Flüchtlinge in Mali: Zerrüttete Vergangenheit und unsichere Zukunft

Viele der intern Vertriebenen mussten bei ihrer Flucht aus Timbuktu alles zurücklassen und brauchen nun Unterstützung.

Eine Vorstadt von Malis Hauptstadt Bamako. Hier stehen Bauruinen, mit Müll zugeschüttet, an dreckigen, staubigen Straßen. Hier betrete ich ein Haus mit zwei Stockwerken. Wie in vielen anderen der baufälligen Häuser wohnen auch hier die Menschen aus dem Norden, erzählt man mir.

Meistens sind es Frauen mit ihren Kindern. Manchmal sind es auch nur Kinder oder Teenager, die aus der Region um Timbuktu im Norden des Landes fliehen mussten. Fliehen vor der Gewalt, dem Chaos und den leeren Geschäften. Auch die Schulen und Gesundheitszentren sind seit April letzten Jahres geschlossen.
Ihre Geschichten unterscheiden sich nur wenig, in jeder gibt es Sätze, die nicht zu Ende gesprochen werden – und es fallen Worte wie „Angst”, „Wir mussten fliehen”, „Wir mussten alles zurücklassen” oder „unser Leben wurde völlig durcheinander gebracht“. Es sind Geschichten wie die von Komjo, die etwa Mitte sechzig ist:

„Ich musste alles Gute in meinem Leben zurücklassen. Ich lebe nur noch von Erinnerungen an ein Leben vor den Kämpfen“, erzählt sie. Sie sitzt auf dem Boden. Jüngere Frauen sitzen mit ihren Kindern um sie herum, auch einige Verwandte und Nachbarn aus Timbuktu sind da. In diesem Haus leben etwa 40 Menschen, die von ihren Verwandten oder anderen Menschen mitgenommen wurden. Nachts schlafen sie gedrängt in zwei kahlen Zimmern und auf einem Balkon.

Wie jeden Morgen seit ihrer Flucht vor sechs Monaten beugt sich Komjo über einen großen Teller, voll mit kleinen Muscheln. „Sie schaut in die Zukunft“, erklärt die 30-jähige Haussa, die rechts von ihr sitzt.


„Was verraten die Muscheln heute?”, frage ich.
Ich erwarte, dass sie etwas über ihre Zukunft, über die von Timbuktu oder die von Mali erzählt. Doch dann beginnt sie, über meine eigene Zukunft zu reden. Und so, wie sie von meiner Vergangenheit spricht, möchte ich fast glauben, dass auch ihre Vorhersagen für die Zukunft wahr sind. Als ich sie nach Timbuktu frage, sagt sie: „Das weiß nur Gott…wir können nicht sicher sein.“ Sie beginnt, die Muscheln einige Male vor sich hinzuwerfen. Dann fügt sie hinzu: „Aber wenn ich könnte, würde ich jetzt sofort zurückgehen.“ Zum ersten Mal hat sie Leidenschaft in ihrer Stimme. Über ihr Gesicht, das von der Zeit gezeichnet ist und von einem hellen Kopftuch umrandet wird, huscht ein Lächeln.


„Sobald in Timbuktu wieder Frieden herrscht, werden wir zurückgehen”, setzt Haussa die Erzählungen fort.
Sie ist am 10. Januar in Bamako angekommen, nach einer vier Tage langen Reise. Die meiste Zeit fuhr sie auf einem Boot. Die letzten sieben Monate ihres Lebens wurden von schmerzhaften Entscheidungen bestimmt. Im letzten Mai entschlossen Haussa und ihr Ehemann sich dazu, ihre drei älteren Kinder – zwischen sieben und zwölf Jahren alt – nach Bamako, in die sicheren Hände von Verwandten, zu geben. Sie waren besorgt um ihre Sicherheit, nachdem die Gewalt in Timbuktu im April aufflammte. Dennoch sollten die Kinder zur Schule gehen. „In Timbuktu“, sagt sie, „gibt es seit April gar nichts mehr: Keine Schulen, keine Kliniken, keinen Strom und kein fließendes Wasser. Nichts. Es war sehr belastend für die Kinder“

Sie haben nur ihren jüngsten Sohn bei sich behalten. Abdul ist erst zwei Jahre alt. Vor einigen Wochen verschlimmerte sich die Lage und Haussas Ehemann wollte, dass Haussa und Abdul fliehen sollen. So machten sie sich auf die Reise und ließen ihren Ehemann und  Vater zurück. Er blieb um auf das Hab und Gut und das Haus aufzupassen.

Für Abdul war die Reise sehr schwer, erzählt Haussa. Er weinte oft vor Erschöpfung. Sie zieht ihren kleinen Sohn zu sich und setzt ihn auf ihren Schoß. Abdamane, ihr ältester Sohn, setzt sich neben sie. Als ich ihn frage, was er an seinem Leben in Timbuktu am meisten vermisst, antwortet er schüchtern: „Alles…die Schule, meine Freunde…und vor allem meinen Vater.“
Geschichten wie seine gibt es leider zu häufig: Geschichten von getrennten Familien, deren Zukunft von Unsicherheit und Ungewissheit bestimmt zu sein scheint.

Auch Salif und seine zwei jüngeren Brüdern eben in dem Haus, in dem Haussa und ihr Sohn untergekommen sind. Die Schule ist ihm sehr wichtig, sagt Salif. Er ist jetzt im letzten Jahr der weiterführenden Schule und möchte Agraringenieur werden. Letztes Jahr konnte er fünf Monate lang nicht zur Schule gehen, bis er auch aus Timbuktu fliehen musste.

Ich wende mich wieder Komjo zu, die immer noch auf die Muscheln starrt.
„Gibt es mehr Neues?“, frage ich. Sie macht eine Pause, schaut weiter auf die Muscheln.
„Das Leben hier ist hart. Alles ist teuer. Wir leben von einen Tag auf den anderen. Wir müssen uns Geld leihen und mit sehr wenig auskommen. Als wir hörten, dass Timbuktu befreit wurde, waren wir sehr glücklich. Es war unglaublich. Es gibt nur noch wenig dort. Es wird schwierig, aber wir wollen dorthin zurückgehen. So früh wir können“, sagt sie zum Schluss.

CARE plant, Rückkehrer und Menschen, die in Timbuktu geblieben sind, zu unterstützen. In den nächsten Tagen sollen zusammen mit lokalen Partnern 18.794 Tonnen Nahrung an 131.587 Bedürftige verteilt werden. Um in Krisen wie dieser schnell und gezielt zu helfen, benötigen wir Ihre Unterstützung.