"Essen in Schichten"

Äthiopien-Blog des CARE-Pressesprecher Thomas Schwarz

Pressesprecher Thomas Schwarz begleitet den CARE-Vorsitzenden Heribert Scharrenbroich auf einer Erkundungsreise ans Horn von Afrika. Scharrenbroich verschafft sich dort ein Bild von der schlechten und bedrohlichen Ernährungslage für Millionen von Menschen. Ziel der Reise sind Äthiopien und Kenia. Hier die persönlichen Eindrücke von Thomas Schwarz.

Während wir Gespräche führen in Addis Abeba, melden manche Medien, dass die „große Katastrophe“ ausgeblieben sei. Das stimmt, wenn man es mit der Hungersnot 1984 vergleicht. Aber was heißt das für die Menschen schon, die jeden Tag auf der Suche nach bezahlbarem Essen sind – oder überhaupt nach essen? Für sie ist es eine äußerst akademische Frage, wenn überhaupt eine.

In diesem Zusammenhang hatte ich eine Art dejà vu: Als ich 2005 mit Heribert Scharrenbroich im Niger war, um einen Eindruck von der dortigen Dürre zu gewinnen, fragten manche: „Man sieht im Fernsehen niemanden, der einen Hungerbauch hat. Das sieht ja gar nicht so aus, als ob die Hunger hätten.“

Stimmt: Es sieht manchmal gar nicht so aus. Was wir aber sehen und hören müssen: Die Schulen sind leer, in denen es sonst mittags wenigstens eine kleine Speisung gibt. Und die Lehrerinnen wissen nicht, was die Kinder in der Zwischenzeit zu essen bekommen – und: ob überhaupt etwas. Die Gelder, die für die Selbsthilfegruppen – auch durch Spenden – zur Verfügung gestellt werden, reichen nicht mehr für alle. Das Essen ist sehr, sehr teuer geworden. Die sogenannte „Nahrungsmittelkrise“ hat auch hier längst zugeschlagen. Die Preise haben sich innerhalb von einem Jahr zum Teil verdreifacht, ob für Bananen, Ingwer, Zwiebeln oder Getreide.

Es gibt einen Begriff, den ich gehört habe, der mich geschockt hat: „Essen in Schichten“. Ein Deutscher, der in Addis Abeba lebt, erzählte von seinen Nachbarn Folgendes: Die Nachbarn haben fünf Kinder. Montags isst der Älteste, Dienstags der Zweite, Mittwochs Mittag die beiden Mittleren und dann abends wieder der Älteste, dann aber nur wenig. Und das Baby bekommt jeden Tag ein bißchen. So wird derzeit in Äthiopien „gelebt“.

Man sieht es ihnen wirklich nicht an, auch nicht Mohamed, den ich in der Nähe des Nationalstadions in Addis traf. Da, wo der Slum Ketema Sub-city angrenzt. Wir haben ein bißchen Fußball gespielt und zusammen gelacht und Blödsinn gemacht. Sieht er aus, als ob er Hunger hat? Ich habe ihn danach gefragt: „Ja, ich habe ein bißchen Haferbrei gegessen. Ja – war lecker.“ Mohamed hat Glück. Anders als die Nachbarn des Deutschen in der Hauptstadt bekommt er jeden Tag etwas, hat er gesagt.