Flüchtlinge in Griechenland: Unter derselben Sonne

Voulas Mutter war selbst Flüchtling. Heute unterstützt sie Menschen, die aus Syrien nach Griechenland geflohen sind.

Voulas Mutter musste fliehen, als ihr Dorf im Norden Griechenlands in den 1940ern von der deutschen Wehrmacht des NS-Regimes angegriffen wurde. Viele ihrer Freunde und Nachbarn wurden getötet. Ihr Sohn war damals gerade einmal zwölf Tage alt. Sie musste alleine mit ihrem Neugeborenen und drei Waisenkindern fliehen, die niemanden mehr hatten. Die anderen Dorfbewohner wollten nicht, dass sie sich ihrer Gruppe anschloss. Sie hatten Angst davor, dass das schreiende Baby sie verraten könnte. Nach einer tagelangen Wanderung ohne Wasser und Essen gelangte Voulas Mutter endlich ein sicheres Dorf. Während der nächsten Monate und Jahre öffneten fremde Menschen ihre Häuser und Herzen für sie und die Kinder.

„Als ich im Fernsehen die leidenden Gesichter der Flüchtlinge sah, musste ich weinen. Sie erinnerten mich an die Flucht meiner Mutter und mir wurde klar, dass vor nicht allzu langer Zeit auch meine Familie alles verloren hatte und Schutz suchte“, erzählt Voula Takis heute. Sie ist eine außergewöhnliche, charakterstarke Frau, mit scharfem Verstand und einem großen Herzen. Während der griechischen Finanzkrise gründete sie ein Hilfsnetzwerk für Frauen. Denn die seien, sagt Voula, am stärksten von Sparmaßnahmen, Armut und Beschäftigungslosigkeit betroffen.

Gestrandet in Griechenland

Diesen Februar schlossen Mazedonien und andere Länder ihre Grenzen. Seitdem sind 49.000 Flüchtlinge auf dem griechischen Festland gestrandet. „Wir sind alle Menschen, wir leben unter derselben Sonne und wollen in Frieden leben mit denen, die wir lieben“, so Voula. Sie und die anderen Frauen kümmern sich nun um fünf Flüchtlingsfamilien. Diese Familien lebten vorher unter elendigen Bedingungen im Flüchtlingscamp in Idomeni, ohne Schutz, ausreichende Toiletten und sanitäre Einrichtungen.

Itahani (24), ihr Mann Sahar (31) und ihre einjährige Tochter Maizun sind eine der fünf Familien, die bei Voula und den anderen Frauen aus dem Hilfsnetzwerk wohnen. Sie rotieren wöchentlich, weil die griechischen Familien aufgrund der Wirtschaftskrise selbst finanzielle Schwierigkeiten haben und die Flüchtlingsfamilien nicht täglich mit Essen versorgen können.

Itahani ist hochschwanger. In einem Monat wird sie ihr Kind bekommen. Ursprünglich arbeitete sie als Zahnarzthelferin in Syrien. Fünfmal zog ihre Familie innerhalb von Aleppo um. Jedes Mal wurde ihre Wohnung von einer Bombe zerstört. Für ihre Reise nach Nordeuropa mussten sie knapp 2.700 Euro bezahlen. Als sie in Idomeni ankamen, war die Grenze zu Mazedonien noch geöffnet. „Die Schmuggler drängten uns, sie schnell zu überqueren. Ich wollte nicht, dass meine schwangere Frau in den Menschenmassen verletzt wird. Deswegen wollte ich erst noch ein paar Tage warten“, erzählt Sahar. Am nächsten Tag wurde die Grenze auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Ein Lichtblick: Gastfreundschaft der Griechen

Heute treffen sich Voula und die anderen Frauen mit den Flüchtlingsfamilien zum Tee. Ein kleiner Junge malt Bilder von Bomben und Blut auf ein Blatt Papier. „Agapi mou, mein Schatz“, sagt Voula und versucht seine Aufmerksamkeit auf ein kleines Spiel zu lenken – weg von den schrecklichen Erinnerungen. Die Frauen singen griechische Lieder, zu denen die Syrer arabische Melodien beitragen. Sie sprechen nicht dieselbe Sprache, haben eine andere Nationalität und nur wenig materiellen Besitz. Dennoch teilen sie die wenigen Gegenstände, die sie haben, mit viel Liebe und Mitgefühl.

Itahani und Sahar haben wie die anderen Familien, um die Voula sich kümmert, Bargeld von CARE und seiner Partnerorganisation Solidarity Now bekommen. Itahani möchte davon Windeln für ihr Baby, Medikamente und auch ein kleines Geschenk für ihre Gastgeber kaufen. „Ich hoffe, ich kann ihnen zeigen, wie viel uns ihre Großzügigkeit bedeutet. Eines Tages will ich sie nach Syrien einladen, wenn unser wunderschönes Land wieder zu einem Ort des Friedens geworden ist.“