Elfenbeinküste: Ein Ort, an dem man über alles sprechen kann

Im Trauma-Bewältigungszentrum von CARE können Kinder und Erwachsene über ihre Erlebnisse sprechen

Der 16. Juni wurde 1976 von der Organisation für afrikanische Einheit, der heutigen Afrikanischen Union, zum „Tag des afrikanischen Kindes“ erklärt. Anlass für den Gedenktag war der Tod von Schulkindern in Soweto, Südafrika. Seither wird der 16. Juni Kindern in ganz Afrika gewidmet, um auf ihre teilweise sehr schwierige Situation aufmerksam zu machen. Laut UNICEF werden Kinder in Afrika häufig Opfer von körperlicher, emotionaler und sexueller Gewalt in Schulen, zu Hause und öffentlichen Einrichtungen.
Gerade mal in 16 Ländern ist das Recht auf gewaltfreie Erziehung gesetzlich verankert, darunter auch in Deutschland. CARE hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kinder in schwierigen Situationen zu unterstützen und ihnen zu zuhören. Wie im Fall des kleinen Mignon.


Der sechsjährige Junge, mit dem wir sprechen, heißt „Mignon“. Das heißt „süß“ auf Französisch. Der Name passt zu ihm, aber nicht zu seinem Leben.

Mignon und sein Vater, Tiehi Didier, wohnen in einem Flüchtlingscamp in Duékoué im Westen der Elfenbeinküste. 10.000 Menschen leben hier, die seit der umstrittenen Wahl Ende letzten Jahres auf der Flucht sind. Das Schicksal des kleinen Mignon und seines Vaters zeigen, wie wichtig es manchmal ist, offen sprechen zu können und jemanden zu haben, der einem dabei zuhört.

Vor zwei Monaten fuhren Mignon und seine Mutter nach Dabou, eine Küstenstadt, in der seine Mutter regelmäßig Maniok erwarb, den sie in Abidjan verkaufte. Wie die meisten Menschen in der Elfenbeinküste hat auch Mignons Mutter kein Auto.

 

Der Mann, der sie mitgenommen hatte, trug eine Waffe bei sich

Deswegen nutzten sie – wie sonst auch – eine Mitfahrgelegenheit. Als sie fast zu Hause in Abidjan angekommen waren, wurden sie durch eine Straßenblockade gestoppt. Mignons Mutter wusste nicht, dass der Fahrer des Autos eine Waffe bei sich trug. Als die Männer, die sie bei der Straßenblockade anhielten, die Waffe fanden, mussten alle aus dem Auto aussteigen.

„Sie haben den Fahrer des Autos getötet“, erzählt Mignon leise. „Dann haben sie zu meiner Mutter gesagt, dass sie ihre Augen schließen soll. Dann haben sie auch sie getötet.“ Er steht auf und versteckt sich hinter seinem Vater.

„Mignon rannte nach Hause, um Hilfe zu holen“, sagt Tiehi. „Seine Tante rief mich dann an.“

Tiehi hofft, dass die Sozialarbeiter des Zentrums für Trauma-Bewältigung seinem Sohn helfen können. Er ist Schulleiter und versteht genau, warum es so wichtig ist, traumatisierten Kindern zu helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Auch er erlebte Gewalt nach den Wahlen. Getrennt von seiner Frau, lebte Tiehi in einem anderen Stadtteil von Abidjan. In dieser Zeit wurde sein Haus niedergebrannt, er wurde verhaftet und kam ins Gefängnis.

 

Mignon kann nicht schlafen. Der Schulbesuch ist zu teuer

„Ich wurde für vier Tage an den Füssen fest gekettet. Sie dachten, ich sei Mitglied einer Rebellengruppe. Doch ich konnte sie letztlich davon überzeugen, mich gehen zu lassen“, sagt er. Tiehi, Mignon und seine vier Geschwister fanden im Camp eine Unterkunft. Das Camp wurde für Binnenflüchtlinge in Duékoué errichtet.

„Ich weiß nicht, was ich mit Mignon machen soll“, sagt Tiehi leise. „Er kann nicht schlafen. Er hat keine Ablenkung. Er fragt, wann er wieder zur Schule gehen kann, aber wir haben im Moment kein Geld, um ihn in die Schule zu schicken. Wir haben ja nicht einmal ein Zuhause.“

CARE arbeitet mit der lokalen Organisation ASAPSU zusammen, um Opfern von Gewalt eine intensive Betreuung zu ermöglichen, damit sie über ihre Gefühle, ihre Angst, Trauer und vielleicht auch Gefühle der Rache hinwegkommen.

 

Zuhören und voneinander lernen für eine friedliche Zukunft

Besonders schwere Fälle überweist das Trauma-Bewältigungszentrum an professionelle Psychologen. Das ist ein erster, aber entscheidender Schritt, nicht nur, damit es jedem einzelnen Menschen besser geht, sondern auch, um Gewalt vorzubeugen.

CARE hat viel Erfahrung mit Projekten zur Verständigung und Aussöhnung verschiedener Gruppen. CARE konnte beispielsweise in der Elfenbeinküste zwischen Christen und Muslimen, Bauern und Viehzüchtern, Bozo-Fischern und lokalen Fischern vermitteln. CARE ist dabei überzeugt, dass es mehr Dinge gibt, die eine Gruppen einen, als solche, die sie entzweien.

Nur, wenn sie einander zuhören und voneinander lernen, können diese Gruppen einer gemeinsamen Zukunft entgegen blicken, in der Kinder wie Mignon endlich wieder gut schlafen können.

CARE hilft in der Elfenbeinküste! Unterstützen Sie die Arbeit mit Ihrer Spende.