„Wir hielten Europa für zivilisiert.”

In Afghanistan arbeitete er in ständiger Lebensgefahr als humanitärer Helfer. Nun sitzen Ghulam und seine Familie in Griechenland fest, wo sie auf ein neues Leben hoffen.

„Okay, ich erzähle dir meine Geschichte. Und du darfst auch ein Foto machen. Aber du musst wissen, dass du schon die vierte Besucherin diese Woche bist, die mich über meine Situation ausfragt. Und trotzdem bekommt meine Familie keine Hilfe. Wir haben genug davon.”

Ghulams Worte lassen mich kurz inne halten. Wir sitzen in einem kleinen Raum in einem ehemaligen Militärcamp außerhalb von Athen, in dem etwa 200 afghanische Flüchtlinge untergebracht sind. Seitdem im März der EU-Türkei-Deal ins Leben gerufen wurde, werden die Grenzen zwischen der Türkei und Griechenland und entlang der sogenannten „Balkanroute” strenger kontrolliert. Immer weniger Menschen reisen in den Norden. Für rund 60.000 Menschen hatte diese politische Entscheidung brutale und unmittelbare Folgen: Sie sitzen nun in Griechenland fest und warten darauf, dass die Behörden über ihr Schicksal entscheiden. Syrer und Iraker dürfen eine Familienzusammenführung beantragen, sofern ein enger Verwandter bereits in einem anderen EU-Land lebt. Sie können auch eine Umsiedlung beantragen. Dieses Verfahren hängt jedoch stark von der Aufnahmebereitschaft der EU-Mitglieder ab. Unmengen von Papier müssen bearbeitet werden, dann dürfen sie legal in ihr neues Gastland reisen. Aber Afghanen fallen unter keine der beiden Kategorien. Ihre einzige Hoffnung ist es, in Griechenland ein Visum zu bekommen. In den Flüchtlingscamps warten sie darauf, dass ihr Antrag bearbeitet wird.

Ghulam ist in den Vierzigern und stolzer Vater von vier Kindern. Sie sitzen um ihn und seine Frau Toba herum, während wir uns unterhalten. Der 14-jährige Sohail spricht fehlerfrei Englisch und bringt sich gerade selbst Deutsch bei, weil seine Familie nach Deutschland gehen will. Dort wartet bereits sein Onkel, Ghulams Bruder, auf sie. Seine Brüder Zobair und Saleh sind zwölf und zehn Jahre alt. Schüchtern, aber mit gespitzten Ohren und großen Augen lauschen sie der Unterhaltung. Ihre kleine Schwester Mahmoudah ist erst sechs. Wie ihre Geschwister ist sie seit der Flucht aus Afghanistan nicht mehr zur Schule gegangen. Trotzdem ist sie stolz auf ihre Fähigkeiten: unermüdlich zählt sie bis zehn – auf Griechisch.

Humanitäre Helfer werden zur Zielscheibe


Der älteste Sohn der Familie, Sohail, wirkt für sein Alter sehr erwachsen. Er schildert die gefährliche Reise von Afghanisten durch den Iran und die Türkei nach Griechenland: „Wir hatten schreckliche Angst, dass die Soldaten uns aufspüren. Die Schmuggler setzten uns mit 20 anderen in ein Taxi und wiesen uns an, leise zu sein. Für die Fahrt durch die Berge wurden wir auf LKW verfrachtet, über 100 Menschen waren auf der Ladefläche. Der Fahrer raste auf kaputten Straßen die Serpentinen hinauf, wir wurden stark durchgeschüttelt und klammerten uns verzweifelt an allem fest, das wir finden konnten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Wenn wir gestorben wären, hätte das niemanden interessiert. Darüber möchte ich gar nicht nachdenken…”

Sohails Vater Ghulam wirkt müde, als er über die Gründe spricht, warum sie ihr Zuhause aufgeben und alles zurücklassen mussten: „Damals war ich sozusagen ein Kollege von dir. Zehn Jahre lang habe ich für eine internationale Hilfsorganisation gearbeitet. Ich habe Politikwissenschaft studiert. Meine Frau ist Hebamme und Gesundheitserzieherin. Meine Kinder haben eine internationale Schule besucht und wir mussten hart arbeiten, um ihnen eine gute Bildung zu ermöglichen.” Ghulam zeigt auf eine Narbe an seiner Stirn. Dort hat ihn eine Kugel getroffen. „Die bewaffneten Gruppen sagten, ich würde für den Feind arbeiten. Ständig bekam ich Todesdrohungen. Ich hatte Angst um mein Leben und um meine Familie. Ich wollte Afghanistan nicht verlassen, aber wir hatten keine Wahl. Als Hilfsarbeiter half ich dabei, das Leben meiner Landsleute zu verbessern. Doch dadurch machte ich mich zur Zielscheibe.

Toba, die Mutter, erinnert sich an die gefährliche Überfahrt von der Türkei nach Griechenland: „Ich hatte solche Angst, dass meine Kinder sterben würden. Niemand von uns kann schwimmen. Als wir das Ufer erreichten, waren dort Menschen, die uns aus dem Wasser zogen – ich bin ihnen unendlich dankbar, dass sie uns gerettet haben.”

Jetzt gibt es für die Familie nur zwei Möglichkeiten. „Entweder zahlen wir viel Geld an einen Schmuggler, um illegal nach Deutschland zu kommen. Oder wir warten ab, bis wir in Griechenland registriert werden und unser Asylantrag bewilligt wird. Aber ich kann nicht länger untätig herumsitzen und warten. Wir sind es so leid”, sagt Ghulam.

Alle vier Kinder sind helle Köpfe. Sie wollen lernen und gute Bürger werden. In ihrer Schulzeit haben sie viele Preise gewonnen. Heute ist Fußballspielen ihre einzige Beschäftigung, denn in ihrem Flüchtlingscamp wird kein Unterricht angeboten. Ghulam würde gerne Griechisch lernen, aber das Camp ist 20 Minuten mit dem Taxi vom Zentrum Athens entfernt und es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel. Die Familie sitzt wortwörtlich in dem Camp fest. Die Jungen spielen in einem Flüchtlingsteam Fußball. Nächste Woche werden sie gegen eine griechische Mannschaft spielen. So vergehen die Tage. Die Nächte verbringen sie in einem Raum auf dem Gelände. 30 Menschen schlafen dort in Etagenbetten. Das einzige bisschen Privatsphäre bieten ihnen ein paar Laken, die die Familien zwischen den Bettposten aufgespannt haben.

Ein heller Streifen am Horizont


CARE und die griechische Hilfsorganisation Solidarity Now weiten ihre Programme zur Unterstützung der Flüchtlinge in Griechenland aus.
CARE-Helfer versorgen Flüchtlinge in Athen und Thessaloniki mit Informationen und leisten rechtlichen und psychologischen Beistand. In sogenannten mobilen Teams, die aus jeweils zwei Sozialarbeitern, einem Anwalt und einem Psychologen bestehen, werden die Flüchtlinge in den Städten und den umliegenden Flüchtlingscamps direkt unterstützt oder an Spezialisten verwiesen, die sich ihrem Fall annehmen. Nachdem sie von Ghulams Geschichte erfahren hat, schreibt sich eine Sozialarbeiterin von Solidarity Now seine Kontaktdaten auf und nimmt seinen ausgedruckten Lebenslauf an sich. Vielleicht bekommt er so die Möglichkeit, als Übersetzer zu arbeiten – nicht mehr als ein schmaler Streifen Hoffnung am Horizont.

Es stimmt, ich war die vierte Person, die in dieser Woche Ghulam und seine Familie interviewt hat. Und es stimmt auch, dass ich persönlich nicht viel machen kann, um ihnen zu helfen. Seine Frustration war so greifbar, und doch konnte ich seine Sorgen nicht im Geringsten lindern. Aber eine Sache können wir nach einer solchen Begegnung letztlich doch machen: Alles aufschreiben, was wir gehört haben und die folgende Botschaft verbreiten, die alle Regierungen, Entscheidungsträger und europäischen Bürger hören sollen:

 „Ich will, dass alle Europäer wissen, dass wir dieses Verhalten niemals von einer zivilisierten Gesellschaft erwartet hätten. Wir leben hier wie Gefangene und die Menschen schauen uns an, als wären wir Bettler.”

Liebe Europäische Union, lieber Friedensnobelpreisträger 2012, ist das wirklich das Beste, das wir tun können?

Mehr zu unserer Arbeit in Griechenland finden Sie hier.
Eine Übersicht der Arbeit von CARE zum Thema Flüchtlinge" gibt es hier.