„Es besteht eine dauerhafte Unterversorgung“

Interview mit Jürgen Bartels, Projektreferent für die Russische Föderation

Herr Bartels, Sie sind seit Jahrzehnten in Russland tätig. Wie hat sich die Situation vor Ort in den letzten Jahren gewandelt?

Jahrzehnte ist vielleicht nicht ganz angebracht, das klingt schon fast historisch. Aber ich bin wirklich schon relativ lange mit den Projekten in Russland aktiv verbunden. Und zwar genau seit dem 18. Februar 1991. Seitdem hat sich außerordentlich viel getan. War es zu den Anfangszeiten kaum möglich, schnell direkte Kontakte herzustellen, so ist das heute kein Problem mehr. Meine Projektpartner sind größtenteils per Telefon, Fax und per E-Mail erreichbar. Das vereinfacht die Umsetzung der Projekte sehr.

Allerdings gibt es doch noch ein großes Gefälle zwischen den Städten und den weitab von Moskau entfernten Regionen. Die Mehrzahl der Projekte führen wir in der Republik Tywa durch, also etwa 6.000 Kilometer von Moskau entfernt. Dort spürt man den Unterschied zwischen der Hauptstadt, in der sich unsere direkten Ansprechpartner befinden, und den umliegenden Regionen auch heute noch deutlich.

Auch die Menschen selbst haben sich verändert. Und das zum Vorteil. Durch den jetzt möglichen internationalen Kontakt sind sie freier in ihrem Denken geworden. Sie haben Zugang zu Dingen, die ihnen sonst verwehrt waren. Das betrifft fast alle Ebenen, sowohl den medizinischen und sozialen als auch den wirtschaftlichen Bereich.

 

Die Projekte von CARE sollen vor allem Kindern, die tuberkulosekrank sind oder Behinderungen haben, sowie älteren Menschen zugute kommen. Was sind für diese Menschen die größten Schwierigkeiten?

Die großen Schwierigkeiten liegen vor allem darin, dass diese Menschen nicht die nötige Beachtung in und durch die Gesellschaft erfahren. Ich beziehe da ausdrücklich auch die Schulbildung von behinderten Kindern ein. Besonders bei ihnen wird deutlich, wie schwer sie es haben, eine gute Schulbildung zu erhalten, eine fortführende Ausbildung wahrzunehmen und schließlich einen adäquaten Arbeitsplatz zu finden. Das erschwert die Integration in die Gesellschaft, die in vielen Fällen auch nicht gelingt.

Beispielsweise sehbehinderte Kinder müssen, sofern sie überhaupt die Schule besuchen, am Unterricht in „normalen“ Klassen teilnehmen. Das Ergebnis ist, dass sie dem Lehrstoff nicht folgen können und so für ihr weiteres Leben auf der Strecke bleiben.

Die älteren Menschen leiden sehr darunter, dass sie nach vielen Jahren harter Arbeit kein sorgenfreies und menschenwürdiges Leben führen können. Ihr Pensionärsleben ist von Enthaltsamkeit und Verzicht geprägt.

 

Was genau macht CARE, um diesen Menschen zu helfen?

CARE macht sich vor Ort kundig über die Situation in dem jeweiligen Bereich, der unterstützt werden soll. Da ich bereits mehrfach in Tywa war, kenne ich die Lage dort sehr gut und habe viele Kontakte zu den Personen, mit denen die Projekte realisiert werden sollen. Meine Ansprechpartner kenne ich fast alle persönlich. Dem Projektbeginn geht ein intensiver Informations- und Meinungsaustausch voraus. Je nach Bereich hole ich mir die Meinung deutscher Fachleute auf dem Gebiet ein.
 
Es besteht ein ständiger Kontakt zwischen den Projektpartnern und CARE. Bei Besuchen vor Ort informiere ich mich über die Wirksamkeit des Projektes und suche auch das Gespräch mit den zuständigen Politikern.

 

Was sind die größten Herausforderungen, die Sie bei Ihrer Arbeit bewältigen müssen?

Vielleicht ist es besser getroffen, wenn ich einige Dinge erwähne, die die Arbeit erschweren. Ungeachtet der Fortschritte ist in den Einrichtungen noch immer eine sehr starke Haltung der unbedingten dienstlichen Unterordnung zum Vorgesetzten zu verzeichnen. Das engt zum Teil die Gesprächs- und Entscheidungsfähigkeit  der Mitarbeiter ein. Hier wirken die alten Strukturen noch deutlich.

In den Regionen ist die telefonische Kommunikation innerhalb einer Einrichtung weit unterentwickelt. Die Telefone sind nicht vernetzt. Im Tuberkulose-Krankenhaus in Tywa gibt es nur zwei oder drei zentrale Telefonnummern. Wenn ich einen Mitarbeiter sprechen möchte, dann muss die Sekretärin losrennen und ihn suchen und ans Telefon bitten. So kommt es, dass ein Telefongespräch mit dem Gesprächspartner unter Umständen sehr viel Zeit in Anspruch nimmt oder gar nicht gelingt. Außerdem spielt der Zeitunterschied mit sechs Stunden eine Rolle.

Aus der Praxis weiß ich, dass Überweisungen nach Russland sehr kompliziert sind. Zusammen mit der Buchhaltung von CARE freuen wir uns jedesmal, wenn die Kunde der erfolgreichen Überweisung eintrifft. Die Schwierigkeit liegt nicht darin, dass der Weg nicht sicher ist oder Geld fehlgeleitet wird, sondern dass die Bankleitzahlen, Kontonummern und sonstige Kennziffern eine astronomische Länge haben und die Banken nicht über international übliche Kontonummern und Bankidentifikationen verfügen. Der erste Versuch der Überweisung gelingt selten. Ab und zu bekommt man auch noch, so wie früher, die Willkür der Mitarbeiter und Beamten zu spüren. Das betrifft die Flüge innerhalb Russlands, die Zollbestimmungen, die Hotelbuchungen.

 

Wie reagieren die Menschen auf Ihre Hilfe? Was erzählen sie Ihnen, über ihre Schwierigkeiten?


In allen Fällen sind sie dankbar für die Hilfe. Sie staunen darüber, dass sich Menschen, die  weit entfernt von ihnen leben, Gedanken über sie machen und ihnen helfen. Bei den älteren Einwohnern ist die Aussage dominierend, dass es ihnen zu Sowjetzeiten besser ging. Trotz aller Defizite war die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln gesichert, eine Urlaubsreise war möglich, ihre Kinder konnten gegen ein symbolisches Entgelt ihre Ferien in Ferienlagern verbringen.

Im medizinischen Bereich sind die Ärzte und Krankenschwestern unzufrieden mit der Situation, dass viele notwendige Maßnahmen wegen Mangel an Finanzen nicht realisiert werden können. Es besteht eine dauerhafte Unterversorgung. Das betrifft nicht so sehr die Medikamente, sondern vor allem die medizinischen Geräte.

Alle Projekte in Russland sind mit einem engen persönlichen Kontakt verbunden. Da ich diese Projekte, früher noch gemeinsam mit meiner Kollegin Frau Wanzke, seit Beginn betreue, hat sich ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis entwickelt. Da werden mir viele Dinge erzählt, die bis in die Privatsphäre hineinreichen. Das beruht auch darauf, dass wir unsere Partner stets respektiert haben, uns ihre Meinung anhören und in jedem Falle deutlich gesagt haben, was von unserer Seite machbar ist und was nicht.