Es könnte so einfach sein

Auch am Muttertag sterben weltweit über 1.000 Frauen an den Folgen von Schwangerschaft und Geburt

Ein Kommentar der CARE-Mitarbeiterin Johanna Mitscherlich

Bei meiner Arbeit in der Hilfsorganisation CARE geht es ständig um Katastrophen. Es vergeht kaum ein Tag ohne Schreckensmeldungen über Naturkatastrophen, Kriege und enorme Flüchtlingsströme, kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo die Erde bebt – tatsächlich oder nur sprichwörtlich.

In der medialen Bilderwucht aktueller Krisen- und Katastrophengebiete gehen die täglichen, leisen Katastrophen häufig unter. Es sind persönliche Katastrophen, wie die von Antonia Pacco Cabana aus Peru, die bei der Geburt ihres 8. Kindes starb. Eine Frau, die sterben musste, weil die nächste Gesundheitsstation oder das nächste Krankenhaus viele Kilometer entfernt ist, weil es an Fachpersonal fehlt, weil Straßen im Hochland der Anden schwer passierbar sind, weil funktionierende Krankenwagen Mangelware sind. Als der Arzt, den ihr Mann Lorenzo zur Hilfe holte, eintraf, war Antonia bereits tot, weil die Plazenta den Gebärmutterhals blockierte und schwere Blutungen zum Herzstillstand führten.

Länder im südlichen Afrika oder Südasien haben die höchste Müttersterblichkeitsrate

Ein Einzelschicksal? Leider nein. Antonia ist nur eine von 1.000 Frauen, die weltweit täglich an Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen sterben. 1.000 Frauen täglich – das ist eine jede 90 Sekunden. Zweifellos ist es ein großer Erfolg, dass die Müttersterblichkeit seit 1990 weltweit um mehr als ein Drittel reduziert wurde. Aber Länder im südlichen Afrika oder Südasien werden von diesem Fortschritt kaum erreicht.

Immer noch sterben jährlich über 350.000 Frauen durch Gefahren wie erhöhten Blutdruck, Blutarmut, Blutungen, Gebärmutterrisse und Infektionen – nahezu 100 Prozent dieser Frauen leben in Entwicklungsländern. Ich glaube nicht, dass wir diese Zahlen wirklich begreifen. Ich bezweifle, dass uns bei all den Zahlen, Fakten und Prozenten die uns tagtäglich begleiten, die Dimensionen ihrer Realität noch bewusst werden können. Ich glaube, dass es für uns in Deutschland, wo nur eine von 11.100 Frauen bei der Schwangerschaft oder Geburt stirbt, einfach nicht vorstellbar ist, dass es in Afghanistan jede elfte ist. Jede elfte Frau – das ist eine aus jeder Frauenfußballmannschaft!

Die Senkung der Müttersterblichkeit ist eines der Millenniumsentwicklungsziele

Ohne Zweifel, die Schicksale von Frauen wie Antonia berühren uns, ihre Ehemänner und Kinder tun uns leid, vielleicht sind wir sogar wütend auf die Politik, die diese täglichen Katastrophen zulässt. Schließlich haben sich im Jahr 2000 147 Staaten bei der Unterzeichnung der 8 Millenniumsentwicklungsziele dazu verpflichtet, die Müttersterblichkeit bis 2015 um 75 Prozent zu senken! Auch die deutsche Bundesregierung hat die Millenniumsentwicklungsziele unterzeichnet. Allerdings wurden die bereits zugesagten Mittel zur Senkung der Müttersterblichkeit nicht im vollen Umfang bereitgestellt.

Sicher, Zusagen, Versprechen und ihr Nichteinhalten gehören zur Politik. Aber das fünfte Millenniumsziel könnte tatsächlich noch erreicht werden. Es muss erreicht werden, damit auch andere Ziele erreicht werden können. Warum schlägt sich die versprochene Verantwortung im 2011 von der Bundesregierung verabschiedeten Haushalt und dem vorgesehenen Etat für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung nicht nieder?

Kinderkriegen muss nicht tödlich enden

Was mich aber vor allem verwundert ist, dass so selten thematisiert wird, wie unnötig diese Katastrophen sind, dass Kinderkriegen schlichtweg nicht tödlich sein muss. Es sind keine Wunder, die geschehen müssen, um Müttersterblichkeit zu senken. Es braucht keine flächendeckende Errichtung von Krankenhäusern oder die Einfuhr von Spezialisten aus dem Ausland, um Familien ihr Herzstück, ihre Seele und ihren Anker nicht zu entreißen.

Diese Mütter sterben nicht, weil ihre Rettung nicht möglich ist. Es bedarf lediglich einiger einfacher Maßnahmen, die noch nicht einmal teuer sind. Es sind einfache Mittel und medizinische Versorgung, die 80 Prozent der Frauen, die bei der Geburt sterben, das Überleben sichern können. Auch Antonias Zustand war ernst, aber ihr Tod vermeidbar. Allein durch die Anwesenheit einer geschulten Hebamme hätte Lorenzo heute wahrscheinlich noch eine Frau und Adolfo und seine sieben Geschwister noch eine Mutter.

Es ist also keine Frage des Schicksals oder einer Naturgewalt – wie bei einem Erdbeben oder Tsunami –  sondern eher eine Frage des politischen Willens, das heißt, den Zugang zu medizinischer Betreuung, reproduktiver Gesundheitsdienste und die Investition in die Ausbildung von Fachkräften zu gewährleisten.

Die Projekte in Peru haben auch ohne enorme Ausgaben große Erolge

CARE-Projekte in der Ayacucho-Region in Peru zeigen, dass es durchaus möglich ist, das fünfte Millenniumsziel zu erreichen: Durch die Verbesserung der medizinischen Versorgung konnte die Müttersterblichkeit hier bereits um 50 Prozent gesenkt werden. CARE-Mitarbeiter bilden medizinisches Personal aus und helfen, die Gesundheitsdienstleistungen zu verbessern. Dabei wird auch darauf geachtet, dass Geburtshelfer die lokale Quechua-Sprache sprechen und mit ausreichendem medizinischem Material ausgestattet sind. Notfallpläne, Listen mit lokalen Transportmöglichkeiten, Ankündigung von Notfällen über Funksprechgeräte, effizientere Systeme zum Management von Geburtsnotfällen – alles einfache Maßnahmen, aber Maßnahmen, auf die es im Notfall ankommt.

Gerade, weil es so einfach wäre, empört es mich, dass die Unterzeichner der Millenniumsentwicklungsziele, diesem fünften Ziel nicht genügend politische und finanzielle Unterstützung schenken. Aber ist es tatsächlich nur empörend? Mir erscheint es manchmal schlichtweg unbegreiflich, unlogisch, kontraproduktiv, ich traue mich sogar zu sagen: dumm. Sicherlich, gesunde Mütter sind auch ein wichtiges Ziel für sich selbst. Aber es ist seit langem klar, dass Müttergesundheit auch zentral für die Erreichung der anderen sieben Entwicklungsziele ist. Wie kann es dann sein, dass es bisher von allen Entwicklungszielen den geringsten Fortschritt erzielt hat? CARE weiß aus jahrzehntelanger Erfahrung als international agierende Hilfsorganisation, dass das Überleben von Müttern mit der lokalen, nationalen aber auch internationalen Entwicklung unumstößlich verwoben ist.

Der Tod einer Mutter hat starke wirtschaftliche Auswirkungen

Von der Projektarbeit weiß CARE, was passiert, wenn die Gesundheit von Frauen unter den Tisch fällt, wenn ihr Recht, ein eigentlich großes Geschenk – die Geburt eines Kindes – nicht zu überleben, missachtet wird: Denn wo Mütter sterben, werden nicht Ehemänner und Kinder zurückgelassen. Wo Mütter sterben, wird Armut zu einer Endlosspirale nach unten. Wo Mütter sterben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch ihre Kinder ihr zweites Lebensjahr nicht erreichen, zehnmal höher. Wo Mütter sterben, werden Kinder aus der Schule geholt, müssen Geld verdienen, werden krank. Gesunde Mütter sind das Fundament, auf dem jede Gesellschaft baut. Und wir müssen kein Architekt sein, um zu wissen, dass ohne ein festes Fundament alles ins Wackeln gerät. Selbst, wenn wir den Altruismus beiseite lassen, von einer wirtschaftlichen Warte aus gesehen ist die humanitäre Katastrophe nicht tragbar: Über 15 Milliarden US Dollar – so die Angaben des UN-Generalsekretärs Ban Ki Moon – gehen der Weltgemeinschaft jährlich an Produktivität verloren, weil Mütter sterben. Wenn Müttersterblichkeit also alle betrifft, wenn selbst die ökonomischen Konsequenzen gravierend sind, gibt es denn dann eine bessere Investition als in die Gesundheit von Müttern?

Deutschland als Schlusslicht beim Kampf gegen Müttersterblichkeit

Wir hier in Deutschland halten Mütter hoch, wir feiern den Muttertag, kämpfen auch hierzulande für eine größere Gerechtigkeit, damit Frauen ihre Rollen als Mutter auch mit ihrem Job vereinbaren können. Es passt nicht zusammen, dass Deutschland dann bei seiner Investitionsbereitschaft in Müttergesundheit weit hinter anderen Industrienationen zurückfällt. Eine Zusage zu bekräftigen, sie zu erweitern, bedeutet für mich, dass die Wichtigkeit des Themas und die Verantwortung anerkannt werden.
Schicksale wie Antonias sind Zeugnis davon, wie lebensnotwendig Veränderungen sind, sie sind Zeugnis eines Todesurteils für Frauen, die keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Sie sind aber auch Zeugnis davon, wie Initiativen durch kleine Veränderungen die „unsichtbare Epidemie“, wie die WHO Müttersterblichkeit nennt, eindämmen. Eins sollten Schicksale wie Antonias ohnehin deutlich machen: Die Kosten des Nichtstuns sind viel zu groß, vor allem, weil es doch so einfach wäre.

CARE Deutschland-Luxemburg rückt das Thema Müttersterblichkeit ab Ende April mit der Jahreskampagne „Lebensband – Mütterglücksbringer gesucht“ in den Vordergrund. Ab dem 1. Mai lädt CARE auf zahlreichen Veranstaltungen und im Internet unter www.care-lebensband.de dazu ein, sich für die Senkung der Müttersterblichkeit zu engagieren.

Erschienen in der Zevener Zeitung am 10.04.2011