Erdbeben Ecuador: „Das Ende der Welt“

Eine Minute reicht, um die Welt auf den Kopf zu stellen. Wie ein Kind das Erdbeben in Ecuador erlebte.

Ein Samstag im April. Es ist der Tag ihrer Taufe. Seit Wochen bereitet sich Tatiana darauf vor. Am Abend ist ein gemeinsames Essen mit ihren Eltern, Geschwistern und Verwandten geplant, auf das sie sich schon lange freut. Das Fest soll unvergesslich werden. Bevor es losgeht, ruht sich die Familie auf dem Sofa aus. Plötzlich fangen die Wände an zu wackeln. Jorge, Tatianas Vater, greift die Hand seiner Tochter und zieht sie zu Boden. „Ich wusste nicht, was passiert. Ich dachte, es wäre das Ende der Welt“, erzählt die Sechsjährige.

Tatiana hört dabei zu, wie Häuser in ihrer Nachbarschaft einstürzen. Draußen reißen elektrische Leitungen, Rohre werden beschädigt. Wasser dringt in das Haus der fünfköpfigen Familie ein. Eines der schwersten Erdbeben seit 1987 erschüttert Ecuador. Über 500 Menschen verlieren ihr Leben, mehr als 8.000 werden verletzt. „Die Luft pfiff durch unser Haus. Es hörte sich an, als ob ein Geist zu mir sprechen würde“, erinnert sich Tatiana. „Wir bewegten uns mit dem Haus und unseren Möbeln. Wir schwammen auf einer Welle.“

Als die Erde sich wieder beruhigt, sehen sie das Ausmaß der Zerstörung. In den Wänden befinden sich große Risse, ihr Haus ist unbewohnbar und all ihre Habseligkeiten liegen in Schutt und Asche. Kleinstädte im Nord-Westen von Ecuador sind besonders von dem Beben betroffen. Über 1.100 Häuser gleichen dem Erdboden, mehr als 23.500 Menschen leben in selbstgebauten Notunterkünften.

Leben in einer Geisterstadt

Auch Tatianas Familie lebt außerhalb der Stadt, in den Bergen. Aus Stöcken und Plastikplanen baute sich die Familie ein Dach über dem Kopf. Tagsüber kommen alle zusammen in das Haus zurück, um zu sehen, was noch zu retten ist und um die Zimmer von Trümmern zu befreien. „Sobald die Sonne untergeht, habe ich große Angst. Mein Zuhause ist eine Geisterstadt. Ich habe gesehen, wie ein Mann tote Körper weggebracht hat. Ich will nicht mehr hier sein“, erklärt Tatiana mit Tränen in den Augen. „Als unser Haus wackelte, habe ich meinen Kopf verletzt. Ich hatte noch nie so große Angst. Meine Taufpatin ist durch das Erdbeben gestorben. Wenn ich an meine Taufe denke, werde ich mich immer nur daran erinnern.“

In den letzten Tagen hat es hunderte von Nachbeben gegeben. Besonders für Kinder ist das eine große Belastung. Sie haben Angst wieder in die Städte zurückzukehren, weil sie mit ansehen mussten, wie Freunde und Nachbarn regungslos unter Trümmern begraben lagen. „Wir brauchen dringend psychosoziale Hilfe für Kinder und Jugendliche in der Region“, sagt Jorge, Tatianas Vater. Viele Kinder kehren tagsüber mit ihren Eltern zu ihrem Wohnort zurück, weil sie nicht zur Schule gehen können. Das Erdbeben hat über 280 Bildungseinrichtungen zerstört. CARE plant in den nächsten Wochen, psychosoziale Hilfe zu leisten und Kindern und Jugendlichen Freizeitaktivitäten anzubieten.

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