hat sich schnell in ein Projekt gewandelt, das nun die ganze Gemeinde unterstützt. Auf die Bitte des Bürgermeisters von Carrefour hin, hat CARE ein „Cash-for-Work“-Programm gestartet. Diese Initiative kann zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen wird die Gemeinde aufgeräumt und sauber gehalten. Zum anderen kurbelt die Initiative durch die neuen Einkünfte die lokale Wirtschaft an.

Rose-Carmelle ist gerade mal 18 Jahre alt. Aber seit dem schrecklichen Tag im Januar ist sie der Kopf ihrer Familie. Ihre Eltern sind beim Erdbeben ums Leben gekommen. Sie und ihre zwei jüngeren Schwestern blieben alleine zurück. Sie leben jetzt in einer behelfsmäßigen Unterkunft bei ihrem Onkel, der alles daran setzt, auch sie zu ernähren. Aber dass sie alle gemeinsam zur Schule gehen können, das ist im Moment nur ein Traum: Das Geld reicht einfach nicht für das Schulgeld.

„Ich bin optimistisch“

„Nur noch ein Jahr, dann wäre ich mit der Schule fertig. Aber meine Schwestern, die sind gerade erst eingeschult worden. Sie müssen unbedingt weiter zur Schule gehen können, egal, was das kostet. Hätte ich nicht gelernt, wie man liest, dann hätten sie mich wahrscheinlich nicht als Leiterin dieses Projektes ausgewählt. Und jetzt kann ich ein bisschen mehr verdienen als die anderen. Meine Eltern würden sich im Grab umdrehen, wenn sie wüssten, dass ihre Töchter nicht lernen, wie man liest oder schreibt.“ Rose-Carmelle hat aber schon einen Plan: „Das Geld, was ich verdiene, reicht nicht für das Schulgeld von uns allen. Deswegen werde ich für kurze Zeit die Schule unterbrechen und ein kleines Schuhgeschäft aufmachen.“ Sie rechnet aus, dass sie durch das CARE-Projekt bereits genug verdient hat, um ihre Schwestern für mindestens ein weiteres Jahr zur Schule schicken zu können. „Mein größter Traum wäre es, irgendwann mal Medizin zu studieren. Aber das muss wohl noch ein bisschen warten.“ Zumindest, bis sich die Situation etwas verbessert hat. Bis ihr Onkel einen Job gefunden hat. Bis sie sich die Schulgebühren leisten können. Bis…

Doch Rose-Carmelle ist ungebrochen: „Ich bin optimistisch. Ich habe niemals zu hoffen gewagt, dass ich meine Schwestern überhaupt weiter in die Schule schicken kann. Und dann war da CARE und hat dieses Projekt gestartet, das mir eine neue Tür geöffnet hat. Wer weiß schon, was die Zukunft noch so bringt!“

Das „Cash-for-Work“ Projekt hat bereits 5.000 Menschen in 39 Camps in Carrefour einen Job verschafft, und damit auch ein Einkommen. 1.000 Quadratmeter Müll wurden schon beseitigt. Und die Reinigungsmittel wie Besen, Schippen und Rechen wurden in einem Festakt im Büro des Bürgermeisters von Carrefour den Teilnehmern des Projekts feierlich überreicht.